13 DiplomandInnen am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ziehen vor ihrem Studienabschluss Bilanz
Die österreichischen Universitäten erleben derzeit die größten Proteste seit langem - nicht zuletzt gegen überfüllte Hörsäle, Zugangsbeschränkungen und schlechte Betreuungsverhältnisse. Ein Studium, welches in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, und auch ansonsten von negativer Berichterstattung - Stichwort: arbeitslose AkademikerInnen - nicht verschont bleibt, ist jenes der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
Katharina Bacher ging in ihrer Diplomarbeit geläufigen Vorurteilen nach und bat 13 DiplomandInnen zum Gespräch. Durch die Methode in Form zweier Gruppendiskussionen und dreier Einzelinterviews tat sich dabei ein breites Themen-feld auf.
"...wenn man nicht weiß, was man sonst studiert"
Etwas überraschend kommt Bacher dabei zu dem Ergebnis, dass die Befragten einzelne Klischees über das Studium bzw. die Studierenden selbst reproduzieren: Angesprochen auf die Gründe der Studienfachwahl werden etwa die Leichtigkeit und ein fehlendes Anforderungsprofil genannt, wie Publizistik auch als Studium, "das man studiert, wenn man nicht weiß, was man sonst studiert" bezeichnet wird. Der Umstand, dass vor allem die hohe Anzahl der Studierenden für missliche Gegebenheiten wie Raumnot und mangelndes Feedback verantwortlich ist, schlägt sich in einer vergleichsweise schlechten Meinung gegenüber den KollegInnen, aber auch dem Ruf nach einem höheren Schwierigkeitsgrad nieder. Manche Studierende hätten im 10. Semester "von Wissenschaftlichkeit [...] echt keinen Plan" und könnten sich etwa durch Gruppenarbeiten durchschummeln, wird moniert.
Ein leichtes Studium - bis zur Diplomarbeit
In Anbetracht der zu vollbringenden Diplomarbeit rudern die Befragten aber etwas zurück, werde hier - im Vergleich zu anderen Studienrichtungen - doch vergleichsweise viel verlangt. Eine Befragte meint denn auch: "Du kannst rumbummeln wie du willst, und dann musst du auf einmal etwas leisten." Auftretende Probleme werden aber auch auf die mangelnde wissenschaftliche und methodische Ausbildung zurückgeführt. Nichtsdestotrotz wird dem Studium sehr wohl ein - zum Teil hoher - Nutzen zugesprochen: v. a. für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit wie das Erlernen von Selbstorganisation und die Fähigkeit, Kritik zu organisieren; aber auch Recherchefähigkeit und die Fähigkeit zum Networking werden ge-nannt.
"Kenne niemanden, der Taxi fährt"
Auf die Jobchancen angesprochen tut sich ein durchwegs positives Bild auf, was aber nicht zuletzt in Berufs- bzw. Praktikaerfahrungen der TeilnehmerInnen begründet liegt. Diesen wird zum Teil höherer Stellenwert als dem Studium beigemessen. Letzteres kommt dann doch einigermaßen gut weg: "Einen eklatanten Unterschied zwischen dem Image von Publizistikstudierenden unter Studierenden und von Publizistikstudierenden unter Human Ressources- oder Personalmenschen" ortet etwa ein Teilnehmer, der auch keine/n Absolventen/-in kennt, der/die Taxi fahre. Von "coolen Jobs" und gutem Verdienst im Bekanntenkreis ist an anderer Stelle zu hören. Angesichts der beruflichen Situation der Befragten - fast alle konnten bereits Erfahrung in ihrem gewünschten Berufsfeld sammeln - fällt die Bilanz positiv aus: Elf von dreizehn würden erneut Publizistik studieren.
Aus Katharina Bachers Diplomarbeit geht schließlich ein ambivalentes Verhältnis der Befragten zu ihrem Studium hervor. Oft kritisierte Ausbildungsmängel und Studien-bedingungen gehen nicht zwangsläufig mit schlechten Jobchancen einher; wobei darauf hingewiesen werden muss, dass bei einer niedrigen Responserate v. a. "etablierte" StudentInnen, darunter fünf TutorInnen, an der Befragung teilnahmen. Davon abgesehen gewährt die mit zahlreichen Vergleichsstudien angereicherte Diplomarbeit aber einen authentischen Einblick in das "Massenstudium" Publizistik - und weckt damit durchaus Interesse an Untersuchungen zu anderen Studienrichtungen.
Die Diplomarbeit "'Ich glaub nicht, dass wir nix können'. Selbstverständnis von
Studierenden am Wiener Institut für Publizistik- und
Kommunikationswissenschaft" (2008) von Katharina Bacher ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.
Die Autorin
Katharina Bacher studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
an der Universität Wien, und arbeitet als Lektorin beim Fachverlag
LexisNexis.
Der Rezensent
Andreas Huber studiert Soziologie an der Universität Wien.