Chronist einer anderen DDR

6. November 2009, 18:03
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    Hauswald erwischt in seinen Aufnahmen fotografisch den Zufall in jenem glücklichen Moment, in dem er zwangsläufig zu sein scheint. Manche DDR-Bürger staunen heute beim Betrachten einiger Aufnahmen, was sie alles in der DDR von der DDR nicht mitbekommen haben.

Seine Fotos vom Leben der Anderen zeigen eine DDR abseits aller Inszenierungen: Harald Hauswald, ein Fotograf aus Ostdeutschland

Gerade kaufte sich der Fotograf Harald Hauswald über einen Online-Anbieter eine gebrauchte Kamera. Nein, keine digitale, die würde er nie benutzen - ein kleines altmodisches Modell, ohne Motor und auffällige Technik. "Damit ich auch einmal wie ein Tourist fotografieren kann", erläutert er. Der 1954 in Radebeul bei Dresden geborene Hauswald braucht gelegentlich die Unauffälligkeit eines Chronisten, der seine Motive nicht inszeniert und sich seiner Umgebung anpasst, ohne den eigenwilligen Blick aufzugeben.

Am Anfang stand einer jener ungeregelten Lebensläufe, die der DDR-Staat eigentlich verhindern wollte. Fotografenlehre und ihr Abbruch, Industrieanstreicher, Aufzugsmonteur, Gerüstbauer. Die Wehrpflicht in der DDR-Armee (vor allem die deutsche Disziplin) ekeln Hauswald an. Die westliche Rockkultur begeisterte ihn mehr. So sehr, dass er als Tontechniker mit den ostdeutschen Rockbands durch das Land tourte. Und darüber hinaus auch nach Polen, Tschechien und Ungarn - also in dem Teil der Welt, der einem DDR-Bürger zugänglich war.

Eigentlich lebte er ja in dem kleinen Stück DDR, das weitgehend westfernsehfrei war. Oder manche Menschen zum Bau raffinierter Antennen anregte, damit man bei günstiger Witterung wenigstens ein paar Fernsehgries getrübte Bilder vom Leben drüben abbekam. Vielleicht sind das instinktive Früherlebnisse: nicht alles sehen zu dürfen, was ein paar Meter weiter westwärts (und immer noch im Osten) schon fast selbstverständlich war. Sich selbst ein Bild machen zu müssen, wenn es nicht alle Bilder in den Zeitungen und Büchern gibt. Vielleicht kommt daher die Sucht nach den vorenthaltenen Bildern und die Lust, genauer hinzusehen, weil nichts einfach so für immer vorhanden und anzuschauen ist.

Er wächst bei einem Vater heran, der als Fotograf zu den Selbstständigen gehört: Eine Schicht, die nicht gemocht wurde von den Herrschenden in der DDR und die durch hohe Steuersätze eher gegängelt werden sollte. Hauswald wuchs in keinem DDR-treuen Haushalt auf, sondern in einem, für den der Westen immer das bessere Deutschland war. Und während die sogenannten Arbeiter- und Bauernkinder punkto Bildung und soziale Aufstiegsmöglichkeiten besonders gefördert werden sollten, lebt Hauswald auf der benachteiligten sozialen Seite des DDR-Staates. Es wäre schwer für ihn gewesen, auch nur eine Zulassung für die erweiterte Oberschule mit Abitur zu bekommen. Hauswald trainiert sich früh in eine renitente Sehnsuchtsposition abseits der DDR-Normalität hinein, um gar keine Enttäuschung über nichtvorhandene Karrieremöglichkeiten aufkommen zu lassen. Man holte sich den Westen ins Land, auch wenn das der Staat nicht wollte. Die Rockmusik der Sechzigerjahre strahlte per Rund-funk, eingeschmuggelter Platten, überspielter Bänder weiter ins Land als die Fernsehprogramme. Und ostdeutsche Gruppen spielten sie nach. Als Tontechniker einer Rockgruppe trampte er sozusagen von Berufs wegen durchs Land. Aus der Zeit bleiben ihm gute Erlebnisse und ein Interesse an den Staaten östlich von Deutschland. Polen, Ungarn, Tschechien - da war oft mehr Westen möglich als in Ostdeutschland.

