Thierse: Beitrag der Ostdeutschen wird zu wenig gewürdigt - "Kohl hat damit nichts zu tun"
Saarbrücken/Berlin - Anlässlich des Mauerfalls vor 20
Jahren hat der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher
(FDP) dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow für
seinen Beitrag zum Mauerfall gedankt. Er empfinde "Dankbarkeit für
die Menschen, die vom Osten her die Mauer eingedrückt haben, aber
auch Dankbarkeit für den Mann, der die Welt in jenen Jahren verändert
hat, nämlich Michail Gorbatschow", sagte Genscher am Montag im
Saarländischen Rundfunk. Besonders freue er sich, dass heute alle
Europäer die Chance hätten, diesen Tag in Freiheit zu begehen.
Der aus Ostdeutschland stammende Vizepräsident des Deutschen
Bundestags, Wolfgang Thierse (SPD), kritisierte indes die zu geringe
Würdigung des Beitrags der Ostdeutschen zum Mauerfall. Es sei falsch,
dass Altkanzler Helmut Kohl als derjenige hingestellt werde, dem
Deutschland die Einheit zu verdanken habe, sagte Thierse am Montag
dem Bayerischen Rundfunk. "Das hat ganz viel mit Propaganda zu tun,
auch mit parteipolitischer Propaganda. Nein, die Ostdeutschen haben
die Mauer eingedrückt, damit hat Helmut Kohl nichts zu tun".
"Enteignung der Ostdeutschen"
Thierse räumte ein, dass Kohl nach dem Mauerfall den Prozess der
deutschen Einigung "mit Intelligenz vorangetrieben" habe. "Aber wer
so wie die CDU, die Konrad Adenauer Stiftung, die Springer Presse ein
paar Tage vor dem Mauerfall eine große Veranstaltung macht 'Dank an
Helmut Kohl, an George Bush senior, an Gorbatschow', der enteignet
uns Ostdeutsche vom wichtigsten, was wir haben, einer demokratischen,
einer friedlichen Revolution, die gut ausgegangen ist", betonte der
frühere DDR-Dissident. (APA)