Uni-Debatte

Apparatschiks im Herzen

06. November 2009 19:21

Die Studentenproteste entlarven die "Bürgernähe" der Politiker als Lebenslüge

Sie baden in der Menge. Im Arbeitsmantel inspizieren sie Werkshallen, im Steirerjanker dirigieren sie Blaskapellen, in Gummistiefeln waten sie durchs Hochwasser. Hände werden geschüttelt, Bierfässer angestochen, Omas gedrückt, bis diese mit feuchten Augen schwärmen: "Jö, der Herr Minister versteht unsere Sorgen halt!"

Soweit das Selbstbild jener Politiker, die "Bürgernähe" für die höchste aller Tugenden halten. Selten wurde diese Lebenslüge so eindrucksvoll entlarvt wie in den vergangenen Wochen. Geschafft haben das couragierte Studierende, die Hörsäle besetzen und auf den Straßen für bessere Unis demonstrieren - erst am Donnerstag zogen wieder Tausende durch Wien. Ein derart lebhaftes Volk behagt dessen Vertretern nicht. Verunsichert, nervös und ängstlich reagieren die Regierenden, retten sich in Ausflüchte, verteilen Placebos. Nur das Naheliegende kommt ihnen nicht in den Sinn: Mit den Studenten einfach einmal zu sprechen.

Da ist etwa der Wissenschaftsminister, der sich gerne als liberaler Freigeist stilisiert. In Interviews glänzt er mit philosophischen Bonmots, doch will ein Teil der künftigen intellektuellen Elite seine Politik diskutieren, ist er plötzlich schmähstad. Tagelang fiel Johannes Hahn nur ein, mit wem er nicht reden wolle. In knapp drei Wochen lässt sich Herr Kommissar in spe nun zu einem "Dialog" herab. Hinauszögern bis nach seinem Abflug nach Brüssel konnte er den Termin dann doch nicht.

Verklemmt zeigt sich auch der Kanzler. Werner Faymann achtet sogar bei der Urlaubsplanung darauf, nicht abgehoben zu wirken, aber auf ein Bier mit ein paar Studenten im Audimax schafft er es nicht. Da könnte am Ende ja sogar der eine oder andere Pfiff ertönen - und von der Kronen Zeitung wiedergegeben werden.

Selbst der sonst so joviale Vizekanzler scheut den Auftritt ohne Netz. Statt sich mit (politisch) schmuddeligen Hörsaalbesetzern herumzuschlagen, wählt Josef Pröll seinen Quotenjugendlichen via Internet lieber selbst aus, um ihn als "Superpraktikant" mit auf Tour zu nehmen. Irgendein adretter Nachwuchsschwarzer, der schon mit 20 alt ist, wird sich finden lassen.

Warum sollte es anders laufen? Auch Politiker können selten aus der eigenen Haut heraus. Generationen von ihnen sind in den traditionellen Kaderschmieden von SPÖ und ÖVP aufgewachsen, in den Vorfeldorganisationen oder den Hinterzimmern der Sozialpartnerschaft. Jeder Kämmerer, jeder Gewerkschafter findet bei ihnen ein offenes Ohr - da kann er die Regierung noch so oft abgewatscht haben.

Jene hingegen, die sich außerhalb der alten Umlaufbahnen bewegen, haben viele Politiker auch im 21. Jahrhundert nicht auf dem Radar. Dort entstehen immer größere Lebenswelten, von denen sie wenig verstehen. Zu Studenten und anderen jungen Menschen ist der Kontakt fast schon abgerissen. Lobbys in den Parteien haben diese keine.

Die blinden Flecken spiegeln sich in der Politik wider. Die aktuelle Regierung ist stark, wenn sie in den eingefahrenen Bahnen navigieren kann. Die Krise bekämpft sie mit Bauprogrammen, Verschrottungsprämie und kreativer Arbeitsmarktpolitik - handwerklich sauber und mit einigem Erfolg. Doch Fantasie, Verständnis und Wille für zukunftsträchtigere Investitionen fehlen. Während der Betonmischer auf Hochtouren läuft, wird bei der Bildung jeder Cent zweimal umgedreht. Das spüren nicht nur die Unis. An den Pflichtschulen, wo soziale Sorgenkinder auf überforderte Lehrer treffen, ticken Zeitbomben.

