Zwanzig Jahre danach: Über die Lage auf dem Kontinent
Wer von West nach Ost geht, leistet weiterhin einen Verzicht. Wer von Ost nach West umzieht, fühlt sich immer noch gerettet. Zwanzig Jahre nach 1989: Über die Lage auf dem Kontinent.
***
Früher lag Österreich in Mitteleuropa, heute ist es Teil des Westens. Auch das ist ein Ergebnis des Kalten Kriegs, ein folgenreiches. Mitteleuropa ist längst nicht mehr das, was es einmal war, und der Westen auch nicht. Und es ist auch nicht so, dass Mitteleuropa westlicher geworden wäre oder der Westen mitteleuropäischer. Und Österreich? Österreich ist Österreich, mehr dazu gleich, in der Werbung für 1989.
Hier zum Beispiel: Als 1989 der Abbau der Grenzzäune zwischen Ost und West, auch zwischen Österreich und der Slowakei, begann, lagen Wien und Bratislava wie eh und je 65 Kilometer voneinander entfernt, also außer Hörweite. In Wien leuchtete der Westen und in Bratislava dämmerte der Ostblock. Umsonst beschwor man eine gemeinsame Vergangenheit, zu der einem partout nichts einfallen wollte. Nichts, außer der Straßenbahn, mit der man angeblich von Pressburg ins Wiener Burgtheater hatte fahren können, oder den Mehlspeisen, als hätte man damals von Mehlspeisen gelebt und seine Abende im Theater verbracht. Mit Nestroys Lumpazi und Hofmannsthals Jedermann. Als hätte es jemals diesen Gleichklang gegeben. Kaiserschmarrn statt Halušky.
1989 kann man kleinreden, und man kann es auch groß herausbringen. Vielleicht sogar mit den gleichen Worten. Da sich der Schriftsteller vor allem anderen mit der Sprache aufhält, ohne die er nichts wäre, jedenfalls nicht Schriftsteller, hat er sich auch dieser Art Fragwürdigkeit zu stellen. Wer von der Sprache spricht, der spricht auch von ihrem Zustand. Es gibt einen Zustand der Sprache vor 1989 und einen Zustand der Sprache nach 1989. Es gibt die Sprache und die Sprachregelung.
Wenn vor 1989 ein Antikommunist, je nach Standpunkt des Kommentierenden, entweder als Kalter Krieger oder als Freiheitskämpfer gelten konnte, so blieb nach 1989 vorerst nur der Freiheitskämpfer übrig. Im Ergebnis stieg im ehemaligen Ostblock die Zahl der Antikommunisten rasant an, es wurden dort bald so viele Antikommunisten gezählt, wie vorher Kommunisten. Es handelte sich in den meisten Fällen ja auch nicht um Parteigänger, sondern um Parteimitglieder. In Bukarest verbrannten einige vom Furor des Augenblicks Getragene sogar ihre Parteibücher vor laufender TV-Kamera. Nicht die Überzeugung machte sie zu Demokraten, sondern der Sog des Ereignisses, und daher rührt das Problem. Um es gleich zu sagen: 1989 symbolisiert nicht nur das Ende des Totalitarismus, mit ihm nimmt auch die Erlebnisgesellschaft ihren Anfang. Das erste große Event ist das Souvenirsteinschlagen an der herrenlos gewordenen Mauer.
1989 bildet die Brücke zwischen Orwells Big Brother und dem Big Brother von RTL, der 1999, genau zehn Jahre danach, zum Zug kommt. Und mit ihm der so anvisierte Bürger, das geneigte Publikum, von der Observation zum Observationsspiel. 1989, auch das ist zu sagen, wird der Code für eine Gesellschaft fixiert, in der man reden kann, bis der Arzt kommt, eine Gesellschaft, in der alles bis zum Abwinken erlaubt ist, bis auf die paar Kleinigkeiten, auf die es ankommt. Hier wie dort.
