Thomas Mayers Europa-Blog

Willkommen Serbien! Kreuz hin oder her.

Thomas Mayer, DER STANDARD, 6. November 2009, 16:01

Das haben wir noch gebraucht: Die berühmt-berüchtigte FPÖ-Abgeordnete Susanne Winter, die mit ihren Hetzparolen im Grazer Wahlkampf auf sich aufmerksam machte, als sie den Propheten Mohammed einen "Kinderschänder" nannte, macht sich Sorgen um Kreuze in den Klassenzimmern. "Eurokratische Richter sind eine Gefahr für unsere europäische Kultur", warnt sie in einer Aussendung ihres Parlamentsklubs, und redet in diesem Zusammenhang von "EU-Fahnen", die nie eine Mehrheit in der Bevölkerung finden würden.

Ihr blauer Kollege im EU-Parlament, Andreas Mölzer, in den 1990ern berühmt-berüchtigt geworden durch seine Warnungen vor der "Umvolkung" Österreichs, freut sich, dass  Serbien ein EU-Beitrittsgesuch noch vor Jahresende angekündigt hat. Seine Begründung ist symptomatisch: Serbien sei "geistig-kulturell" ein Teil Europas, im Gegensatz zur Türkei.

Abgesehen davon, dass man die antiklerikalen Grundstimmungen der freiheitlichen schlagenden Burschenschafter um Mölzer vor nur wenigen Jahren im Kopf hat, bevor sie sich zu "wehrhaften Christen" anpassten, zeigen die beiden Beispiele, wie sehr mit der Europäischen Union parteitaktische und ideologische Spielchen betrieben werden, wenn es gerade mal passt. In der Regel lässt die FPÖ sonst ja kaum eine Gelegenheit aus, gegen die EU und vor allem gegen die Erweiterung nach Ost- und Ostmitteleuropa und deren (kriminelle) Folgen zu hetzen.

Bei Winter ist auffällig, dass sie offensichtlich den Unterschied zwischen EU und Europarat nicht kennt. Das umstrittene Kruzifix-Erkenntnis  hat jedenfalls mit der EU und deren Höchstgericht in Luxemburg absolut nichts zu tun. Es wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ausgesprochen, einer Institution des Europarates.

Bei Mölzer fällt auf, wie selbstgerecht er die Union als exklusives Land für Christen versteht. Davon steht nichts in den Europäischen Verträgen.  Dort finden sich nur Formulierungen, dass jedes europäische Land das Recht (!), also nicht nur die Gnade, hat, Mitglied der Union zu werden, wenn es die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen erfüllt. Das gilt, gemäß einem einstimmigen Beschluss aller Staats- und Regierungschefs der Union auch für die Türkei und deren mehrheitlich islamische Bevölkerung.

Es gilt auch für Bonien-Herzegowina und deren gemischt-religiöse Bevölkerung. Die blauen Versuche, die Völker Europas gemäß ihrer Religion auseinanderzudividieren, sind schäbig. Die Union ist gemäß ihren eigenen Maßstäben ein Land, das jedem Individuum alle Grundrechte garantiert, also auch die Religionsfreiheit - oder das Recht, gar keiner Religion anzugehören.

Dass Serbien in die EU will und dass Kroatien und Slowenien diese Woche ihren Grenzstreit um Küstengewässer beigelegt haben, ist aus einem ganz anderem Grund Anlass zur Freude für alle Europäer. Die EU versteht sich seit den  Gründungsverträgen vor allem als Gemeinschaft, die den Völkern Freiheit, Sicherheit und Aussöhnung bringt. Gerade wir Österreicher als Nachbarn, die wir seit Jahrzehnten so zu leben gewöhnt sind, sollten das schätzen können. Die Bürgerkriege am Balkan sind erst 10 bis 20 Jahre her. Mehr als hunderttausend Menschen starben dort, Millionen wurden vertrieben oder sind geflüchtet.

Wenn Serbien (und andere ex-jugoslawische Nachfolgestaaten) eines Tages aus freien Stücken EU-Mitglieder werden, vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren, dann wäre das ein Triumph der europäischen Einigung. Man sollte dabei nicht vergessen, wer diese Einigung seit Jahr und Tag bekämpft und in Frage stellt.

Kommentar posten
23 Postings
worldiscubik
11
9.11.2009, 10:12

bitte nicht JETZT wieder mit der winter anfangen.
die hatte schon VIEL zu viel publicity und das muss man nicht schon wieder vorantreiben. auch wenns nicht gewollt ist. aber bei manchen menschen ist es besser einfach auf nichts zu reagieren. der hört eh niemand mehr zu ausser ihre kellernazi freunde.

callanish
00
9.11.2009, 09:21
Irgendwie traurig: den Unterschied zwischen EU und UEFA kennen alle.

aber EU/Europarat, EUGH/EGMR - damit gibts Schwierigkeiten.

