Schlag gegen das Herz der Nation

9. November 2009, 20:59

Mit der "Sonderaktion Krakau" holten die Nazis vor 70 Jahren zur Vernichtung der polnischen Intelligenz aus

Warschau/Wien - 6. November 1939, 12 Uhr: Dr. Bruno Müller, GestapoChef von Krakau, betritt einen vollbesetzten Hörsaal der Jagiellonen-Universität. Die zu seinem Vortrag geladenen Wissenschafter warten gespannt auf die ersten Worte. Angekündigt ist das Thema: "Die Stellung des Dritten Reiches und des Nationalsozialismus zu Wissenschaft und Universität". Müller spricht keine drei Minuten: "Sie sind verhaftet. Wer Widerstand bei der Durchführung meines Befehls leistet, wird erschossen."

Die Szene ist in Andrzej Wajdas Film Katyn nachgestellt. Dessen Hauptthema ist die Ermordung von mehr als 20.000 polnischen Offizieren, unter ihnen tausende zur Armee eingezogene Akademiker, durch die Sowjets im Wald von Katyn. Mit diesem und anderen Massakern wollte Stalin, wie Hitler, die polnische Intelligenz und damit das Herz der polnischen Nation vernichten.

Die "Sonderaktion Krakau" jährte sich heuer zum 70. Mal. Wie des Massakers von Katyn gedenkt Polen jedes Jahr des ersten großen Schlages der Nazis gegen die polnische Intelligenz. In Deutschland und Österreich hingegen ist der Auftakt zur Lösung des "Juden- und Polackenproblems", wie Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), es formulierte, weitgehend vergessen. Dabei hatte Heydrich bereits drei Wochen nach Kriegsbeginn 1939 befohlen, die polnische Intelligenz sofort "unschädlich" zu machen und zu "liquidieren". Die übrig bleibenden "primitiven Polen" sollten dem Großdeutschen Reich als "ewige Saison- und Wanderarbeiter" zur Verfügung stehen.

Die Verhaftung der 183 Krakauer Wissenschafter wird weltweit als Verbrechen gebrandmarkt. Es hagelt Proteste, auch aus befreundeten Staaten. Mussolini schaltet sich persönlich ein und spricht mit Hitler. Die "Gräuelpropaganda des Auslands" nimmt so zu, dass das Dritte Reich um sein Image zu fürchten beginnt und am 8. Februar 1940 die ersten 100 Professoren entlässt: eine in der Geschichte der NS-Lager einmalige Aktion.

Für elf Wissenschafter kommt die Rettung allerdings zu spät: nach 41 Tagen im KZ sind bereits sechs gestorben, weitere fünf sterben noch in der ersten Woche nach ihrer Ankunft in Krakau. Keine Chance auf Freilassung haben drei jüdische Professoren: der Archäologe Leon Sternbach, der Philosoph Joachim Metallmann und der Geograf Wiktor Ormicki. Alle drei werden ermordet. (gl, jk/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2009)

 

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