Merkel spricht von "glücklichstem Tag der jüngeren deutschen Geschichte" und fordert neue globale Ordnung
Diesmal ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel rechtzeitig da. Kurz vor 15 Uhr trifft sie an der Berliner Bösebrücke ein, die 1989 noch unter dem Namen "Grenzübergang Bornholmer Straße" bekannt war. Vor 20 Jahren bekam Merkel vom Mauerfall ja zunächst nichts mit. Sie ging nach der legendären Pressekonferenz von Politbüro-Mitglied Günther Schabowski erst einmal in Ost-Berlin in die Sauna. Dass am Abend des 9. November an der "Bornholmer Brücke" Tausende von Ost nach West strömten, erfuhr sie erst am Tag danach.
Doch 20 Jahre später hat Merkel gleich hochrangige Begleitung mitgebracht. Mit ihr von Ost nach West marschieren an diesem regnerischen Gedenktag der ehemalige russische Staatschef Michail Gorbatschow, dessen polnischer Ex-Kollege Lech Walesa, der Bürgerrechtler Joachim Gauck und der 1976 von der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann. Zu überwinden haben sie diesmal nur eine rote Samtkordel. Vor 20 Jahren mussten Bürgerinnen und Bürger aus Ost-Berlin noch stundenlang auf das Hochgehen des Schlagbaums warten, von Minute zu Minute ungeduldiger.
Doch auch 2009 gibt es Jubel und Applaus, an der Brücke herrscht trotz des schlechten Wetters ein wenig Volksfeststimmung. Und das setzt sich noch den ganzen Gedenktag fort.
Auch Merkel erinnert noch einmal an den 9. November 1989. Er sei der "glücklichste Tag der jüngeren deutschen Geschichte" gewesen. Jene Bürger, die damals gegen die kommunistische Diktatur aufbegehrten, hätten "Mut" gehabt. Davon bräuchten die Deutschen auch in Zukunft viel. Besonders lobend erwähnt werden von ihr die Kirchen und die Montagsdemonstrationen, von denen der Widerstand damals ausging, bis er schließlich die gesamte DDR erfasste. Merkel will auch in Zukunft die "Erinnerung an das Geschehene" wach halten und "keinen Schlussstrich ziehen" .
Stärkung der EU
Auf der internationalen Bühne möchte sich Merkel für eine neue globale Ordnung einsetzen. So müssten die Nationalstaaten Kompetenzen an multilaterale Organisationen wie die EU abgeben. Diese sei durch ihre Mitgliedstaaten gestärkt worden, auch wenn man nicht alle Entscheidungen aus Brüssel gutheiße. In Deutschland sieht Merkel die Einheit "noch nicht vollendet" . Man müsse sich anstrengen, um die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Ost und West anzugleichen.
Der Gang über die Brücke war einer der Höhepunkte für Merkel. Am Abend feiert sie mit 30 Staats- und Regierungschefs sowie US-Außenministerin Hillary Clinton, dem ehemaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow und zehntausenden Bürgern ein "Fest der Freiheit" am Brandenburger Tor. US-Präsident Barack Obama sagt in seiner Videobotschaft: "Lassen Sie uns niemals den 9. November 1989 vergessen und das Licht der Freiheit auch in den dunkelsten Nächten der Tyrannei aufrecht erhalten."
Russlands Staatspräsident Dimitri Medwedew erinnert daran, dass die Rolle der Sowjetunion 1989 "durchaus entscheidend war" . Denn zuerst hatte es "Veränderungen in der Sowjetunion gegeben" . Und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy stellt die deutsch-französische Freundschaft in den Mittelpunkt seiner Rede. Vor dem Mauerfall hätten die beiden Staaten zwei Mal Krieg gegeneinander geführt. Heute, im vereinten Europa, sei dies undenkbar und der Fall der Mauer daher auch heute noch "Auftrag, alle Unterdrückung zu bekämpfen" .
Zum Abschluss der Feierlichkeiten findet dann der lange vorbereitete "Domino-Day" statt: Tausend, von Schülern gestaltete Styroporsteine, die symbolisch noch einmal den Mauerverlauf am Brandenburger Tor bilden, fallen.
Den Anstoß dazu geben der frühere Chef der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und spätere Staatspräsident Lech Walesa und der frühere ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth. Als die Steine fallen, ist der Jubel der Zuseher groß. Auch das erinnert ohne Worte noch einmal an die Geschehnisse und an die Stimmung des 9. November 1989. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2009)