Er beginnt zu fotografieren, um auf Bildern seine Welt neu zu erfinden. Natürlich schwarz-weiß, das war am Anfang nur eine Frage des technischen Materials in der DDR, die Farbfilme konnten mit dem oft beschworenen Welt-Niveau nicht mithalten, die für Schwarz-Weiß schon. Doch wurde das immer mehr zu einer Frage der Gesinnung, die bis heute anhält. Schwarz-Weiß ist nuancenreicher, lässt dem Betrachter mehr Räume für eine eigene ergänzende Farbfantasie. Es verfremdet die Welt, um sie besser zu erkennen - Hauswalds Credo.

Die Welt neu erfinden

Rückenlange wehende Haare, seine freundlich auffordernde Stimme. Der Berliner Sachse gehört zu denen, die sich im Laufe der Jahrzehnte äußerlich kaum verändern. Schnell ist er zu einem Lächeln bereit und sucht im anderen den Partner, er stiftet Vertrauen - vielleicht ist das ein Geheimnis seines Erfolges. In der DDR entwickelte sich abseits des zum Gähnen langweiligen politischen Journalismus eine vor allem in kleinen staatlich verwalteten Galerien präsente Fotokunst - eine mit viel Interesse am Menschen und den verschiedenen Arten des Porträts. Fotokünstler wie Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler stehen dafür. Die drei letztgenannten präsentieren sich gerade zusammen mit Harald Hauswald im Berliner Haus der Kulturen in einer großangelegten Ausstellung unter dem trefflichen Titel Ostzeit. Es gibt keine bessere, die das Selbstbewusstsein und die Trostlosigkeit, die Melancholie der DDR-Intellektuellen und ihre Ausbruchsversuche so auf den Punkt bringt wie diese. Der Punkt ist natürlich keiner, sondern ein Raum mit vielen, vielen Bildern von einigen vorzüglichen Fotografen.

Und Harald Hauswald darf einer von ihnen sein, fast die späte Heimholung des schon verlorengeglaubten Sohnes: die Vereinigung von einem Außenseiter mit der anerkannten und vom Staat eher geduldeten als wirklich geförderten DDR-Foto-Kunst. Und der Betrachter könnte sich über das gelungene Buch und die intensive Ausstellung nur freuen, wenn sich nicht einige kleine Verlogenheiten am Rand einschlichen. Wenn Kunstkritiker von damals ihre Fehler schon nicht mehr korrigieren können - etwa Hauswald verschwiegen zu haben - möchten sie jene wenigstens heute leichter ignorieren dürfen. Da liest sich dann der berufliche Werdegang in Ausstellung und Buch so: "1976 Abschluss der fotografischen Lehre, Gesellenprüfung - seit 1980 Anstellung als Fotograf bei der kirchlichen Stephanus-Stiftung."

In der Realität vollzog sich sein Leben chaotischer und mit mehr Brüchen: Als Hauswald 1978 einer Freundin nach Berlin hinterherzieht, schlägt er sich als Telegrammbote, Heizer, Restaurator und Laborant am Theater durch. Als einziger DDR-Fotograf beginnt er regelmäßig ungenehmigt im Westen zu veröffentlichen. Er bekommt zum Glück einen Teilzeitjob (drei Stunden mit wahrlich nicht viel Geld) bei einer evangelischen Stephanus-Stiftung - noch dazu als Fotograf. Eine Arbeit, die ihn erst einmal vor der Kriminalisierung als Asozialisierung schützt. Genauso wie die zunehmenden Kontakte zu Westjournalisten vor der Haft und der politischen Verfolgung.

Liebevoll rückt er Außenseiter ins Bild - seine Aufnahmen von Punks zeigen mehr als eine Szene, welche die DDR lieber verbergen will. Harald Hauswald bebildert die Vitalität einer anderen DDR und berichtet von Spannungen und Energien, die bis heute anhalten. Mancher schimpft heute noch immer in Ausstellungen auf Fotos, weil sie angeblich ein verzerrtes Bild der DDR zeigen. Andere lachen oder lächeln über die Bilder aus Zeiten, in denen Hauswald sein Publikum im Westen hatte und bei jenen, die kirchliche Räume aufsuchten oder einer seiner Aufnahmen in Kirchenzeitungen sahen. Und Hauswald wuchs in den Achtzigerjahren immer mehr in die Rolle des Chronisten der unabhängigen Friedensbewegung der DDR hinein.

