Unis: Eingangsphase anders und ohne K. o.

8. November 2009, 17:50

Wer von angehenden Akademikern verlangt, geistig gerüstet zu sein, um die weltpolitischen und ökonomischen Vorgänge halbwegs zu verstehen, wird kein Problem mit der studentischen Forderung haben, die Universitäten nicht nur auf Ausbildung festzulegen

Wer von angehenden Akademikern verlangt, geistig gerüstet zu sein, um die weltpolitischen und ökonomischen Vorgänge halbwegs zu verstehen (Stichwort "Krise" ), wird kein Problem mit der studentischen Forderung haben, die Universitäten nicht nur auf Ausbildung festzulegen.

Nur, wie setzt man das um? Die verschulten und zweckmäßig auf Berufsausbildung fokussierten Fachhochschulen haben Aufnahmeprüfungen nach dem K.-o.-System. Zu Recht.

Das aber auf die Universitäten zu übertragen ist Unfug - ihn verfechten leider nicht nur Politiker, sondern auch Rektoren und Professoren. Sie haben den Bildungsauftrag der Universität nicht verstanden. Oder sie beugen sich vor den angeblichen Sachzwängen.

Inhaltlich könnte eine zweisemestrige kombinierte Eingangs- und Orientierungsphase aus zwei Teilen bestehen: 1.) Aus einer dem Lehrplan der Gymnasien aufgesetzten Vertiefung in Gesellschaftsphilosophie, Sprach- und Ideologiekritik sowie einer Einführung ins moderne wissenschaftliche Arbeiten. 2.) Aus einer die jeweilige Fakultät oder Abteilung reflektierenden wissenschaftlichen Methodenlehre sowie Einführungen in historische Entwicklungen (Wissenschaftsgeschichte), ethische Fragestellungen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse.

Ausgewählte Fächer sollten durchaus schriftlich abgeprüft werden. Am Ende stünde jedoch ein Gespräch, dessen Ausgang in Kombination mit den Testnoten darüber entscheidet, ob die Kandidaten und Kandidatinnen weiterstudieren dürfen. Der Nachteil: Die Studien werden dadurch nicht kürzer - aber das ist die Folge jeder Eingangsphase. Der Vorteil: Selbst jene, die abgelehnt werden, haben davon profitiert. Erster massiver Einwand wäre das finanzielle Argument. Der zweite: zu viele Lehrende und Prüfer, noch dazu auf Gebieten, die momentan eklatant unterbesetzt sind.

Zu den Finanzen: Seit der Krise soll niemand mehr von budgetären Problemen reden. Als es um "frisches Geld" für die Banken ging, hat die Regierung ohne Debatte das Netto-Defizit und damit die Verschuldung erhöht. Na, dann verschulden wir uns halt noch mehr! Was ist wichtiger? Die Bildung der Jugend oder die Boni der Manager? Das mag populistisch klingen, ist aber genau der Punkt.

Zu den Personalfragen: Man wird für die ersten Jahre nicht nur Philosophielehrer aus den Gymnasien engagieren können, sondern viele hoch Gebildete aus Bibliotheken und öffentlich subventionierten Instituten - für die Naturwissenschaft auch aus den Forschungsabteilungen der Industrie. Natürlich darf deshalb nicht "umgeschichtet" werden - etwa von der Forschung zurück zur Lehre. Es geht schlicht und einfach um Geld. Um viel mehr Geld in einem Land, dessen Politiker in ihren Medienreden und mit ihrem Quacksprech das Blaue vom Himmel der Zukunft versprechen - sich dann auf der Ferse umdrehen und ihr Tun nach den Umfragen richten.

Dieser Betrug funktioniert nicht mehr. Tausende Studierende sagen das den Machthabern, die mehr Philosophie, mehr Ethik, mehr Sprachkritik sicher nicht wollen. Denn das würde bedeuten: mehr Kontrolle, mehr Demokratie. Umgekehrt aber auch mehr kritische Reflexion. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 90
1 2 3
tancy
31
9.11.2009, 17:42

ZITAT:"1.) Aus einer dem Lehrplan der Gymnasien aufgesetzten Vertiefung in Gesellschaftsphilosophie, Sprach- und Ideologiekritik sowie einer Einführung ins moderne wissenschaftliche Arbeiten. 2.) Aus einer die jeweilige Fakultät oder Abteilung reflektierenden wissenschaftlichen Methodenlehre sowie Einführungen in historische Entwicklungen (Wissenschaftsgeschichte), ethische Fragestellungen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse." - ZITAT ENDE.

