Wer von angehenden Akademikern verlangt, geistig gerüstet zu sein, um die weltpolitischen und ökonomischen Vorgänge halbwegs zu verstehen, wird kein Problem mit der studentischen Forderung haben, die Universitäten nicht nur auf Ausbildung festzulegen
Wer von angehenden Akademikern verlangt, geistig gerüstet zu sein, um die weltpolitischen und ökonomischen Vorgänge halbwegs zu verstehen (Stichwort "Krise" ), wird kein Problem mit der studentischen Forderung haben, die Universitäten nicht nur auf Ausbildung festzulegen.
Nur, wie setzt man das um? Die verschulten und zweckmäßig auf Berufsausbildung fokussierten Fachhochschulen haben Aufnahmeprüfungen nach dem K.-o.-System. Zu Recht.
Das aber auf die Universitäten zu übertragen ist Unfug - ihn verfechten leider nicht nur Politiker, sondern auch Rektoren und Professoren. Sie haben den Bildungsauftrag der Universität nicht verstanden. Oder sie beugen sich vor den angeblichen Sachzwängen.
Inhaltlich könnte eine zweisemestrige kombinierte Eingangs- und Orientierungsphase aus zwei Teilen bestehen: 1.) Aus einer dem Lehrplan der Gymnasien aufgesetzten Vertiefung in Gesellschaftsphilosophie, Sprach- und Ideologiekritik sowie einer Einführung ins moderne wissenschaftliche Arbeiten. 2.) Aus einer die jeweilige Fakultät oder Abteilung reflektierenden wissenschaftlichen Methodenlehre sowie Einführungen in historische Entwicklungen (Wissenschaftsgeschichte), ethische Fragestellungen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse.
Ausgewählte Fächer sollten durchaus schriftlich abgeprüft werden. Am Ende stünde jedoch ein Gespräch, dessen Ausgang in Kombination mit den Testnoten darüber entscheidet, ob die Kandidaten und Kandidatinnen weiterstudieren dürfen. Der Nachteil: Die Studien werden dadurch nicht kürzer - aber das ist die Folge jeder Eingangsphase. Der Vorteil: Selbst jene, die abgelehnt werden, haben davon profitiert. Erster massiver Einwand wäre das finanzielle Argument. Der zweite: zu viele Lehrende und Prüfer, noch dazu auf Gebieten, die momentan eklatant unterbesetzt sind.
Zu den Finanzen: Seit der Krise soll niemand mehr von budgetären Problemen reden. Als es um "frisches Geld" für die Banken ging, hat die Regierung ohne Debatte das Netto-Defizit und damit die Verschuldung erhöht. Na, dann verschulden wir uns halt noch mehr! Was ist wichtiger? Die Bildung der Jugend oder die Boni der Manager? Das mag populistisch klingen, ist aber genau der Punkt.
Zu den Personalfragen: Man wird für die ersten Jahre nicht nur Philosophielehrer aus den Gymnasien engagieren können, sondern viele hoch Gebildete aus Bibliotheken und öffentlich subventionierten Instituten - für die Naturwissenschaft auch aus den Forschungsabteilungen der Industrie. Natürlich darf deshalb nicht "umgeschichtet" werden - etwa von der Forschung zurück zur Lehre. Es geht schlicht und einfach um Geld. Um viel mehr Geld in einem Land, dessen Politiker in ihren Medienreden und mit ihrem Quacksprech das Blaue vom Himmel der Zukunft versprechen - sich dann auf der Ferse umdrehen und ihr Tun nach den Umfragen richten.
Dieser Betrug funktioniert nicht mehr. Tausende Studierende sagen das den Machthabern, die mehr Philosophie, mehr Ethik, mehr Sprachkritik sicher nicht wollen. Denn das würde bedeuten: mehr Kontrolle, mehr Demokratie. Umgekehrt aber auch mehr kritische Reflexion. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2009)