Duisburger Filmwoche

Interkulturelle Ostereier

9. November 2009, 17:24
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    foto: filmwoche

    Erweiterung des dokumentarischen Schauens: US-Regisseur James Benning richtet die Kamera auf deutsche Kokereien aus.

Avanciertes Kino von James Benning und 3sat-Preis an "Oceanul Mare"

"Vielleicht ist es am besten, wir beginnen mit einer Übung" , schlägt James Benning vor der Weltpremiere seines Films Ruhr zum Auftakt der 33. Duisburger Filmwoche vor: "Tun Sie alle so, als wären Sie gerade erst gekommen." Zu dem Zeitpunkt hat das Publikum bereits eine Stunde Eröffnungsreden hinter sich: ein potenzielles Hindernis für die Wirkung des folgenden Films, zumal Bennings Kino ungeteilter Aufmerksamkeit bedarf, um seine Reize zu entfalten.

Ruhr, eine Auftragsarbeit für die Filmwoche und der erste außerhalb der USA gedrehte Film des Experimental-Dokumentaristen, verzichtet weitgehend auf die übergreifenden konzeptuellen und strukturellen Klammern früherer Arbeiten (Deseret, 13 Lakes): Statische, etwa zehnminütige Ansichten aus dem Ruhrgebiet - ein wenig befahrener Straßentunnel, die Halle eines Eisenwalzwerks, die mühsame Säuberung einer Skulptur des Künstlers Richard Serra - fügen sich nicht zu einem Befund über die Industrieregion, sondern funktionieren als autonome, vieldeutige Minimal-Erzählungen.

Nebenher lotet Benning in seiner ersten Videoarbeit konsequent die Möglichkeiten digitaler Laufbildproduktion aus: In einer Sequenz aus einem Waldstück nahe dem Düsseldorfer Flughafen registriert der Film die Reaktionen des Geästs auf die Luftströme vorüberbrausender Flugzeuge mit einer stupenden Detailgenauigkeit, die so nur einer HD-Kamera möglich ist. In der zweiten Hälfte von Ruhr nutzt Benning Video zur Erweiterung seiner Poetik der Dauer: Ungeschnitten ist eine Stunde lang der Kühlturm einer Kokerei zu sehen, dessen regelmäßiger Dampfausstoß seine visuellen Valeurs mit dem Sonnenuntergang verändert.

Offen für entferntere Regionen

Die Wahl von Ruhr zum Eröffnungsfilm für das Duisburger Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms ist in mindestens zweifacher Hinsicht programmatisch: Wie gewohnt favorisierte die Filmauswahl formal avancierte Spielarten dokumentarischen Filmemachens, von Volko Kamenskys vertracktem Idyllen-Gruselfilm Oral History bis zu Peter Schreiners sprödem, bewegendem Portrait Totó über die ernüchternde Rückkehr eines Fünfzigjährigen in sein kalabresisches Heimatdorf.

Zugleich verdeutlicht Ruhr, in dem einzig beim Freitagsgebet in einer Moschee gesprochen wird, wie notwendig offen der Begriff des "deutschsprachigen Dokumentarfilms" inzwischen zu fassen ist: Rund ein Drittel der Filme im Programm hatte sein geografisches und sprachliches Zentrum außerhalb des deutschsprachigen Raums, darunter auch zwei österreichische Produktionen, die mit Preisen bedacht wurden: Im einnehmend direkten Ensemble-Dokudrama Dacia Express (Goldener Buchstabe der Untertitel-Hersteller SUBS) fängt Michael Schindegger Zufallsbekanntschaften auf der Bahnstrecke Wien-Bukarest ein, in Oceanul Mare (3sat-Dokumentarfilmpreis) beobachtet Katharina Copony den Alltag dreier Vermittlerfiguren der chinesischen Migrantengemeinde in Bukarest:

Aus der behutsamen Annäherung an die Lebenswirklichkeiten eines Selfmade-Unternehmers, eines Zeitungsmachers und einer Chinesin mit ostentativ europäischem Anwesen gewinnen Copony und Kameramann Bernhard Keller (Alle anderen) immer wieder prägnante Bilder von Hybridisierung und Dislokation. Noch an den Drachen-Motiven auf Ostereiern lassen sich interkulturelle Verschiebungen ablesen.

Wenig überraschend waren DDR-Geschichte und Wiedervereinigung in mehreren deutschen Dokumentarfilmen präsent: Direkt thematisiert wurde der Mauerfall in Thomas Heises Material, die Unverwendetes aus dem Archiv des Filmemachers zu einer bruchstückhaften, gewaltigen Gegengeschichte anordnet.

Verblüffend war allerdings, wie hartnäckig ostdeutsche Vergangenheit auch in Filme mit anderen Agenden hineinragte: Gleich zu Beginn von Claudia Lehmanns Porträt Hans im Glück schildert die Titelfigur, der Berliner Rockbassist und begnadete Selbstdarsteller Hans Narva, wie er und seine Band kurz nach Mauerfall einen Überfall auf einen Geldtransporter geplant hätten, um ein wenig Geld aus dem Westen abzuschöpfen. Später besucht Narva das Ostberliner Gefängnis, in dem er wegen Verkehrsdelikten eingesessen ist: Jetzt werden hier Wohnungen gebaut.

Eine Spiegelung dieser Szene taucht in Maik Bialks Die Maßnahme auf: Hier besucht ein Ex-Kommissar das DDR-Gefängnis, in dem er 1988/89 Vernehmungen durchzuführen hatte. Heute überwacht er in seiner Heimat im Osten eine staatliche Versuchsmaßnahme, Arbeitslosigkeit durch Bürgerarbeit zu "bekämpfen": Langzeitarbeitslose schleppen für die (niedrigen) staatlichen Zuwendungen Steine oder richten eine Stadtbibliothek ein. An der Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme meldet Bialks Film unpolemisch, aber unmissverständlich Zweifel an. (Joachim Schätz aus Duisburg, DER STANDARD/Printausgabe, 10.11.2009)

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