Hehre Ideale eines Alt-68igers, die nicht wirklich mehr in die heutige Zeit passen....wer soll das ernst nehmen???? Und sorry guys, Massenuni wie bei uns und die romantische Vorstellung von vornehmer Forschung und Lehre...das passt nicht wirklich zusammen!!!!!!

1116er
00
11.11.2009, 14:14
leider

haben sie den eigentlichen sinn eines studiums nicht verstanden!
wer glaubt, das durch eine schule auf höherem niveau ersetzen zu können, macht einen (für die zukunft) schwerwiegenden fehler.

Harry Y.
 
00
10.11.2009, 14:48

Sie haben sich nicht informiert. Ihr Wissen ist zu mangelhaft, um irgendwo ansetzen zu können.

(Nur eines: wissenschaftliches Arbeiten ist für ein Studium ein sine qua non).

Klaus Botschen
01
10.11.2009, 15:36
wissenschaftliches Arbeiten

ist mit dem Bachelor im Zuge der Bologna-Reform sowieso abgeschafft. Anteil an Forschung ist erst mit den Master-Studiengängen geplant, und die sollen über kurz oder lang stark eingeschränkt werden.

Und das nur weil die deutschen Bildungspolitiker vor 12 Jahren mit diesen Reformbestrebungen begonnen haben. Allein konnten sie nichts erreichen, darum haben sie sich bei der Sorbonne-Erklärung schon mal die Unterstützung Anderer gesichert, dann Bologna - jetzt sehen wir langsam die Auswirkungen. Deutschland blöckt, und alle blöcken mit.

Harry Y.
 
00
10.11.2009, 21:16

1) ;) 2) Das Mitblöcken ist ja das Traurige.

Schneck1
00
9.11.2009, 23:05

Das würd ich jetzt nicht sagen, dass dies in der heutigen Zeit keine Bedeutung mehr hat. Aber ich stell mir die Frage, warum soll ein TUler oder ein Biologe am Beginn seines Studiums etwas über Gesellschaftsphilosophie etc. lernen. Das hat mit seinem Studium nichts zu tun. Auch wenn Bildung sehr wichtig ist und nicht mit Ausbildung gleichgesetzt werden darf: Die Universitäten sind nun mal auch zur Ausbildung da!

Harry Y.
 
00
10.11.2009, 14:41

Widerspruch. Entweder haben wir und die Gesellschaft als Ganzes diese Art von Bildung notwendig, oder nicht.
Wir haben sie bitter notwendig. Erst recht dann, wenn Sie im Justizbereich beschäftigt, Unternehmer oder Forscher sein wollen oder Ingenieur, und damit in einem Bereich mit hoher Verantwortung für andere Menschen und oder die Gesellschaft im Allgemeinen agieren. Jede Handlung, die Sie dort setzen, wirkt sich auf andere aus - sie agieren ja nicht in einem Vakuum.
Liessmann spricht in diesem Zusammenhang von einer gesamtgesellschaftlichen Sensibilität, die durch die Bildung erreicht werden sollte. Verantwortlich für die Finanzkrise waren/sind Leute, die diese nicht besitzen: sie empfinden keine Verantwortung für ihre Handlungen.

Schneck1
00
10.11.2009, 14:52

Dann sollten diese Sachen bereits in der Schule gelernt werden. Und dann sollte man diese Fächer auch gleich in der HTL, HAK und HBLA ebenfalls anbieten, was ja heutzutage nicht der Fall ist, oder zumindest nicht in dem Ausmaß wie in den Gymnasien. Dann sollte man dies auch in den Berufsschulen lehren, denn jeder Beruf inkludiert Verantwortung.

Harry Y.
 