Er sehe "keine Veranlassung, noch etwas Weiteres zu machen", sagte Hahn am Freitag, nachdem er einen Notgroschen von 34 Millionen lockergemacht hatte. Es ist zu befürchten, dass der Minister das wirklich glaubt. (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 7./8. November 2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 119
1 2 3
Wood
 
08.11.2009 14:51
Sie sprechen mir aus dem Herzen!!!

itavalda
08.11.2009 14:45

Passend zu der abgehobenen Arroganz gehört ja auch der Spindeleggersager , dass wir Wähler zu blöd für die EU sind.

konfusius
08.11.2009 14:06
Woher die Angst vorm Audimax?

Im Grunde genommen, ist es ja fast ident. Da, wie dort wird in mehr oder minder heiterer Laune geplaudert. Ok, im Audimax ist die Luft vielleicht nicht so erfrischend, aber der wahre Grund ist wohl u.a. daß man im AM nicht zustimmen muss, weil man im gleichen Verein sitzt und es keine 3 Weihnachtsmänner/-frauen gibt, welche lustig klingeln, wenns mal hoch her geht.
Oder liegt es doch daran, dass die Sitze nicht so bequem sind und die VoKü keine Lachsbrötchen ausgibt?
Alles nur Spekulationen, die Wahrheit ist, sie haben Angst. Angst vom Hausmeister um die Ecke nicht mehr gewählt zu werden.
Der lieben Laura wird der Onkel Werner auch verboten haben, hinzuschauen. Selbst wenn sie nur wegen einem Konzert hingehen würde.

GarciaLorca
08.11.2009 13:22
100%e Zustimmung!

Herz rulez
08.11.2009 13:19

natürlich sind die Politiker nicht bürgernah, wenn sie bürgernah wären, dann würden die Bürger erkennen was das für Menschen sind und das wollen die (Spitzen)Politiker nicht, also meiden sie die Bürger und versuchen sich stattdessen in den Medien gut darzustellen ...

a las barricadas
08.11.2009 13:13
kick it like backham :-)

bis dato hat man ein bild von jugendlichen gezeichnet, das düsterer nicht sein kann. gewaltbereite, komasaufende extremhedonisten, die auf dem compi ego-shooter spielen, um hernach den schulischen massenmord zu zelebrieren. keiner von der politischen klasse hat dem widersprochen, im gegenteil, eine verstärkung dieser vorurteile war angesagt. und nun etablierte sich am audi max ein jugendliches milieu, das seine kultur in die öffentlichkeit getragen hat. kreativ, sozial engagiert, basisdemokratisch, mit einer endlosschleife der gesellschaftlichen rückkoppelung, am puls der zeit. und so wundert es nicht, dass die audi max besetzer morgen dem novemberprogrom 1938 gedenken. in einer würdigen form, die der politik fremd ist.

123 .. Wizard of Oz
08.11.2009 10:27
SUPER

auf den Punkt gebracht

Chupacabra11
08.11.2009 13:42

Stimmt. Es ist ja kein Wahlkampf und mit StudentInnenbelangen lassen sich ja keine Stimmen bei den restlichen 6 Millionen Wahlberechtigten fangen... da zeigt man(n)/ frau lieber, wer der König im Haus ist, damit das Volk mitkriegt, wer die Obrigkeit darstellt. Mit Schmuddelkindern gibt man sich nicht ab, die hält man auf Distanz, könnte ja sein, dass man besudelt wird.

xerxes
08.11.2009 08:43
Politik in Ö = Zementierung des Status Quo

D.h. Zementierung der Parteienallmacht durch üppige Parteienförderung, flächendeckendes Networking (oder besser gesagt, Freunderlwirtschaft) und voreilender Gehorsam vor Raiffeisen und Kronen Zeitung...

Wo kämen wir denn da hin, wenn das Volk etwas zu sagen hätte !