Höhepunkt sicher sein 1987 in München erschienener Foto-Text-Band über Ost-Berlin - ein Beleg lustvoll gelebter Ost-Identität und Ausdruck oppositionellen Verhaltens gegen den Staat gleichermaßen. Die DDR-Führung mischt sich persönlich ein. Es gibt einen Brief vom Kulturchef Kurt Hager an den Minister für Staatssicherheit Erich Mielke - zwei Seiten gegen dieses Buch.

Hauswalds Aufnahmen sind eine Liebeserklärung an eine halbe Stadt, die Ganz-Berlin heute sehr mitprägt und außerdem für den gesamten DDR-Osten einsteht. Er erlebt natürlich diverse Schikanen: konspirative und offizielle Hausdurchsuchungen. Öfter laufen an Feiertagen ein paar Stasi-Leute hinter ihm her, um zu fotografieren, was er wohl fotografieren würde. Bis zuletzt schwanken die Staatsorgane zwischen Verhaftungsvarianten und Bestechungsversuchen. Hauswald arbeitet einfach weiter. Und fotografiert seine ersten Farbreportagen für Stern oder Geo. Alle Filme müssen wie auch Texte über die Grenze geschmuggelt werden - durch in der DDR akkreditierte West-Journalisten.

Er arbeitet einfach weiter

Und nach dem Ende der DDR? Gehörte er zu den Gründern der renommierten Fotoagentur Ostkreuz - und macht weiter. Gerade weilt er in China, auf der Suche im neuen Osten, der ja auch schon ein rasanter Westen sein will. Hin und wieder bekommt er heute einen Preis oder ein Bundesverdienstkreuz und ist in der Gegenwart angekommen. Das zeigen weniger die DDR-Fotos aus dem Sammelband Ostzeit als jene in seinem neuen Berliner Stammverlag (Jaron) erschienenen Aufnahmen in Gewendet - vor und nach dem Mauerfall. Der liegt in zweiter Auflage vor, und die Neuausgabe des Ostberlinbuches entwickelte sich zu einem wirklichen kleinen Bestseller. Hauswald zeigt in den neuen Bildern seine Neugier auf Gegenwart und lässt eine Ahnung vom Vergangenen im Zukünftigen aufscheinen. So hat er schon wieder einen neuen Sammelband zu einer Kette von Ausstellungen vorbereitet (Auferstanden aus Ruinen, Jaron, 2009) und führt eine exemplarische gesamtdeutsche Existenz mit ostdeutsch grundierter Sozialisation. Sein immer noch nicht geordnetes Fotoarchiv könnte zumindest für kleinere Überraschungen noch gut sein.

Er erwischt weiter in seinen Aufnahmen fotografisch den Zufall in jenem glücklichen Moment, in dem er zwangsläufig zu sein scheint. Und manche DDR-Bürger staunen heute beim Betrachten einiger Aufnahmen, was sie alles in der DDR von der DDR nicht mitbekommen haben. Es gibt keine vom Staat festgelegten Rollen mehr in Hauswalds Lebensstück: Ein Fotograf spürt den Lebensenergien abseits politischer Abstraktionen nach. Der im Osten vom Staat bekämpfte Fotograf wurde zu einem europäisch orientierten Chronisten dieses Ostens und seiner fortwirkenden Erfahrungen und Mentalitäten. Er bleibt der Vergänglichkeit auf der Spur - und hebt sie auf: in jedem gelungenen Bild. (Lutz Rathenow, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.11.2009)

Zur Person:
Lutz Rathenow, Schriftsteller und DDR-Dissident, arbeitete gelegentlich mit dem Fotografen Hauswald zusammen und schrieb den Text für das in fünfter Auflage vorbereitete Buch "Ost-Berlin" (Jaron). Rathenow arbeitet gern mit bildenden Künstlern - ob mit dem Kölner Karikaturisten Frank Ruprecht ("Der Liebe wegen. Erzählungen" , edition buntehunde, 2009) oder mit dem Leipziger Illustrator Egbert Herfurth ("Ein Eisbär aus Apolda" , LeiV, erweiterte Neuausgabe 2009).

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dr.no3
00
8.11.2009, 09:23
weil die DDR kein totalitärer überwachungsstaat war

konnte dieser mensch ungehindert raubkopien anfertigen

Terence Lennox
01
6.11.2009, 22:57
und was hält er in der hand?..

..eine digitale kamera, die er nie benutzen würde...

Gerhard Grabner
01
6.11.2009, 18:53
Interessanter und spannender Text!

Mal ansehen, die Fotos!

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