Uni-Proteste

"Die Uni brennt! Das Geld reicht nicht!"

10. November 2009, 18:49
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    Audimax-Besetzerin Weissengruber und WU-ÖH-Chef Kilga (2. v. links) sowie die Uni-Professoren Vitouch, Liessmann und Angermann-Mozetic debattierten mit Moderator Sperl (re.), woran es den Hochschulen fehlt.

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    Gerald Angermann-Mozetic: "Ich stelle fest, dass viele Studierende gar keine Einsichten in wissenschaftliche Verfahren haben."

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    Stefan Kilga: "Sämtliche Studierende sind sich in dem Punkt einig, dass die finanziellen Mittel nicht ausreichen."

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    Konrad Paul Liessmann: "Die Hochschulen sollten vom Prinzip der Wissenschaftlichkeit wie der Ausbildung durchdrungen sein."

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    Oliver Vitouch: "Die aktuelle Lage an den Unis ist eine Chronifizierung der Notfallsituation der letzten 20 Jahre."

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    Petra Weissengruber: "34 Millionen für die Universitäten sind ein Anfang, aber das Geld reicht hinten und vorne nicht."

Zwei Studierende, drei Professoren, eine Überzeugung: Beim STANDARD-Montagsgespräch waren sich auf dem Podium alle einig, dass sich die Politik viel zu wenig um Forschung, Bildung und die Hochschulen schert

Wir sprechen heute sicher nicht über Audimaxisten, sondern über Kritiker eines Zustandes!" Montagabend im Haus der Musik in der Wiener Innenstadt: Standard-Kolumnist und Moderator Gerfried Sperl heißt seine Gästerunde zur Uni-Misere willkommen - allen voran Petra Weissengruber, Studentin der Pädagogik sowie der Psychologie und soeben aus dem größten Hörsaal der Universität Wien eingetrudelt, der seit neunzehn Tagen von protestierenden Studiosi besetzt ist.

"Milliarden werden in die Banken gepumpt", erklärt die Besetzerin selbstbewusst. "Wir fordern eine Milliarde für die Universitäten!" Die von Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) zugesagten 34 Millionen seien "ein Anfang", aber das Geld reiche "hinten und vorne nicht", um die Studienbedingungen für die Inskribierten zu verbessern. "Die Uni brennt! Es ist an der Zeit, endlich etwas zu tun."

Weissengrubers Kollege von der Wirtschafts-Uni bremst da gleich ab: Stefan Kilga, der es dort zum ÖH-Vorsitzenden gebracht hat, meint zwar, dass sich "sämtliche Studierenden einig sind, dass die finanziellen Mittel nicht ausreichen", aber: Was er an den Okkupanten des Audimax kritisiere, sei "die Art und Weise, wie sie Forderungen stellen - die ändern sich nämlich alle paar Tage".

Zwanzig Jahre Notfall

Oliver Vitouch, Professor für Psychologie an der Uni Klagenfurt, trägt demonstrativ einen Sticker mit der Aufschrift "Ich war Student!" am Revers - auch wenn er nicht mit allen Begehren der Demonstrierenden einverstanden ist. Die aktuelle Lage an den Hochschulen hält Vitouch für "eine Chronifizierung der Notfallsituation, die seit 15 bis 20 Jahren bekannt ist".

Dazu hat der Professor ein paar eindrucksvolle Zahlen aus seiner Studienrichtung parat: 1620 Studienanfänger habe die Psychologie in Österreich alleine heuer, Deutschland 3500 - und das bei der zehnfachen Einwohnerzahl. Beim nördlichen Nachbarn betrage das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Betreuern und Studierenden 1:10, hierzulande dagegen 1:100.

Vitouch plädiert daher für eine deutlich bessere Ausstattung der Unis, Regelungsmaßnahmen für Massenstudien sowie "Affirmative Action". Soll heißen: dass gleichzeitig eine bessere soziale Durchmischung an den Hochschulen zu gewährleisten ist, indem für den Nachwuchs bildungsferner Schichten die Aufnahme doch etwas begünstigt wird.