Bedenkliches Gleichgewicht
Das tektonische Europa ruht in einem zwar heiklen, aber nicht bedenklichen inneren Gleichgewicht. So die allgemeine Annahme. Man kann sich gepflegt über seine Werte unterhalten oder über seine Grenzen streiten, die jetzt Außengrenzen heißen, und es wird bei jeder Diskussion, ob sie nun am Boulevard Saint Germain, im Deux Magots, im Cafe Slavia in Prag oder bei Starbucks in Wien geführt wird, ein Fixum übrigbleiben, das für alle seine Geltung hat, ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Dass Tisch und Stuhl dabei in der Luft stehen, einen guten halben Meter über dem Parkett, wird nicht weiter auffallen.
Die Diskussion hingegen, wer Europäer ist, und warum, bleibt vermint. In der Vorstellung von Wiener Intellektuellen ist es meist Jedermann, der die Nation überschreitet, was man gelegentlich als überwinden deutet, einer, der beispielsweise mehr zu sein hätte als ein Österreicher, und so als Arnold Mustermann dem arglosen Nichteuropäer entgegentritt. Das Problem ist: Kein Nichteuropäer, der einem Österreicher begegnet, wird sagen, er sei einem Europäer begegnet. Er wird sagen, er sei einem Österreicher begegnet, und das ist auch ganz normal, denn das Maximum in Österreich ist der Österreicher. Selbst als Europaabgeordneter ist er ein Österreicher, und dort, im Europarlament, erst recht.
Und noch etwas. Tritt man dem Nichteuropäer als Österreicher gegenüber, hat man es sicherlich leichter als in der Rolle des Europäers. Was sollte der Afrikaner speziell dem Österreicher schon vorwerfen können? Als Europäer dagegen muss man für die Kolonialgeschichte der Briten und Franzosen geradestehen. Und das bei dem mickrigen Schifffahrtsanteil, aufgrund eines einzigen, noch dazu windigen Hafens, Triest, in dem es in den Kontoren, wie es heißt, stiller gewesen sei als an den Schreibtischen der Belletristen. Kaum jemals habe man von Österreich aus das Mittelmeer verlassen, es sei denn, um die Melancholie auf Madeira zu pflegen.
Heute gehört Österreich zu den Geberländern der EU, und das ist nicht zuletzt seiner Nachkriegsgeschichte zu verdanken. Österreich war klein genug, um nicht sowjetisiert werden zu können. Die sowjetische Besatzungszone hatte nicht die ausreichende Größe, um daraus einen Staat machen zu können, wie ÖDR, Österreichische Demokratische Republik. So gesehen, wurde Österreich nicht erst durch den Staatsvertrag gerettet, sondern bereits durch seine Kleinheit.
1989 aber blieb auch für das kleine Österreich nicht ohne Folgen. Es behielt zwar die verfasste Neutralität, und der Dritte Mann war auch weiterhin im Spiel. Nur: Das Spiel war nicht mehr das Spiel. Man hätte es nicht einmal als Coverversion bezeichnen können. Was aber ist die Neutralität ohne das Harry-Lime-Thema? 1989 begrub den Dritten Weg, und alles Dritte, das es sonst noch gab: Koexistenz, Konvergenz, Stamokap und Efta. Und die Neutralität? Fragen Sie den Zitherspieler.
1989 hat den Völkern Osteuropas die Freiheit gebracht, worin aber besteht die Freiheit zwanzig Jahre danach? Zur Zeit ist nichts populärer als der Euro und nichts unpopulärer als die EU. Wie ist das zu verstehen? Wie soll man verstehen, dass man den Euro gerne behalten und die EU am liebsten wieder abschaffen möchte?