Sollte man vielleicht umbenennen.

Arbeiter von Wien
23
8.11.2009, 01:47
Was ist Geschichtsfälschung? Was ist Propaganda? Es stimmt schon, daß die Rechten und Faschisten ihre Fahne nach dem Wind richten, und EU-Politik nach Tagesinteresse propagandistisch ausrichten.

Wenn Thomas Mayer jedoch schreibt, "Die EU versteht sich […] als Gemeinschaft, die den Völkern Freiheit, Sicherheit und Aussöhnung bringt" dann frage ich mich … War es nicht Mock, der unserer Neutralität wiedersprechend SLO und HR illegal anerkannte - damit österreichische Konzerne jetzt mächtig abcashen können? War es nicht im Interesse der EU daß Jugoslawien zerfällt? Sind die beweinten Toten nicht doch auf die EU-Interessen zurückzuführen. War es nicht die Nato, die einen sogar natostatutenwidrigen Angriffskrieg führte?

Solange wir von EUphorikern solche Zeilen lesen, brauchen wir uns nicht wundern wenn Faschisten immer mächtiger werden können. Wenn die Interessen der EU so verklärt werden, können dies die Rechten halt ausnutzen!

Porqué no te callas?
10
9.11.2009, 14:43

auch neutrale staaten haben das recht auf eine eigene meinung, und wenn diese lautet, dass man einen staat anerkennt dann ist das eben die meinung und da ist absolut nichts illegales daran und schon gar keine einmischung in innere angelegenheiten.

was du über die "österreichischen konzerninteressen" faselst ist selbstverständlich ein unsinn. dass die eu interesse am zerfall von yu gehabt hätte ebenfalls. das mit der nato ebenfalls. und schau mal nach, was "faschismus" bedeutet, bevor du fremdwörter falsch verwendest.

dradiwabal
 
02
8.11.2009, 18:38

sehe nicht warum die Anerkennung von Slowenien und Kroatien nicht mit unserer Neutralität vereinbar sein soll.

Arbeiter von Wien
20
9.11.2009, 05:02
Ich versuch´s mit einer Analogie

Stellen sie sich vor Südtirol erklärt sich unabhängig von Italien, und Österreich erkennt den Staat Südtirol als eines der ersten Länder weltweit innerhalb der ersten Tage an, … ?

Nur weil die Österreichischen Interessen nicht derart offensichtlich waren, bedeutet daß noch lange nicht, daß es sich nicht um massive Einmischung in die Angelegenheiten von Jugoslawien gehandelt hat.

Porqué no te callas?
01
9.11.2009, 14:46

ad südtirol: nicht alles was hinkt ist ein vergleich.

ad einmischung in innere angelegenheiten: das behaupten alle regime die ihre bevölkerung unterdrücken.

grafixel
01
8.11.2009, 17:41
Wieso sollte die EU ein Interesse

an staatlicher Zersplitterung Jugoslaviens
in teilweise nicht lebensfähige Gebilde gehabt haben?
Das macht für mich keinen Sinn.

Arbeiter von Wien
00
9.11.2009, 05:11
Wegen

• geostrategischen Interessen (Serbien war damals Russland-orientiert und hätte das innerhalb Jugoslawiens weiter durchgesetzt)
• neuer Absatzmärkte
• möglichen Geschäftbeteiligungen (schauen sie nur wieviele Ö-Konzerne von Laibach bis Sarajevo ihre Finger im Spiel haben)
• Geldmacherei durch Privatisierung staatlichen Jugoslawischen Besitzes
• interesse an Rüstungs- und Militäraufträgen
• Durchsetzung einer gesamt-europäischen Militärpolitik
• Interesse an Wiederaufbau-Aufträgen nach dem Krieg

Porqué no te callas?
02
9.11.2009, 14:52
1

ad geostrategisch: "hätte das innerhalb Jugoslawiens weiter durchgesetzt" ja genau. gegen den willen der bevölkerung.

ad absatzmärkte und geschäftsbeteiligungen: der markt eines gesamt-yu wäre auch lukrativ gewesen und unsere unternehmen hätten auch in yu investiert.-> das ist kein grund.

ad privatisierungen: der übliche nonsense (die privatisierungen nach russischem muster waren ja soo beispielhaft, was?)

ad rüstungsaufträgen: es ist egal wo die waffen herkommen, oder nicht? für dich scheint eine waffe böse zu sein, wenn sie aus gb oder f kommt, aber jede waffe aus ru schein gut zu sein.

ad militärpolitik: was willst du damit sagen?

ad wiederaufbau: der läuft offensichtlich mit europ. hilfe besser als mit russischer.

ad

recorrido
 
12
7.11.2009, 13:26
Nichts macht mich soooooo zornig...