Zu wenig Geld für "Wissenschaftlichkeit"

Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie an der Uni Wien, hält die neu eingeführte Zentralmatura für eine Chance, um die Studentenströme an bestimmten Standorten ein wenig einzudämmen: "Das wäre eine klare, saubere Lösung: Nur muss die Zentralmatura ordentlich durchgeführt und so aussagekräftig sein, dass sich dadurch eine Zugangsberechtigung ergeben könnte."

Außerdem erinnert der Philosoph daran, dass die Hochschulen "sowohl vom Prinzip der Wissenschaftlichkeit als auch vom Prinzip der Ausbildung durchdrungen sein sollten", um der Idee der Bildung gerecht werden zu können.

Eine Mahnung, der sich Gerald Angermann-Mozetic, Professor für Soziologie an der Uni Graz, anschließt. Wissenschaft und Forschung, moniert er, seien der Politik nicht wichtig. Der Forschungsförderungsfonds etwa habe keine Sitzungen mehr anberaumt, weil kein Geld mehr zu verteilen sei. Das sage alles. Fazit: "Ich stelle fest, dass viele Studierende gar keine elementaren Einsichten in wissenschaftliche Verfahren haben - weil Studien praktiziert werden, wo der wissenschaftliche Charakter gar nicht mehr erkennbar ist."

Fünf Minuten Redezeit

Was die fünf Teilnehmer auf dem Podium beim Wissenschaftsminister anlässlich des am 25. November einberufenen dreistündigen Dialogs zur Uni-Misere vorbringen würden, will Diskussionsleiter Sperl noch wissen. Weissengruber gibt zu Bedenken, dass Hahn bei 50 zugelassenen Leuten ohnehin jedem bloß fünf Minuten Redezeit eingeräumt habe. Und Liessmann trocken zum knappen Zeitbudget: "Also, wenn ich da eingeladen werd, dann brauch ich länger - und sicher keine fünf Minuten!" (Nina Weißensteiner/DER STANDARD-Printausgabe, 11.11.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 228
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xerxes
04
14.11.2009, 12:56
Es kommt halt auf die Prioritäten an...

Was ist unterstützenswert ?

Koralmtunnel, Schrottprämie, Banken, Gratiskindergarten für Bartensteins Sprösslinge, Politiker, Parteiakademien...
Eindeutig JA !

Bildung, faires Grundeinkommen, ausgewogenes Rentensystem, kritische Kunst usw.
Na, wo kämen wir denn da hin...

Wood
 
01
15.11.2009, 13:26
Es versteht auch kein Normalbürger wieso NR-Abgeordnete über 8.000 Euro brutto bekommen... Minister soweit ich weiß sogar knapp das Doppelte

.. Wenn man sich bei einigen (nicht bei Allen!) die entsprechende Leistung dazu anschaut, wird einem schwindlig!

Manfred Gruberl
03
13.11.2009, 17:06
Die vereinheitlichte Meinungsauftischerjournaill feiert sich.

135
 
00
12.11.2009, 22:20
No ja, wenn Herr Hahn nun in Brüssel

zuständig wird, dann hat er Gelegenheit, die von ihm
unterlassenen Verhandlungen mit Deutschland EU-weit zu regeln.
Allerdings würde jede Regelung auch die in Deutschland und in anderen eU Staaten studierenden Österreicher treffen, aber das derfens ja net, denn Österreich ist der Nabel der EU

Pythagorean triple
30
13.11.2009, 10:49

Ich frag mich warum die ganze Besetzungsgeschichte sich größtenteils nur durch unfähige Kanditaten präsentiert.

135
 
02
13.11.2009, 14:49
Wer ist in Ihre Augen unfähig?

Melanie H
32
12.11.2009, 19:11

Das Problem mit D muß gelöst werden. Die EuGH Judikatur war der totale Holler, leider haben es Länder wie Österreich und Belgien, die genauso darunter leiden, verabsäumt, im Vertrag von Lissabon eine entsprechende Lösung reinzureklamieren.