Zu den wichtigsten Errungenschaften von 1989 gehört die damals mit dem Wort Reisefreiheit bezeichnete Form der Libertas. Sie bleibt heute meistens unerwähnt. Dabei hat der Wegfall der Passkontrolle Europa in mancher Hinsicht erfreulich kleiner gemacht. Man kann jetzt von Kopenhagen bis Rom durchfahren, oder gar runterbrettern, als wäre es die karolingische Autobahn, die man in Anspruch nehmen kann, ohne einen Gedanken an sie verschwenden zu müssen. So frei ist man jetzt.
Wir aber wechseln den Sender, um in einen anderen Werbeblock zu geraten. In diesem Forum geht es um den Ausgleich zwischen Ost und West, bzw. um die Frage: Wer setzt sich schon in Paris ins Auto, um bis Warschau durchzurasen? Warschau ist nicht Rom. Aber was ist Rom? Rom ist Mythos, seine Gegenwart ist klein genug, um den Mythos entfalten zu können. Wer käme auf die Idee, das Kolosseum zu überbauen oder den Petersdom mit einem gläsernen Kubus zu erweitern?
Kein Mensch zögert, nach Rom zu fahren, man muss sich dafür ja auch nicht rechtfertigen. Keiner wird fragen, warum ausgerechnet Rom? Aber wenn einer nach Warschau fährt? In der Regel wird er die Frage gar nicht erst abwarten. Jemand, der nach Warschau fährt, wird einem sofort ungefragt mitteilen, warum er nach Warschau fährt. Hier fünf beliebte Erklärungen für eine Warschaureise:
1. Ein Freund sei dort im diplomatischen Dienst tätig.
2. Man wolle sich mal vor Ort geschäftlich umsehen, ganz unverbindlich, natürlich.
3. Man sei als Vertreter einer NGO, einer Nichtregierungsorganisation, zu einer Tagung eingeladen.
4. Man nehme an einem Studentenaustauschprogramm teil.
5. Für Schriftsteller: Man habe ein Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung erhalten.
Nun wird es aber Zeit, die Donau in Erwähnung zu bringen. Zumal meine eigenen Vorfahren diesen Fluss runtergeschippert sind. Auch damals fuhr man ins Ungewisse, wenn man in den Osten fuhr, und man fuhr sogar hin, um zu bleiben. Und heute? Hier ein Verwegener und dort ein Narr, und einer, der es nicht lassen kann. Aber sonst? Sonst ist es ungefähr so, als hätte sich Gregor von Rezzori 1989 dafür entschieden, seinen Lebensabend, statt auf dem Landgut in der Toskana, in Bukarest zu verbringen. Wer von West nach Ost geht, leistet weiterhin einen Verzicht, wer von Ost nach West umzieht, fühlt sich immer noch gerettet. Die schönsten Metropolen in Ostmitteleuropa, Prag und Budapest, sind zu Orten der Rundum-Vermarktung geworden, der Komplettverwertung. Man sieht dort kaum noch Menschen auf der Straße, die nicht einer lauten Dame mit hochgehaltenem Schirm folgen würden.
Man muss es schon sagen: Auf das Ende der Diktatur folgte nicht nur die Freiheit, es folgte auch die Um-Normung der Gesellschaft. Brüssel war plötzlich Rom und damit im Besitz des Limes. Es wurden die westlichen Formen und Formate eingeführt, den abendländischen Werten folgten die DIN-Normen. Bisweilen gingen sie ihnen auch voraus. Die Zeit der gefühlten Freiheit war kurz, es war eine Übergangszeit.
Nicht wenige unter jenen mutigen Menschen, die den Kommunismus bekämpften, gruben sich mit diesem Kampf die eigene Existenzgrundlage ab. Sie waren auf paradoxe Weise die Protagonisten dessen, was sie bekämpften. So hatte die polnische Solidarnoœć-Gewerkschaft, die sicherlich am meisten aktiv zum Ende des Kommunismus beigetragen hat, ihre Machtbasis auf der Danziger Lenin-Werft. Diese aber war ein Inbegriff der staatsplanerischen Misswirtschaft und als solcher notgedrungen zu beseitigen, wollte man zu einer funktionierenden Marktwirtschaft kommen.
