Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier beobachtet, dass die Politik an den jungen Menschen vorbei gemacht wird - Einen Zugang finde nur Strache
STANDARD: In den letzten Wochen gibt es plötzlich Studentenproteste, wie man sie schon seit langem nicht erlebt hat. Warum passiert das gerade jetzt?
Heinzlmaier: Denen ist das einfach zu viel geworden. Das ist keine Bewegung, die ideologisch motiviert ist. Das ist eine Bewegung, die aufgrund der augenfälligen Missstände an den Universitäten entstanden ist, die jeder direkt körperlich spürt. Das hat sich entladen. Das musste niemand organisieren, das ist spontan aus den Problemen heraus entstanden.
STANDARD: Die Probleme sind ja nicht neu.
Heinzlmaier: Wir haben schon länger Untersuchungen in diesem Bereich gemacht, die Leute haben gesagt, der Druck wird von Jahr zu Jahr größer. Da sagen 60 bis 70 Prozent: Es wird immer schwieriger, in die Lehrveranstaltungen hineinzukommen, der Bologna-Prozess, die Umstellung der Studiengänge, die Verschulung, immer mehr Anwesenheitspflicht. Man verlangt von den Leuten immer mehr und gibt ihnen immer weniger Unterstützung. Jetzt reicht es.
STANDARD: Ist es ein Ausdruck dessen, dass man zu wenig auf die Sorgen der jungen Leute gehört hätte?
Heinzlmaier: Es ist ein Ausdruck dessen, dass es nicht gelungen ist, eine vernünftige Bildungspolitik zu machen. Da blockieren sich ja die unterschiedlichen Interessen gegenseitig. Der Kompromiss ist immer der, dass man nichts macht. Dazu die Problematik des Bologna-Prozesses, wo man nicht genau weiß, wie man damit zurechtkommt. Das ist das Hauptproblem.
STANDARD: Und es kann auch keiner erklären, wofür er gut sein soll?
Heinzlmaier: Es geht in Wirklichkeit um Ausbildung statt Bildung. Die Studenten haben bei den Protesten gefordert: Bildung statt Ausbildung. Der Bologna-Prozess dient in erster Linie dazu ...,
STANDARD: ... dass viele Akademiker in die Wirtschaft kommen.
Heinzlmaier: Richtig. Dass es möglichst viele Akademiker gibt, die alle in verschulten Studiengängen nach einem Plan X durchgeschleust werden und wo dann am Ende ein möglichst homogenes, austauschbares Ergebnis herauskommt.
STANDARD: Wie hätte man dem politisch begegnen können?
Heinzlmaier: Man hätte zum Beispiel den Bologna-Prozess auch kritisch zurückweisen können. Wir aber haben einen Wissenschaftsminister, der gesagt hat: Humboldt hat ausgedient.
STANDARD: Quasi komplementär zu den Audimax-Besetzern gibt es die Lehrlinge und jungen Arbeiter: Die ballen die Faust in der Tasche und wählen FPÖ. Ist das ein ähnliches Protestverhalten?
Heinzlmaier: Ich würde dieser Analyse zu 100 Prozent folgen. Was sich auf der Uni trifft, sind die diskursorientierten Eliten, die besetzten das Audimax, die stellen ein Programm auf und wollen jetzt diskutieren. Ziel dieser Bewegung ist ja nur, dass man mit der Politik wieder ins Gespräch kommt. Das ist bei den Lehrlingen völlig anders, die sind nicht diskursorientiert, die sind auch nicht an Politik interessiert. Die Lehrlinge haben auch nicht dieses Partizipationsinteresse. Die Lehrlinge wollen ein gutes Leben haben, wollen eine Ausbildung haben, die ihnen ein möglichst gutes Einkommen sicherstellt, das ist es. Wenn sie sich in dem bedroht fühlen, dann werden sie politisch radikal: Ich wähle mir ein radikales Sprachrohr. Und das ist Strache, und das ist die FPÖ. Die wollen nicht selbst etwas tun, sondern die wollen wen haben, der es für sie macht. Man hat eine frustrierte, bildungsferne untere Mittelschicht, die sich radikalisiert, in dem sie einen radikalen Sprecher wählt.
STANDARD: Früher konnte das die Sozialdemokratie auffangen. Die Sozialdemokratie stand für Arbeiterbildung und Arbeiterkulturvereine. Was soll die Sozialdemokratie heute tun?
Heinzlmaier: Die Sozialdemokratie braucht - genauso wie die Volkspartei - einen bildungspolitischen Reflexionsprozess.
STANDARD: Die ÖVP sucht gerade den Superpraktikanten. Ist das ein adäquates Herangehen an junge Leute?
Heinzlmaier: Das ist für mich ein Symbol des Untergangs der politischen Kultur. Schon die Themenwahl: In einer Zeit, wo die Jugend versucht, alles richtig zu machen und dennoch zur "Generation Praktikum" wird mit sehr unsicheren Einkommenschancen, ist "Superpraktikant" ein höchst unsensibles Naming. Was soll eigentlich einen jungen Menschen daran so faszinieren, mit einem Bauernbundfunktionär, der jetzt Vizekanzler ist, eine Woche zu verbringen?
STANDARD: Wie würde es gehen?
Heinzlmaier: Die Analyse, die hinter der Aktion steht, ist: Es gibt offensichtlich einen Bruch zwischen der Lebenswelt, in der die Politiker leben, und der Lebenswelt, in der die Menschen leben. Jetzt versucht man, das zu überbrücken. Man versucht, den Leuten die Lebenswelt der Politik zugänglich zu machen. Die besten dürfen mit Josef Pröll Zeit verbringen. Dadurch entsteht eine Brücke von der einen Lebenswelt zur anderen. Die richtige Herangehensweise wäre, wenn sich die Politik mehr mit der Lebenswelt der Jugendlichen befassen würde. Die Lösung wäre, es umgekehrt zu machen: Hinzugehen zu Leuten und zu fragen, welche Probleme sie haben, wo kann man was tun. Oder hinzugehen, dort wo die Leute ihre Freizeit oder ihr Leben verbringen, um zu signalisieren, dass man sich dafür interessiert und dass man das ernst nimmt. Das wäre der bessere Weg, als ein paar Leute, die so einen elitären Prozess durchlaufen, dann zur Krönung den Vizekanzler begleiten dürfen. Das ist der falsche Weg. Pröll sollte dorthin gehen, wo die Jugendlichen sind.
STANDARD: Könnte man sagen, Heinz-Christian Strache macht es richtig, weil er in die Discos geht?
Heinzlmaier: Ja, das kann man sagen. Zumindest der Grundansatz ist der bessere. Die Politik geht aus ihrem Elfenbeinturm raus. Strache geht in die Discotheken, geht dorthin, wo die Leute sind, und die Leute fühlen sich dadurch ernstgenommen und respektiert. Er ist eigentlich volkstümlich. Das ist eine Form von volkstümlicher Selbstpräsentation und volkstümlicher Politik. Das ist letztendlich zielführend. Die Leute wollen mit dem ja gar nicht über Politik reden, denen reicht es ja schon, wenn er einmal zu ihnen kommt. Man sieht, dass es diese Gräben gibt zwischen Politik und zwischen dem Leben der Menschen. Und man muss versuchen, das symbolisch zu überbrücken. Wie es der Pröll macht, ist es genau falsch. (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 7./8. November 2009)
ZUR PERSON:
Bernhard Heinzlmaier (49) ist ehrenamtlicher
Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien.
Hauptberuflich leitet er seit 2000 die tfactory-Trendagentur in
Hamburg. Daneben hat er mehrere universitäre Lehraufträge.