00
10.11.2009, 21:31

Berufsschulen erst ab 18. Dann kann man immer noch entscheiden, ob man sich der Verantwortung unterwinden möchte, mir zuviel vom Haupthaar abschneiden zu wollen oder ein kaputtes Gewinde zu ersetzen oder nicht ;)
Aber im Grunde haben Sie natürlich recht: Auch in der Schule sollte man sich mehr und länger unter gebildeten Menschen befinden. ;) Und ja, der unter mir angestellte Dings hat recht: klar hat Bildung mit der Entwicklung der Persönlichkeit zu tun, zb mit der Suche nach dem eigentlichen Selbst und der Artikulierung der "primären" Bedürfnisse.

Klaus Botschen
01
10.11.2009, 15:41

"Bildung" lernt man nicht, das ist ein verantwortungsvoller, weitblickender Lebensstil. Bildung bekommt man, wenn man Zeit mit gebildeten Menschen verbringt. Es geht hier nicht um ein Skriptum, das man sich schnell reinzieht, eine Prüfung ablegt und dann wieder vergißt. Bildung erwirbt man, indem die Persönlichkeit entwickelt wird.

Harry Y.
 
00
10.11.2009, 21:57

Die Betreffenden müssen aber nicht unbedingt da sein; unter Umständen sind sie schon seit Jahrhunderten mausetot.

(Die "Persönlichkeitsentwicklung" kann aber dubios auch sein - es kommt auf die Ziele an, die die Lehrer im Auge haben - also das, was man mit Ihnen vorhat (*grusel*) Wenn man also unbedingt einen Starverkäufer aus Ihnen machen will, oder einen Schauspieler - aber das ist alles brave.new.world und zugleich Sache von diversen VHS- und AMS-Trainern.)

Im eigentlichen Sinn (wo es also um den Betreffenden geht und um nichts sonst) kann man damit schon im Kindergarten beginnen. Mit viel Liebe und Zuwendung. (ZAHLT IHNEN BESSER!)
Es geht aber nicht um Ehrgeiz oder Wettbewerbsfähigkeit.....
Harry du führst wieder Selbstgespräche.

Gerhard Grabner
02
9.11.2009, 17:40
Endlich schreibt das wer!

Danke Herr Sperl! Endlich auf den Punkt gebracht! Jahrelang war in den Medien nur das Gegenteil zu lesen: alles der Wirtschaft anpassen, alles den Berufserfordernissen unterordnen...
Schön, dass nun das Pendel wieder in die andere Richtung schwingt...

Protagoras v. Abdera
00
9.11.2009, 17:13
Ohne diesen ganzen organisatorischen Aufwand kommt ein Schnuppersemester aus, in der kein spezifisches Studium inskribiert sondern in mehrere hineingeschnuppert werden kann

Ausgeflippter Lodenfreak
10
9.11.2009, 16:07

Auch jetzt schon gibt es viele Studienfächer an den Unis, die sich der Berufsausbildung verschrieben haben, wie z.B. Jus und Medizin als Extrembeispiele. Es gibt keinen Unetrschied zwischen Ausbildung und Bildung, außer im Bildungdünkel, derer die etwas studiert haben, was am Arbeitsmarkt nicht direkt gefragt ist. Ein gute Ausbildung ist immer ein Teil der Bildung. Eine umfassende Bildung kann ein Studienzweig alleine nicht vermitteln und das ist auch gar nicht seine Aufgabe.

Mucosaprolaps
01
9.11.2009, 16:49

Es stimmt, dass eine Studienrichtung für umfassende Bildung definitiv nicht ausreicht.

Bildung zu vermitteln ist ja auch nicht Aufgabe der Studienrichtung, sondern der gesamten Uni und letztlich der für die Unis verantwortlichen - also die Regierungen.

Diese allerdings verraten und verkaufen das Bildungsideal seit Jahrzehnten: Bis in die 60er etwa mussten alle Studierenden eine Philosophieprüfung bestehen und damit beweisen, dass sie zumindest einen ersten Schritt zur Bildung getan hatten.

