Abgeordnetenhaus stimmt für Reform

8. November 2009, 17:41
  • Originaltext: "H.R.3962 - On Passage Affordable Health Care for America Act"

Das Repräsentantenhaus hat eine historische Gesundheitsreform beschlossen, die das System von Grund auf ändern soll

Jetzt muss noch der Senat abstimmen. Änderungen des Gesetzes sind zu erwarten.

*****

Eigentlich ist der Samstag ein parlamentsfreier Tag, auch in Washington, doch an diesem Samstag ist alles anders. Bis Mitternacht brennt noch Licht im Kongress, im Südflügel des Parlaments, dort, wo das Repräsentantenhaus tagt. Es ist 23.15 Uhr, als Nancy Pelosi mit strahlender Miene und feierlicher Stimme das Ergebnis bekanntgibt. "220 dafür, 215 dagegen. Das Gesetz ist verabschiedet", ruft die Sprecherin der Kammer.

Wenige Minuten später verschickt der Präsident im Weißen Haus eine Mail. Ein historisches Votum sei das, jubelt Barack Obama, "wir sind nur noch zwei Schritte entfernt von dem Ziel, eine Gesundheitsreform in Amerika zu erreichen" . Am Morgen war Obama extra ins Parlament gefahren, um den Abgeordneten seiner Partei ins Gewissen zu reden. "Ruft euch ins Gedächtnis, warum ihr in die Politik gegangen seid. Macht euch klar, dass wir es uns nicht leisten können, diese Chance nicht zu nutzen" , wird er von einem zitiert, der dabei war.

Es folgt ein Nervenpoker, ein letztes Aufbäumen der sozialkonservativen Fraktion der Demokraten. Die wollen zwar für die Novelle stimmen, aber nur unter einer Bedingung: Den Krankenversicherungen soll es verboten werden, die Kosten von Abtreibungen zu decken. Ein entsprechender Zusatztext wird beschlossen, damit ist der Weg frei. Draußen schallen die Sprechchöre konservativer Demonstranten ("Kill the bill" - "Tötet das Gesetz" ) hinauf zum Kapitol. Am Ende votieren 219 Demokraten für den Entwurf, während 39 ihn ablehnen. Die Republikaner stimmen fast geschlossen mit Nein, bis auf einen. Joseph Cao, Sohn südvietnamesischer Flüchtlinge, ein Katholik aus New Orleans, hat den Mut, die Phalanx zu durchbrechen. "Oh, was für eine Nacht!", ruft Nancy Pelosi, vor Freude übersprudelnd, hinterher.

Staatliche Versicherung

Gemäß dem 1990 Seiten dicken Papierbündel sollen 36 Millionen der 47 Millionen nicht krankenversicherten Amerikaner künftig Versicherungsschutz bekommen. Eingerichtet wird eine Art Börse, an der jeder eine Polizze kaufen kann. Wer es sich nicht leisten kann, erhält Zuschüsse vom Staat. Eine noch zu gründende staatliche Versicherung soll mit privaten Anbietern konkurrieren, damit der Wettbewerb schärfer wird und potenziell die Preise für Arztbehandlungen und Medikamente sinken. Unternehmen, die pro Jahr mehr als eine halbe Million Dollar an Löhnen zahlen, werden verpflichtet, ihre Beschäftigten zu versichern. Tun sie es nicht, haben sie Strafe zu zahlen, acht Prozent aller gezahlten Gehälter. Die Versicherungen müssen mit einer weitverbreiteten Praxis brechen. Sie dürfen keinen Kunden mehr wegen einer Vorerkrankung ablehnen.

Noch aber ist die Reform nicht beschlossene Sache. Als Nächstes entscheidet der Senat über eine eigene Vorlage. Zwar geben die Demokraten dort klar den Ton an, rechnet man Unabhängige wie Joe Lieberman ein, kommen sie auf 60 der 100 Mandate. Da Lieberman und andere aber deutliche Skepsis erkennen lassen, ist keineswegs sicher, dass es am Ende reicht für die erforderliche 60-Stimmen-Mehrheit. Beobachter rechnen mit einem Gesetzentwurf der kleineren Kammer, der die Reform in wesentlichen Punkten abschwächt. Am Ende muss aus beiden Novellen, der des Repräsentantenhauses und der des Senats, ein Kompromiss geschmiedet werden. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 191
1 2 3 4 5
Odo
01
17.11.2009, 01:41
Was sich seit Wochen abzeichnete ist nun endgültig Gewissheit: Die Gesundheitsreform wird nicht mehr bis Jahresende von Präsident Obama unterzeichnet werden können.

http://blogs.usatoday.com/onpolitic... ov-30.html

Damit verfehlt Obama auch den zweiten Termin, zu dem die Reform spätestens auf seinem Schreibtisch zur Unterschrift vorliegen sollte. Ursprünglich sollte dies ja schon spätestens am 15.10. der Fall sein, dann Ende Dezember.

Nun soll die Reform bis Mitte Jänner, also nach Möglichkeit vor dem ersten Jahrestag von Präsident Obamas Amtsantritt, unter Dach und Fach sein.

