Lou Jing löste bei Talentshow virtuellen Sturm aus: Blogger schmähten sie ihrer Hautfarbe wegen - Viele stellten sich auf ihre Seite
Lou Jing hat große Augen, aus denen sie spitzbübisch vom Foto auf ihrer Webseite schaut. Die hübsche 20-Jährige ist eine waschechte Schanghaierin, aber mit schwarzer Haut und ganz unchinesischem Aussehen. Daran störten sich bei Vicky Lou, wie sie sich auf ihrem Webblog auch nennt, weder ihre Mitschüler, mit denen sie aufwuchs, noch ihre Kommilitonen auf der Schanghaier Theaterschule.
Riesen Erfolg
Als sie sich im Frühsommer zur Talentsuche nach dem Idolmodell beim Schanghaier TV-Hit Auf zum Endspurt - ihr Engel des Orients anmeldete, wusste sie noch nicht, was sie für einen virtuellen Sturm damit auslösen würde. Die fotogene, natürlich plaudernde und auch singende junge Frau schaffte es nach wochenlangen Auswahlshows unter die ersten fünf, ein Riesenerfolg für die Anfängerin.
Schmähungen
Doch da war schon das virtuelle Geraune im Internet im Gang. Zuerst spöttisch und neidisch, dann boshaft und schließlich offen rassistisch. Die anonymen Blogger nahmen Anstoß an ihrer schwarzen Haut. Anfangs stellten sie ihre bissigen Fragen nur im Scherz. Ob Lou Jing die Tochter von US-Präsident Barack Obama sei. "Hunxue" (Mischblut) schrieben die Blogger.
Das war nur der Auftakt. Das Time-Magazin widmete der Debatte um den angehenden Star eine Geschichte, die Lou Jing über China hinaus bekannt machte, und stellte im Titel die Frage: "Kann ein Mädchen mit binationaler Herkunft zum Idol Chinas werden?" Die Antwort der Blogger war ein klares "Nein".
Rassismus hat zwar im Vielvölkerstaat China historisch keine Wurzeln, aber es kam immer wieder zu Ausbrüchen von Fremdenfeindlichkeit. Während der Kulturrevolution wurde jeder, der mit einem Ausländer zu tun hatte, zum Verräter gestempelt. Diese Xenophobie ist latent überall vorhanden, obwohl Ausländer nur eine Minderheit in China darstellen. Kinder aus den jährlich knapp 3000 geschlossenen interkulturellen Ehen sind noch seltener.
"Ich werde kämpfen"
Im Fall Lou Jing schlugen Chinas virtuelle Rassisten unter der Gürtellinie zu. Sie fabrizierten Gerüchte über die Herkunft des Mädchens und den angeblich liederlichen Lebenswandel der Mutter. Daran stimmte nur, dass ihre Mutter eine Affäre mit einem schwarzen Amerikaner gehabt hatte, der Schanghai verließ, noch bevor das Mädchen geboren wurde. Lou Jing wuchs in geordneten Verhältnissen, behütet und trotz ihrer dunklen Haut von anderen Kindern akzeptiert auf, schaffte mit guten Schulnoten und ihrem einnehmenden Wesen die Aufnahme auf die angesehene Schauspielschule.
Als Schock erlebte sie die schmierigen Bemerkungen und den bösen Schmäh im Internet. Über ihre Verletzungen gibt sie in ihrem vielbesuchten Blog Auskunft. Sie habe bitter geweint. In der ersten Zeit, als sich die Blogger im Internet an Gemeinheiten überboten und lokale Zeitungen über ihre Mutter und sie Gerüchte streuten, konnte sie abends nur einschlafen, wenn sie das Lied der I am strong von North hörte. Dann sang sie mit "Ich bin stark. Ich werde kämpfen. Ich bin tapfer."
Dabei wollte sie längst resignieren und "den bösartigen Journalisten und Internetbloggern sagen: Ihr habt gewonnen". Weiter schreibt Lou Jing: "Ich musste immer daran denken, wie ich zum ersten Mal von ihnen gefragt wurde, ob ich als Kind ungerecht behandelt wurde. Ich kann mich nicht erinnern, habe ich geantwortet. Jetzt aber kann ich mit Gewissheit sagen: Euer bösartiger Umgang mit mir ist die ungerechteste Behandlung, die ich in meinen Leben bisher erlebte."
"Üble chinesische Gewohnheit"
Die Angriffe auf Lou Jing motivierten erstaunlich viele Chinesen dazu, sich gegen den Webpöbel auf die Seite der jungen Frau zu schlagen. "Ich habe uns Chinesen bisher für engstirnig gehalten, aber nicht für rassistisch", meldete sich etwa "Airen" zu Wort. Die einflussreiche Medienprominente Hong Huang prangerte auf ihrer Webseite den Rassismus an, den sich Chinesen nicht leisten könnten: "Wie kurz ist unser Gedächtnis, wenn wir als einst selbst Diskriminierte jetzt auf andere herabblicken?" Es sei eine "üble chinesische Gewohnheit, dunkle Haut zu verachten und helle Haut anzubeten".
Das alles geschehe zudem zu einer Zeit, wo die US-Amerikaner mit ihrer "im Gegensatz zu unserer alten Zivilisation nur 300-jährigen Geschichte in der Lage sind, einen Schwarzen zu ihrem Präsidenten zu wählen". Einer der bekanntesten Kolumnisten Chinas, Raymond Zhou, brach in einem ganzseitigen Artikel die Lanze für "Chinas Halle Berry", auf deren positive Ausstrahlung und ihre mutige Mutter, die ihr zur Seite steht, alle stolz sein müssten, statt "bei einem schwarzen Engel rotzusehen".
Der Vorfall hat Nachdenken ausgelöst, wie Chinas Gesellschaft, die keine freie Presse kennt, mit dem weitgehend unzensierbaren Internet umgehen soll; dessen Einfluss im positiven wie im negativen Sinne sich auf die Gesellschaft wie kein anderes Medium immer mehr auswirkt. Mit 360 Millionen Menschen nutzen allerdings erst 27,1 Prozent der chinesischen Bevölkerung das Internet.
Misstrauen
Lou Jing sieht sich aber nicht als Opfer des Internet. Im Gegenteil. Sie nutzt es, um sich zu wehren. Auf ihrer Webseite hat sie das Lied Ich bin stark, das ihr wochenlang Trost spendete, als Leadsong geladen und den Text veröffentlicht. Ihre Mutter und sie klagten gegen einen Journalisten der Schanghaier Abendzeitung wegen übler Nachrede und Rufschädigung. Im Oktober nahm das Schanghaier Huangpu-Gericht die Klage auf Widerruf und auf eine Geldbuße von 5700 Euro gegen die Zeitung und den Journalisten an, der nie mit Mutter oder Tochter gesprochen hatte. Lou Jing sagte am Telefon zum Standard, dass sie ihr Studium fortsetzt und ihre Kurse an der Schanghaier Theaterakademie weiter besucht. Für Interviews sei sie noch nicht bereit. Verletzungen und Misstrauen sitzen zu tief.
(Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD/Printausgabe, 7.11.2009)