Erinnere mich noch daran, wie Gusi gedroht hatte, den Vertrag zu boykottieren, wenn das Uni-Problem in Ö nicht gelöst wird und er diese Drohunh zurükgezogen hat, als Barroso sagte, die Kommission werden 5 Jahre lang kein neues Verfahren gegen Ö anstrengen. Das war natürlich die Lösung aller Probleme.

Chance verpaßt, wie jedesmal in Österreich - jetzt muß man halt bilateral mit D eine Lösung finden. Es kann nicht sein, daß das kleine Österreich die deutschen Studenten alle ausbilden muß.

P.H.
02
13.11.2009, 13:19
Ich kann dieses blah blah nicht mehr hören

Die paar hundert Medizin- und Psychologiestudenten sind halt im Moment für die Studierenden und Lehrenden der entsprechenden Fächer recht lästig, aber das ist doch bitte kein ernstzunehmendes strukturelles Problem. Das sollte sich doch bitte irgendwie lösen lassen.

Auf der anderen Seite gibt es auch tausende deutsche Akademiker, die in Österreich arbeiten und für deren Ausbildung Österreich schlichtweg gar nichts zahlen musste.

Außerdem studieren auch viele Österreich im Ausland (soweit ich weiß würde Österreich bei einem EU-weiten Ausgleich genau nix bekommen) und außerdem studieren ja keine anderen "Ausländer" in Österreich, weil man ja an den ganzen Provinz-Unis hier (im Gegensatz z.B. zu Belgien) nur auf Österreich studieren kann ...

135
 
02
12.11.2009, 14:49
Offenbar hat die "österreichische Seele" mehr

Bedarf an psychologischer Betreuung.
Es ist halt schwer- man merkte es an manchen Reden in der heutigen NR-Sitzung aus dem geistigen Sumpertum zu entkommen.
Übrigens: Beachtlich war die Rede Schüssels in Sachen Universitäten.Er befaßte sich mit seiner Reputation und der Ankündigung einer diesbezüglichen Klage...

charley-inc
62
11.11.2009, 19:01
"Die Uni brennt! Das Geld reicht nicht!"

Jetzt haben die Audimaxler doch eh 100 000 Euro von der netten ÖH, die sie sonst eigentlich gar nicht nett finden, bekommen, reicht das einstweilen nicht zum Feuermachen? Haben die es gar in Münzen und nicht in Scheinen gebracht? ;-)

Melanie H
00
12.11.2009, 19:04

Wieso zum Feuermachen? Die Uni brennt ja schon, da müßte man in Feuerlöscher investieren. Nur halt nicht in solche mit Wasser und Schaum, wie du glaubst.

Helmut-S
42
11.11.2009, 12:28
Das Klische...

..."Petra Weissengruber, Studentin der Pädagogik sowie der Psychologie."

Fehlt nur noch das die Dame aus Deutschland ist.

Es sind genau diese überlaufenen Studien (wie auch Vitouch aufzeigt) wo es ohne Zugangsregelungen einfach nicht Sinn macht. Im Vergleich mit den deutschen Zahlen käme man bei uns auf 350 Psych-Anwärter jährlich (das klingt auch realistisch), wir haben aber mehr als das vierfache davon, viele aus DE die dort keinen Platz kriegen.

Was soll der Sinn sein, soviele Psychologen auszubilden wenn die nacher keinen entsprechenden Beruf ergreifen können? Warum soll der Steuerzahler das finanzieren?

Die Idee mit der "Affirmative Action" ist gut, zusätzlich sollte der Zugang zu Tech-Studien noch leichter sein (mehr Förderung...)

silverfinger
01
11.11.2009, 13:06

wenn die Studienpläne nicht so eng wären könnte man eine zusätzliche Marketingausbildung (über BWL oder was auch immer) machen und wäre dann in der Werbung gut aufgehoben zum Beispiel

niewieder nett
 
04
11.11.2009, 18:00
guter und wichtiger einwurf

das ist ja das nächste.
könnte ich mir mein studium "zusammenstellen" d.h. würden die abgelegten prüfungen für sich stehen...hätten wir a) mehr akademiker (weil dann leute fertig studieren würden die z.b. einen teil jus, ein teil soziologie, bwl und dann theaterwiss. haben) und b) leute über die sich er arbeitsgeber freuen könnte...

Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
12
11.11.2009, 18:12

eben ned.

weil das wären ja leute, die denken.

und sowas fürchtet die heutige "wirtschaft" wie der teufel das weihwasser.

shangl
00
13.11.2009, 11:34
oder es wären leute...

...die die einfachsten kurse belegen und sich durchmogeln...dann hätten wir statt überlaufenen einfachen studien überlaufene einfache kurse...ein gewisser grundstock für ein studium gehört her...alles andre soll man sich über wahlfächer aussuchen können

tramezzino
21
11.11.2009, 11:40
es ist nicht so schwer:

die einen müssen sparen und die anderen auch.

pr re
00
12.11.2009, 08:58
die einen müssen sparen und die anderen auch.

sagt wer?
sagt eine alte bauernweisheit?
oder rufen die spatzen vom dom runter?
oder dem pepp seine leber?

tramezzino
01
12.11.2009, 10:00

sagt die aktuelle wirtschaftsentwicklung und die rückläufigen steuereinnahmen. ist doch nicht so schwer und sollte auch für maturanten begreifbar sein.

CCulv
 
010
11.11.2009, 11:03
Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft

In Bildung zu investieren bringt dem Staat die höchsten Zinsen, allerdings erst in 5-10 Jahren, dann aber kontinuierlich, falls nicht wieder ein Sparpaket oder Maastricht-Loch-Stopf-Mini-Bildungsbudget kommt.
Bologna heißt - zumindest so wie ich's in Ö erleb' - 3 Jahre länger Schule, 3 Jahre länger weg von einem Arbeitsplatz, nur sagen traut sich's keine/r.
Und: Ich hab von der Politik noch immer keine Antwort gehört, wozu ein verschultes Bakkalaureat gut sein soll - die Moblilität fördert es jedenfalls nicht.
Aber: DIE LÖSUNG: Studiengebühren müssen her! Einfallsloses NLP! - Als ob ein Studium nicht schon genug kosten würde!
Unis im Reformwahn, seit 1993!
Vielleicht hilft eine Bildungsrevolution!
Christian Cenker, http://www.ulv.ac.at

caranx
11
11.11.2009, 13:11
Klar, es muss wesentlich mehr Geld her!

Parallel dazu müssen aber auch strukturelle Änderungen erfolgen: Straffung der Lehrpläne und Leistungskontrolle.

Melanie H
00
12.11.2009, 19:05

Leistungskontrollen? Wer soll kontrolliert werden?

Johann Hunger1
13
11.11.2009, 10:31
Meine Meinung

Ich würde eine Volksabstimmung abhalten, dass die ca. 450 000 BeamtInnen 10 % von ihrer Nettopension in einen Studententopf einzahlen sollten. Nach meiner Schätzung kommen da pro Monat ca.189 000 000.-€ in den Topf! So einfach würde es gehen, wenn wir nur wollten.

theoderic
111
11.11.2009, 09:05
kennzeichnend für die debatte ...

Eine PPP Studentin, ein WU Student, je ein Professor für Soziologie, Psycholgie, Philispohie debattieren ... weh dem, der hier die bezweifelt, dass es sich hier um repräsentative Vertreter für die österreichischen Unis handelt. Aber egal: interessant ist ein Zitat: "1620 Studienanfänger habe die Psychologie in Österreich alleine heuer, Deutschland 3500 - und das bei der zehnfachen Einwohnerzahl. Beim nördlichen Nachbarn betrage das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Betreuern und Studierenden 1:10, hierzulande dagegen 1:100." Bauchreaktion: mehr Professoren! Hirnreaktion: unter den Annahme, dass die es nicht mehr Patienten gibt, wieso braucht D nur einen Bruchteil an Studenten? Oder studieren die alle bei uns?

Melanie H
00
12.11.2009, 19:07

ja, es studieren viele bei uns, weil es in D Zugangsbeschränkungen gibt.

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