Das Wort
08.11.2009 06:32
Keine Lebenslüge sondern lebenslang Lügner?

Eine Ministerin (Beamtin) verhandelt mit Beamten über deren Privilegien und Einkommen.

Offensichtlich ein Konflikt. Nein? Gelogen!

Ein Gewerkschafter bestimmt über Einkommen von Mindestlöhnern. Gehalt über 16000.- €. Kennt die bittere Armut. Kennt er nicht. Gelogen.

Wenn ich nun von Häupl als Sozialist redete, wäre meine Empörung zu Verbalinjurien hinreißend.

Ich beruhige mich mit dem Wissen, auch ein Sozialschmähtandler wie Cap, Faymann und die anderen Bonzenmillionäre die vorheucheln, unsere Interssen zu vertreten. Gelogen - es sind Partei und Eigeninteressen im Vordergrund.

Gobi Todic
08.11.2009 13:15
gewerkschafter 16.000 €???

bitte, ich bin gewerkschaftsmitglied und will auch 16.000€ verdienen - bitte um info WER soviel verdient.

oder verdienen ALLE Gewerkschafter soviel, da sie "ein Gewerkschafter" geschrieben haben?

;)

Roter Soze
08.11.2009 14:57
Der Hr. Huntsdorfer verdient als Gewerkschafter 11000.-E mtl., als Minister 18000.-€ mtl!

Gobi Todic
09.11.2009 13:20
aha

darf ich das dann zusammenzählen und auf 28.000 Euro summieren? ihre schreibweise zielt nämlich darauf ab.

Humanis Doc
12.11.2009 10:08
Wenn Sie müssen, sollten Sie - sonst geht's in's Hoserl!

Cuchullain
07.11.2009 22:31
@ Redakteur Gerald John: "... Statt sich mit (politisch) schmuddeligen Hörsaalbesetzern herumzuschlagen ..."

Bitte WEN bezeichnen Sie in diesem kakanischen Ösistan als Politisch schmuddelig??
Schmuddeliger als unsere Politikerkaste ist doch wohl niemand!!

Wann gehen endlich auch Arbeiter & Angestellte auf die Strassen um sich von den Banken das gestohl ... äh. .. geschenkte Geld wiederzuholen?

123 .. Wizard of Oz
08.11.2009 10:30
(-:

war wohl eher eine unterstellung bzw. ein seitenhieb richtig der betroffenen politiker dass eben die das so sehen

Cuchullain
09.11.2009 10:37
@ 123 Wizard:

Danke, ich hab's eh' kapiert, aber mir gehen die Politiker schon derart auf den Keks ...

:-)

Donaustädter
08.11.2009 09:31
Keine Angst, bald gehen die Arbeiter & Angestellten auf die Straße...

Cuchullain
09.11.2009 10:34
... aber bitte rechtzeitig bekannt machen!

:)

count zero
08.11.2009 12:18
Das hat weiland schon die Sozialdemokratie und die Kommunisten geglaubt....

...aber die haben ein bürgerliches Bewußtsein und deren Ziele sind die der Oberschicht, die lassen sich zu keiner politischen Äusserung und schon gar nicht auf der Straße hinreissen, es sei denn es geht gegen Ausländer oder disqualifizierte Schifahrer.....

cannery row
07.11.2009 21:12
da brauch ich aber..

keine studentenproteste, um das zu entlarven - etwas, das jeder, der nur halbwegs über gehirn verfügt, schon seit ewigkeiten weiss..

m.a.d
08.11.2009 08:38


ja! ... aber keiner fuehrt es so augenscheinlich der oeffentlichkeit vor ... und das ist der unteschied zu ihnen

tx200
08.11.2009 15:48

..aber nicht eingeschritten ist. DAS macht den unterschied.

tomm.
07.11.2009 19:59
gerald j. auf fleischhackers spuren ...

oberflächlich
aber sicher perfekt für die zielgruppe

Wood
 
08.11.2009 14:53
Du solltest bei Kritik über die Überschrift hinauskommen und auch den Rest lesen!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 119
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.