Die ÖVP, bis vor 15 Jahren noch für Bildungsbürger wählbar, spuckt inzwischen auf Humboldt und will jeder Kindergartentante ein Titerl schenken, damit es auf dem Papier so aussieht, als wäre unser Bildungssystem nicht bankrott.

the comedian
 
00
9.11.2009, 20:50
jeder kindergartentante ein titterl?

Max100101
21
9.11.2009, 15:56
Bildung ist keine Frage der Studiendauer

Mir ist noch nicht aufgefallen, dass Leute, die ein 8-Semester-Studium in 12-15 Semestern machen statt in 8, deswegen mehr gebildet waeren. Weder im Vergleich zwischen Studenten in Laendern, die traditionell ein wenig durchorganisiertes Studiensystem haben (A, D, I), noch im Vergleich zu Studenten aus anderen Laendern, wo praktisch alle Studenten das Studium in der vorgesehenen Zeit Schaffen (USA, GB). Dass man jetzt noch ein Jahr sinnlos verplempern soll, ist mir unverstaendlich. Nichts von den angefuehrten Themenbereichen ist etwas, was nicht sowieso bereits Teil des Lehrplans am Gymnasium bzw. im Studium ist. Warum soll jemand mit 19 eher wissen, was er/sie studieren will als mit 18?

Mucosaprolaps
01
9.11.2009, 16:50

Die längere Studiendauer liegt idR nicht daran, dass man aus Spaß zusätzliche Kurse absolviert; sondern eher daran, dass man hackeln gehen muss, weil man die eigenen Eltern nicht auf Unterhalt verklagen will.

frank franki
30
9.11.2009, 15:29

diese ganzen studieneingangsphasen sind unfug.
wenn ich mich für ein fach entschieden habe, dann will ich dieses fach studieren und nicht, was sich irgendwer einbildet, "was man auch mal gehört haben sollte".
wer sich für philosophie, ethik, sprachkritik, geschichte... interessiert, soll das dementsprechende studium wählen und nicht andere leute damit quälen.

will man weg von der verschulung der studien, dann muss man die studienpläne wieder durchlässiger gestalten, damit genügend zeit für andere fragen beibt, denen man auf der uni nachgehen kann.

meine vorschläge:
1) ohne mehr geld wird es nicht gehen
2) quote für numerus clausus flüchtlinge, oder gänzlich abstellen
3) "knock outs" für überlastete studienzweige
4) studienpläne ändern

Harry Y.
 
00
10.11.2009, 21:59

Die roten Stricherl müssen Sie als Ablehnung vor allem Ihre ersten Absatzes verstehen.

Studienplatzbewirtschaftungsausschußvorsitzender
00
9.11.2009, 17:21
dann wäre ein FH-studium eher für sie geeignet als eines an einer uni

frank franki
00
9.11.2009, 17:30

weil ich gegen verschulung der uni bin, bin ich an einem völlig verschulten fh system besser aufgehoben?
logik?

Harry Y.
 
00
9.11.2009, 17:53

Sie sind gegen eine Verschulung der Uni? Aber die Studieneingangsphasen, die ja durchlässiger sind, so wie von Sperl beschrieben, sind Unfug? Dabei würde man doch auch viel für's Studium Geeignete lernen. Die "anderen Fragen" wären schon da......mMn würde man sich damit nur Zeit sparen, nicht wegwerfen. Aber was Sie wollen, versteht man nicht so recht.

Vielleicht macht man für solche Ignoranzbegeisterte wie Sie eine Ausnahme; besser wär's allemal, denn Sie störten sicher nur den Unterricht, wenn Sie ständig Wissen als Unfug bezeichneten.

frank franki
00
9.11.2009, 18:09

wie eine unnötige eingangsphase ein studium durchlässiger, bzw weniger verschult machen soll, wissen vermutlich nur sie und sperl...

faust
01
9.11.2009, 15:55

mit verlaub, das ist blödsinn. stellen sie sich mal in die schlange vor dem referat für studienzulassung und später vor studentpoint, und sie werden feststellen, dass die meisten trotz guter vorab-informationen unschlüssig sind was sie erwartet. zu ihrem 4. vorschlag "studienpläne ändern" wäre interessant, was sie genau meinen?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 90
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.