...wie diese Idioten von der FPÖ!

Wie bitte?1
05
6.11.2009, 23:11
Das umstrittene Kruzifix-Erkenntnis hat jedenfalls mit der EU und deren Höchstgericht in Luxemburg absolut nichts zu tun. Es wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ausgesprochen, einer Institution des Europarates.

Das wird ja noch eine echte Herausforderung für die tageslichtmäßig benachteiligte Jahreszeit:
"Winter kündigte jedoch schon an, gegen das Urteil beim EuGH Berufung einlegen zu wollen."
http://de.wikipedia.org/wiki/Susa... erhandlung
Ob wenigstens ihr Anwalt den Unterschied kennt?

Wie bitte?1
01
6.11.2009, 23:01
Mein Geschichtsbild ist Privatsache

Was will man denn von der temperaturmäßig herausgeforderten Jahreszeit auch erwarten oder sich anmaßen, voraussetzen zu dürfen?
Auf die Bitte [eines so titulierten], farbige Menschen nicht als Neger zu bezeichnen, weil dies diskriminierend und beleidigend sei, erwiderte Winter, dies sei seine persönliche Empfindung und sie wolle sich „nicht der political correctness unterwerfen“.
Auf die Frage, ob es nicht notwendig sei, zu jemand nach dem Verbotsgesetz Verurteilten Abstand zu halten, erwiderte sie... erraten
Da ist der hier erinnerte Grazer Wahlkampf 2008 schon ein Lercherlsch*s dagegen - von so jemandem erwarte ich dann auch nicht, zu wissen, was der Europarat ist.

mitrovic dejan
06
6.11.2009, 20:15
An alle Hirnis weit und breit

In Serbien gibts auch Moslems und das ist kein Staatsgeheimnis,nicht nur Christen.Moslems gibts in Österreich auch.zirka 400 000-500 000,und trotzem ist Österreich in die EU aufgenomen werden.Wo ist da das Problem mit dem kreuz bitte.Noch gefärlicher für Österreichs FPÖ Katoliken sind Serbische Ateisten (alt-kumunisten).Aber das ist eine andere geschichte.Das lachen von FPÖ würde schnel vergehen wenn zirka 1 000 000 Roma angehürige in Serbien nach Österreich auswandern möchten,ob dann die FPÖ weiter für Serbien sich weiter so einsetzt mit biligen propagander?.Serbien Brauch keine Gnade und Mitleid von FPÖ bei EU beitrit ansuchen.Das ist ihres guten Recht.Man kann auch aus dem EU austreten aber das wergist man gerne bei FPÖ nach EU Blamage.

Porqué no te callas?
00
9.11.2009, 14:56

es gibt keine fpö katholiken, die fpö ist eigentlich anti-klerikal eingestellt. das ist alles nur billiger stimmenfang, dem überzeugte katholen nichts abgewinnen können.

dradiwabal
 
00
8.11.2009, 18:41

ohne hier Klugscheißen zu wollen 500 000 is a bisal übertrieben 340 000 tuns auch. Ändert aber nix and der Sache.

Das fünfte Element
00
7.11.2009, 13:54
nanu

sie tippen ja plötzlich nicht mehr wie ein "pseudo-jugo"

mitrovic dejan
01
7.11.2009, 14:31
Na ,ja wenn sie mich in ruhe lassen

mit Serbien Basching dan denke ich in ruhe und realistisch.

Christoph ************
05
6.11.2009, 18:17

Was um bitte sind "Eurokratische Richter". Also das Wort "Richter" verstehe ich ja noch, aber was ist ein Richter wenn er "eurokratisch" ist?

callanish
01
9.11.2009, 09:22

eurokratisch ist

- gegen die EU
- gegen den Euro
- gegen den Bürokraten
- es ist kein schönes Wort und hat sofort negative Assoziationen.

Geniale Wortschöpfung.

Nick Tameer
01
8.11.2009, 13:34

Dann fällt er Urteile, die dem, der das sagt, nicht passen.

philidor85
00
7.11.2009, 11:13

für neueinsteiger in punkto blauem vokabular empfiehlt sich das malerisch unterlegte heft "hcs kampf gegen eine zentralistische eu-verfassung"

es öffnet einem die augen - sogar das bier wollen sie uns stellen :(

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