Oder: Wie es kam, dass 1989 alles auch ganz anders hätte kommen können - von Michael Meyer
Erinnerungen eines US-Reporters an einen Abend in Berlin, zwei Tage nach dem Ende des "anderen Deutschland".
*****
Seit Wochen wird auf den Fernsehbildschirmen weltweit eine Szene wiederholt, als wären die gezeigten Ereignisse brandaktuell: jubelnde, auf der berüchtigten, vor 20 Jahren, am 9. November 1989, gefallenen Mauer tanzende Berliner. "Die Mauer ist weg!" , riefen die Menschen damals vor den Kameras am Brandenburger Tor und ballten die Fäuste in der Luft.
Ohne Zweifel ist dies eines der symbolträchtigsten Bilder des 20. Jahrhunderts. Insbesondere für die Amerikaner war es das mythisch überhöhte Emblem des Sieges im Kalten Krieg. Doch für die, die in jener Nacht vor Ort waren (wie ich für Newsweek), ist der Moment weniger eindeutig, insbesondere in der Rückschau nach zwei Jahrzehnten. Einfach ausgedrückt: Die Geschichte hätte damals leicht einen ganz anderen Verlauf nehmen können, und hätte es beinahe auch getan.
Egon Krenz, der kommunistische Führer der Deutschen Demokratischen Republik, hat es eine "vermasselte" Situation genannt. Er genoss am späten Nachmittag jenes 9. Novembers gerade einen seltenen Augenblick des Triumphes, als sein Parteisprecher bei ihm vorbeikam. "Irgendwas bekanntzugeben?," fragte Günter Schabowski unschuldig. Krenz zögerte und händigte ihm dann eine Pressemitteilung aus. Es war die Bekanntgabe einer wichtigen Initiative, die er nur Stunden zuvor in der Volkskammer durchgedrückt und die die widerspenstige Bevölkerung seit Wochen in den Straßen gefordert hatte: das Recht auf Reisefreiheit. Krenz beabsichtigte, es ihnen zu geben - aber erst am folgenden Tag, dem 10. November.
Ohne sich dieser entscheidenden Tatsache bewusst zu sein, machte Schabowski sich auf und verlas die Erklärung in einer heute berühmten Szene vor aller Welt. "Wann tritt das in Kraft?" , wurde er von Reportern gefragt. Und nun missachtete der verwirrte Schabowski das hochwichtige Datum: "Sofort" , sagte er. Innerhalb eines Herzschlages war der Schaden angerichtet. Ein Menschenmeer verblüffter Ostdeutscher strömte an die Grenzübergänge zum Westen, und die Grenzer, die keine Instruktionen erhalten hatten und nicht wussten, was sie sonst hätten tun sollen, machten ihnen den Weg frei. Der Rest ist Geschichte.
Zufälle haben das menschliche Schicksal schon immer geformt. Trotzdem lohnt sich die Frage: Was wäre gewesen, wenn Schabowski das Ganze nicht vermasselt hätte? Man stelle sich vor, Krenz' Reisegesetze wären am nächsten Tag auf geordnete Weise in Kraft getreten.
Streng genommen, hätte es keinen Mauerfall gegeben. Die Mauer wäre geöffnet, nicht durchbrochen worden. Die Kommunisten, nicht das Volk, hätten es getan. Der Wandel wäre möglicherweise evolutionär und nicht als Revolution dahergekommen. Wären Krenz und die KP-Reformer, die nur Wochen zuvor die Macht ergriffen hatten, in der Lage gewesen, die öffentlichen Unruhen zu kanalisieren oder sogar zu entschärfen? Könnte es - statt eines vereinten Deutschlands - heute noch immer zwei deutsche Staaten geben, Ost und West?
Man kann dieses "Was wäre, wenn" -Spiel endlos weiterspielen. Wäre es ohne das Drama jener Nacht an der Mauer mit all ihren inspirierenden Bildern zur Samtenen Revolution in Prag eine Woche später gekommen? Hätten die Rumänen den Mut gefunden, sich einen Monat später gegen Ceausescu zu erheben? Die Dominosteine Osteuropas hätten ganz anders fallen können. Manche wären vielleicht überhaupt nicht gefallen.
Achtundvierzig Stunden, nachdem die ersten Deutschen die Mauer erkletterten, stand ich mit tausenden von Westberlinern im matschigen Niemandsland des Potsdamer Platzes im alten Zentrum des Vorkriegsberlins. Etwa ein Fußballfeld weit entfernt zeichnete sich unter dem Boden sanft der Hügel des Hitlerbunkers ab. Ostdeutsche Bauarbeiter schlugen mühsam eine neue Passage durch die Mauer. Ein riesiger Kran mühte sich, eine dreieinhalb Meter hohe Betonblatte anzuheben und riss diese immer wieder vor und zurück, wie ein Dinosaurier, der an seiner Beute zerrt. Schließlich gab sie nach und wurde über den Köpfen der Menge in die Höhe gehoben; sie drehte sich langsam, wie an einem Galgen.
Fernsehscheinwerfer beleuchteten ihre zerbrochene, grafittibeschmierte Oberfläche. Alle ungelösten Konflikte Europas waren auf diesem Brocken bemalten Betons zu sehen: ein Hakenkreuz der Neonazis, surrealistische Gesichter des Krieges, des Holocausts und der Säuberungsaktionen der Geheimpolizei. Am auffälligsten war ein Wort: Freiheit.
Wie seltsam, dass es jene Betonplatte, jenes Wort sein sollte an jenem Abend. Während im Westen die Sonne unterging und sich ihr enormer, orangeroter Ball in die Erde hineinbrannte, war im Osten der Mond aufgegangen, genau so ebenmäßig rund wie die Sonne, kühl und in blaustichigem Weiß. Es war, als befänden sie sich im Gleichgewicht, als bewegten sie sich auf einer unsichtbaren Achse, zwischen ihnen Berlin, gleichermaßen in der Schwebe und ein Gelenkpunkt. Freiheit. Es war fast unmöglich, sich dort in jenem geisterhaften Land dem Glauben ans Schicksal zu entziehen.
Wir stellen uns die Geschichte oft als etwas Unvermeidliches vor, als Kulmination großer, mahlender Kräfte, die nur zu einem Ziel führen können. Doch die Realität des Jahres 1989, so erklärte mir einer der Organisatoren der Massenproteste damals, ist, dass "die Ereignisse an jedem Punkt, zu jeder Zeit, einen anderen Verlauf nehmen können." - Warum dies und nicht das? Die Antwort scheint in jenen zahllosen individuellen Entscheidungen in Schlüsselmomenten begründet zu liegen, den Zufällen menschlicher Unordnung, wie eben Schabowskis vermasseltem Auftritt - so klein und so verständlich, und doch so welterschütternd. Auch die Entscheidungen der mutigen Demonstranten gehören dazu, die auf die Straßen gingen, um ihre Stimme zu erheben - oder, wie es dieser bestimmte Demonstrant mir gegenüber ausdrückte, um nicht der kommenden Generation erklären zu müssen: "Wir saßen da und haben gewartet." Jene, die vor 20 Jahren auf der Mauer tanzten, hatten ihre Entscheidung getroffen. (Michael Meyer/DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2009)
Michael Meyer war 1989 Bürochef von "Newsweek" für Deutschland und Osteuropa und ist Autor des Buchs "The Year That Changed the World". ©Project Syndicate, 2009; Übersetzung: Jan Doolan