Theater an der Wien

"Theater muss dem Hier und Jetzt entspringen"

10. November 2009, 17:51
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    foto: cremer

    Regisseur Christof Loy: "Sich stören zu lassen und zum Nachdenken gebracht zu werden, auch durch sinnliche Eindrücke, ist das Schönste, was passieren kann."

Das Theater an der Wien zeigt Henzes "Prinz von Homburg" - Regisseur Christof Loy über verfälschende Inszenierungen im Interview

Standard: Was ist für Sie der Ausgangspunkt Ihrer Regiearbeiten, das Stück oder seine Rezeptionsgeschichte? Lässt sich das trennen?

Loy: Sicher ist es erst einmal das Stück selbst. Ich glaube aber, dass man einen persönlichen Bezug zum Stück entwickeln muss, um die Freiheit zu haben, etwas zu erzählen. Aber ich mache oft Stücke, die eine Rezeptionsgeschichte in dem Sinn nicht haben. Prinz von Homburg ist etwa ein Stück, das ich auf der Bühne nur als Schauspiel, aber nie als Oper gesehen habe.

Standard: Sie inszenieren auch viel Kernrepertoire von Barockoper bis Wagner. Wie gehen Sie da vor?

Loy: Ich versuche immer, etwas zu entdecken, das mich interessiert. Da mache ich eine genaue Textanalyse. Sehr oft trägt man ja Bilder von Aufführungen in sich, durch die vieles vom Stück zugeschüttet ist. Ich denke, dass Theater etwas mit einem Ausdruckswillen zu tun haben muss, der aus dem Hier und Jetzt entspringt, und dass es sich auf keinen Fall um eine affirmative Kunstform handelt. Es kann nicht darum gehen, dass man zu einer Veranstaltung eingeladen wird, in der man nicht gestört wird. Ich glaube, sich stören zu lassen und zum Nachdenken gebracht zu werden, auch durch sinnliche Eindrücke, ist das Schönste, was passieren kann.

Standard: Der Generalverdacht gegen das sogenannte Regietheater ist ja, "gegen das Stück" zu arbeiten. Inwieweit muss sich Interpretation auf ihren Gegenstand beziehen?

Loy: Ich bin als Regisseur ein nachschöpfender Künstler, also jemand, der sich auf etwas bezieht, das schon ein kreativer Prozess war, gegenüber dem ich immer großen Respekt habe. Ich fühle aber auch die Pflicht, dass ich genauso viel Feuer haben muss wie der Autor. Wenn man das Stück so nacherzählen würde, wie es da steht, würde sich heute mitunter ein verfälschter Eindruck einstellen, weil bestimmte Bilder mit Sehgewohnheiten eines vergangenen Publikums verbunden sind. Da sieht man auch bei jemandem wie Wagner, dass er in seiner musikalischen Ästhetik viel fortschrittlicher war denn als Librettist.

Standard: Wie bekommt man einen Blick für das Hier und Jetzt?

Loy: Ich versuche mich so viel wie möglich auf dem Laufenden zu halten, was in der zeitgenössischen Kunst passiert und was Menschen beschäftigt - egal, ob sie die Bild-Zeitung lesen oder die Frankfurter Allgemeine. Es geht mir nicht darum, einen allgemeinen Publikumsgeschmack herauszufinden, denn wenn 800 Leute im Publikum sitzen, gibt es sowieso 800 verschiedene Meinungen. Aber ein Gefühl für Jetzt und Heute zu entwickeln ist schon etwas, was mich in den Momenten, in denen ich nicht im Opernhaus bin, umhertreibt. Dabei kommt mir auch zugute, dass ich keinen Führerschein habe und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen bin. Das klingt banal, ist aber wichtig, denn ich glaube, dass ich dadurch einen anderen Blick entwickle als jemand, der nur mit der Limousine zwischen Theater und Appartement hin- und herfährt.

Standard: Zurück zu "Prinz von Homburg" : Henze ging es darum, Kleists Stück von der Vereinnahmung durch die Nazis zu befreien; seine Oper wurde dann als Traumbild gesehen, und Sie möchten nun wieder politische Implikationen zeigen. Wie sehen Sie dieses Dilemma?

Loy: Ich finde, das lässt sich gar nicht auseinanderdividieren. Die Rezeptionsweise, die vielleicht sogar für eine Zeit vor den Nazis wichtig war, dass ein deutsches Volk sich finden kann, dass jemand seinen träumerischen Egoismus aufgibt, um ganz im Staat aufzugehen, war von Kleist sicher nicht so intendiert. Was ich in der Oper interessant finde, ist, dass erst die Fährte gelegt wird, dass es sich um eine sonderliche Gestalt handelt, um einen Nachtwandler, der eine Wahrnehmungsstörung hat. Inwiefern hat dieser ganz bestimmte psychische Zustand mit einem System zu tun, das so kafkaesk beschrieben wird? Das Stück ist eigentlich eine Auseinandersetzung mit einem überzeichnet krankhaften Zustand einer Figur und einer Analyse der ihn umgebenden Gesellschaft. Insofern kann man Individuelles und Gesellschaftliches da nicht trennen.

Standard: Wie zeigen Sie das?

Loy: Ich arbeite mit der Perspektive Homburgs, wo der Träumer selbst versucht, seine Wahrnehmung in Worte zu fassen, und Momenten, in denen man nicht entscheiden kann, ob die Außenwelt eindringt oder ob es sich wieder um die subjektive Wahrnehmung eines Außen handelt. Dieses Lavieren möchte ich nachvollziehbar machen; in diese Verunsicherung möchte ich den Zuschauer selbst bringen, damit man in sich selbst Tiefen entdeckt, die man, natürlich auch, um sich das Leben bequem zu machen, gerne vermeidet.

(Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 11.11.2009)

Zur Person:
Christof Loy, jahrgang 1962, studierte Musiktheaterregie in Essen sowie Philosophie, Kunstgeschichte und italienische Philologie in München. 2008 erhielt er den Faust-Preis, und die "Opernwelt" erkor ihn zum dritten Mal zum Opernregisseur des Jahres.

Preger
21
11.11.2009, 00:02
Theater muss gar nichts.

Theater kann alles. Darum gehts!

Preger, Teilzeitkuenstler/In

slaine mcroth
01
13.11.2009, 13:11


Aber nicht alles interessiert uns.

Slaine, Vollzeitintellektuelle/r

Preger
00
13.11.2009, 13:26
Und das ist gut so.

Man hat ja schliesslich nur ein Leben, und da geht sich schon der interessante Teil kaum aus...

Preger, Teilzeitkuenstler/In

fischkopp
00
11.11.2009, 13:32

Auch Kaffee kochen ?

Preger
11
11.11.2009, 13:40
Auch das.

Alles was Sie sich vorstellen koennen und noch mehr!

Preger, Teilzeitkuenstler/In

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