Oder die Schriftsteller: Sie riefen nach der Freiheit, und durch diesen Ruf verloren ihre Verbände, von der Staatsmacht getragen, Einfluss und Macht. Die wahre Größe von 1989 besteht darin, dass die Freiheit, die man meinte, mehr war als nur die eigene. Eine solche Dialektik der Freiheit fehlt uns heute. In Ost und West. Es geht immer nur um Rechte, um den Rechtsanspruch des Einzelnen, der wieder einmal von etwas befreit werden möchte, von der Steuererklärung oder von der neuesten Zuzahlung. Das Prekäre der Entfaltung der Grundfreiheiten nach 1989 besteht in ihrer Banalisierung.
Wir kommen zum Schwerpunkt des Programms: Aufgrund von Verwerfungen, wie den soeben geschilderten, soll es in weiten Teilen der Öffentlichkeit des Ostens zu der großen Verzichtserklärung gekommen sein, mit der wir seit Jahr und Tag konfrontiert werden. Man gebe das bisschen Freiheit gerne wieder ab, heißt es, denn, so die schlagfertigen Leute, was habe man schon davon? Da wäre einem die soziale Sicherheit mehr wert, die von früher. Von früher? Sie tun so, als wüssten sie es nicht besser, zumindest nicht anders, und die es sagen, sind vor allem diejenigen, die noch dabei waren, als der Mensch so viel zählte, wie viel das Regime von ihm hielt. Wenig.
Das Faktum, das mit der Diktatur auch eine Utopie stürzte, gab dem Jahr 1989 eine große, eine vielleicht zu große Symbolik. So konnte 1989 zur Spekulation darüber einladen, ob es nun zur Vollendung der französischen Revolution gekommen sei oder zu ihrer endgültigen Verabschiedung. Die einen gingen von der Deklaration der Menschenrechte aus, die anderen vom Terreur der Jakobiner. So gesehen, wurden 1989 die Jakobiner verabschiedet und die Menschenrechte verbrieft und glorifiziert.
1989 ist Geschichte. Damit ist es uns entzogen, aber ohne schreibgeschützt zu sein. Wir können also darüber reden, reden und schreiben. Das Hauptmerkmal von Geschichte ist, dass sie einer Eigendynamik folgt und nicht den Wünschen der Akteure des Augenblicks. Wenn jetzt die intellektuelle Opposition in Ost und West, anlässlich der Krise und der Krisenstimmung, wieder einmal ihr Repertoire in Anschlag bringt, ist eine kleine Notiz fällig, diese: So wie nicht alles, was 1989 vorausging, auch eine Voraussetzung für 1989 bildet, so ist längst nicht alles, was nach 1989 geschah, automatisch eine Folge von 1989.
1989 machte die Drehtür der Geschichte für einen Augenblick sichtbar. Was der Einzelne dabei zu sehen bekam, ist nicht allein der Geschichte zuzuschreiben. So manches geht auf das Konto der Betrachtungsweise. Der Schriftsteller würde sagen: Es ist die Erzählperspektive, auf die es ankommt.
Das Jahr 1989 stand weitgehend im Zeichen der Unvernunft. Und nur diese Unvernunft, ihr Ausmaß, konnte die tektonischen Platten in Bewegung setzen. Plötzlich hatten die Menschen keine Angst mehr, und niemand wird ausreichend argumentieren können, warum das so war. Seid unvorsichtig, war die Parole des Tages. Und damit war die Stunde der Masse gekommen, und auch die Stunde der stillschweigenden Allianz zwischen dieser Masse und den oppositionellen Intellektuellen. Es ist eine wechselvolle Beziehung im Zeichen des Missverständnisses. Die Intellektuellen meinen bis heute, das Volk habe sie auserkoren, um unter ihrer Führung zum Hauptgewinn, zur Utopie, zu gelangen. Dieses aber betrachtet die Sache zunächst einmal pragmatisch, auch den Traum vom besseren Leben. 1989 will das Volk in Osteuropa die Nomenklatura und ihren Anhang weghaben, und die Russen möchte es draußen sehen.