Nach dem bisherigen Verlauf der Kongressberatungen halte ich das allerdings für sehr optimistisch. Ich denke, Obama und die Demokraten werden froh sein können, wenn sie die Verabschiedung der Gesundheitsreform bis zu Obamas Rede zur Lage der Nation Ende Jänner 2010 schaffen.

elle(s)
00
13.11.2009, 19:23
die vielen

wenn und aber hat der/die/das fs3 aber wohlweislich in der stellungnahme unbeachtet gelassen.
so schnell wird das mit dem gefängnis wohl nicht gehen.

F S 3
13
13.11.2009, 12:32
Zahle - oder gehe in's Gefängnis! DAS wird den amerikanischen Bürgern sicher gefallen…

…Falls sie keine staatliche Versicherung abschließen, kann die IRS 2,5% ihres Einkommens einziehen, oder bei Weigerung der Bezahlung desselben ihnen eine Strafe bis 250.000 US$, bzw. Gefängnis bis zu fünf Jahren aufbrummen.

Ganz im Sinne der amerikanischen Konstitution, deren Gründerväter gerade in ihren Grabern rotieren.

Alles im Sinne einer dringend notwendigen finanziellen Überlebensspritze für einen maroden Staatshaushalt, der von privaten(!) Banken seit Jahrzehnten systematisch erpreßt und ruiniert wird.

leitfaden
00
16.11.2009, 10:06
sie zitieren aus der "baucus-bill", die dem senat vorliegt.

und die von einem der ausschüsse des senats beschlossen wurde. dieser entwurf wird - neben vier weiteren entwürfen - im senat beraten werden.
die "house-bill" des kongresses sieht ganz anders aus (nämlich so, wie's im artikel steht).

merke: die us-gesundheitsreform ist NICHT das elektriker-universum.

F S 3
02
16.11.2009, 10:55
Nein. Das ist einfach die Schlußfolgerung, was denn alles im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten liegt - und Fr.Pelosi weiß das wohl genau, denn sie und ihre 219 'RotreckenInnen' haben dafür gestimmt,die entsprechen IRS-Strafklauseln zu BELASSEN…

…Und es kommt natürlich sehr wohl aus dem Kongress, wiewohl es vom Senat noch BEWILLIGT werden muß.

Siehe:
SOMETHING IN THE AIR
Confirmed: Buy insurance or go to jail
'This is ultimate example of Dems command-and-control government'
http://www.wnd.com/index.php... eId=115277

Pro Freistaat Kärnten!
 
00
16.11.2009, 13:42
Es ist bezeichnend, dass du

eine konservative Seite zur Beurteilung der Dems anführst.

Willst du nicht gleich Rush Limbough zitieren?

elle(s)
00
11.11.2009, 09:52
veteran's day-anmerkung

laut einer studie der Harvard Medical School haben 1.46 millionen ehemalige soldaten keine ausreichende versicherung, weshalb mehr als 2000 im letzten jahr alleine aufgrund unzureichender medizinischer versorgung starben. das im vergleich zu 155 gefallenen soldaten in Afghanistan im jahr 2008.

Obama ein sozialist?
gut, wenn er's wäre.
ist er aber nicht, sonst wäre er nicht gewählt worden.

Sheriff Jack Mauer
61
10.11.2009, 13:46

Obama ist ein Sozialist,wie es im Buche steht.Man kann nur hoffen,dass die Republikaner Schlimmeres verhindern...

Freiheitsliebender
01
12.11.2009, 01:05

Das trauen sie sich zu sagen, als Österreicher der schon seit Jahrzehnten genau das Privileg genießt das man in den USA gerade mit müher Not beschließen will?

Mal nachdenken vorm posten

erich loewy
 
04
11.11.2009, 20:27
Warum ist Sozialist sein schlecht?

Sagen wor Herr Maurer hat recht & Obama "wäre ein Sozialist wies es im Buch steht" (Was ich fürchte nicht war ist). Warum wäre daß schlecht? Was heißt Demokratischer Sozialismus (SPÖ ist leider viel mehr rechts). Wir wollen: 1. Die Erzehung der Arbeiter wie einst mit den Eklambüchern, Vorträgen, u.s.w 2) Arbeiter sind die die in einer Institution mit Hand oder Kopf arbeiten. 3) Die Arbeiter haben ein Mitentscheidungrecht. Nicht Arbeiter sind die die einfach Aktien haben (oft geerbt) und von diesen Aktien leben. Solche sollte es nicht geben. 4)Notwendigkeiten haben Alle: Krankenkasse, Essen, Obdach & gut Ausbildung- Was ist daran schlecht?

Dr. Erich H. Loewy
Professor and Founding Chair, Bioethics (Emeritus)
U of CA, Davis
ehloewy@ucd

elle(s)
00
10.11.2009, 11:10
was spricht

gegen die zahlen der washington post im standard?

Odo
00
10.11.2009, 01:41
Die US-Wähler stehen der geplanten Gesundheitsreform auch nach Verabschiedung des Gesetzentwurfs im US-Repräsentantenhaus weiterhin skeptisch gegenüber.

http://www.gallup.com/poll/1242... eform.aspx
http://www.rasmussenreports.com/public_co... are_reform

Wichtig ist vor allem, dass bei den unabhängigen Wählern weiterhin eine deutliche Mehrheit die von Präsident Obama und den Demokraten im US-Kongress geplante Reform ablehnt.

elle(s)
11
9.11.2009, 11:38
das beschreibt ganz gut, wie die reps agieren,

auch wenn's von einem demokraten kommt:
Rep. Earl Blumenauer
John Boehner erklärte bekannterweise im vergangenen Winter, kurz nachdem das Haus sich bereit machte, die Arbeit aufzunehmen: da sie nicht ihren Willen durchsetzen und aufzwingen könnten, wurde beschlossen, dass sie nicht Gesetzgeber sein wollten, sie würden Kommunikatoren sein. Sie haben kommuniziert: auf ausgesprochen aufrührerische und unproduktive Weise.

theEdge
 
00
9.11.2009, 08:00
Der Standard

ist auch nicht mehr das, was er einmal war...

formoso
00
9.11.2009, 14:23

derstandard ist jeden Tag neu

Zaubersalz
00
9.11.2009, 11:38
Weil?

Zu wenig Garfield-Comics?! Zu wenig "MS ist böse, Linux ist toll"-Berichte?! Was konkret paßt Ihnen nicht? :-)

theEdge
 
00
9.11.2009, 16:22

der schreibstil war objektiver, die formulierungen nicht reißerisch und die artikel weniger erzählerisch.

elle(s)
00
9.11.2009, 11:15
und zwar, weil?

formoso
20
9.11.2009, 07:18

Jo Jo.. Cao!


Die Versicherungen müssen mit einer weitverbreiteten Praxis brechen. Sie dürfen keinen Kunden mehr wegen einer Vorerkrankung ablehnen.. >

ach so, Schadensfall verboten

Andreas Prucha
00
16.11.2009, 02:35

Dein Statement klingt irgendwie sinnbefreit.

Georg Schütt
00
9.11.2009, 06:50
Welches gesundheitssystem die Amerkaner nun haben oder haben werden, ist im Kern für Europa ohne Bedeutung. Es ist genauso interessant wie das System in China oder Frankreich.

Wichtiger ist, dass Obamas Ruf und generelle Handlungsfähigkeit entscheidend davon abhängt, ob er dieses Vorhaben realisieren kann oder nicht.

Ein innenpolitisch geschwächter Obama bedeutet eine ausßenpolitischgeschwächte USA - und das ist genau das, was auch Europa angesichts der Herausforderungen der nächsten Zeit nicht gebrauchen kann.

Schwierige Missionen lassen sich nur mit einem Präsidenten verwirklichen, der innenpolitisch nicht angeschlagen ist.

Insofern: Glückwunsch, Mr. President.

erich loewy
 
02
9.11.2009, 04:07
Ein Fortschritt

Dieses Gesetz ist sicherlich nicht ideal. Was ist schon "ideal"? Für einen Anfang scheint es mir weitbesser als was die USA momentan hat. Hoffentlich wird man dann von Fehlern lernen können & Änderungen machen. Nahe zu 20% sind unversichert & die Anderen nicht genügend da Medikamente unverschämt teuer sind. Zwischen den Versicherungen & Pharma werden Leute einfach zerquetscht. So lange wir für Alles Konkurrenz & Kapitalismus haben wird daß Land untergehen. Es geht einfach nicht daß 25% der Arbeiter $8,50/St verdienen, daß 90% des ganzen Reichtums 1% gehört, daß Schulen miserabel sind, etc. Die Gründer dieses Landes würden es nicht erkennen,

Dr. Erich H. Loewy
Prof & F'dg Chair, Bioethics (Emeritus)
U of CA, Davis
ehloewy@ucdavis.edu

elle(s)
00
8.11.2009, 23:32
Odo
31
9.11.2009, 02:10

Jaja. Mir vorhalten, dass ich Umfragen von Scott Rasmussen poste, die angeblich unseriös sind und dann selbst mit Umfragen kommen, die von DailyKos in Auftrag gegeben wurden. Na die werden aber sicherlich ganz objektiv und unparteiisch sein.

siu
00
9.11.2009, 13:02
was genau ist an der umfrage von r2k auszusetzen?

rasmussen hat eine falsche methodologie, das habe ich Ihnen schon einige male zu erklären versucht.
- http://www.mydd.com/story/200... 111143/164
- das likely voter model ist nicht öffentlich, kann also beliebig manipuliert werden, rasmussen gibt die rohdaten nicht frei, diese geheimniskrämerei ist verdächtig


was genau ist an der methodologie von r2k verdächtig? allein der auftraggeber??? mehr haben Sie nicht zu bieten? wirklich nicht?

also seriös kann ich diese kritik nicht nehmen. entweder gibts da was konkretes auszusetzen, oder sonst ist die umfrage in ordnung.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 191
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.