Man will leben wie im Westen. Das ist auch schon alles, und es ist mehr als genug. 1989 hätte man die Nomenklatura auch durch Woodstock ablösen können. Es war egal, und was seither geschah, ist nicht die Umsetzung eines Programms, sondern die Rückkehr zur Agenda. Das Wichtigste aber: Die Osteuropäer traten aus der Isolation der Sowjetisierung heraus. 1989 schaffte den Ostblock nominell ab.
Die Rückkehr zur Normalität, die zunächst noch zur Rückkehr nach Europa veredelt wurde, war und ist ernüchternd, sie konnte gar nicht anders sein. Die Sowjetisierung hat die innere Struktur der osteuropäischen Gesellschaft erschüttert und auf Dauer deformiert. Der bolschewistische Eingriff, der das Eigentum in Frage stellte und damit den individuellen Antrieb außer Kraft setzte, der die Bürgergesellschaft auslöschte, die lebendige Kultur verbot und verbannte, kam einer Amputation gleich. Eine so reduzierte Gesellschaft musste unter Zwangsverwaltung stehen, weil sie keine innere Autorität mehr besaß. Der Gesellschaftsvertrag wurde in der Folge durch die Kollaboration ersetzt. So ist der Konformismus im Osten Teil der Hinterlassenschaft des Kommunismus.
Dieser Konformismus trifft auf sein Pendant aus dem Westen, den Konformismus der Selbstbezichtigung und des politisch Korrekten. Es sind von beiden Seiten die vom Pathos des Dialogs und der Gerechtigkeit und seiner Simulation Gezeichneten, es ist ihr diskurskonformes Werk. PEN-Club-Mitglieder. Die Bibel in gerechter Sprache. Halma-Stipendiaten. Interkulturelle Moderation. Fellows des Wissenschaftskollegs und weiterer akademischer Chillouts. Interkulturelle Germanistik. Romerohaus. Roger Willemsen. Friedenserziehung. Die Burka und wir. Soros-Mitarbeiter und Mankell-Fans. Das Netzwerk der interkulturellen Gärten: "Eine andere Welt ist pflanzbar!"
Die intellektuelle Opposition in Ost und West findet bei aller Korrektheit immer wieder auch zum drastischen Ausdruck. Es kommt auf das Thema an. So heißt es, ausgehend von 1989, man habe den neuen Osten kolonisiert. Die Vereinigung Deutschlands sei zu schnell durchgeführt worden. Man habe der DDR keine Möglichkeit zur internen Demokratisierung eingeräumt. Zeit fürs DDR-Bashing. Der Erhalt des DDR-Staatswesens war zu keinem Zeitpunkt Sache des Volkes. Die DDR war, als Erfindung Stalins, ein Instrument der Nomenklatura und ihres Anhangs und ein Spielzeug des von Marx heimgesuchten Intellektuellen-Hirns. Beide Fraktionen lebten in einer Schrumpfform der "splendid isolation" in Pankow und Wandlitz, im Todesstreifen der Imagination. Das Volk aber sah es realistisch - in Leipzig kam es zu ganz anderen Parolen als im Exquisit-Berlin: "Wir sind ein Volk" und "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr" . Der Vorwurf der intellektuellen Opposition lautet bis heute, das Volk habe die Banane gewählt. Ja, und? Ist sie etwa weniger gesund als die berüchtigte Soljanka, ein Markenzeichen der DDR, das bis heute überleben konnte und damit mehr über den Anteil des neuen Menschen, des homo sovieticus, an der läppischen Debatte aussagt als über das einschlägige Suppenrezept?
Die osteuropäischen Gesellschaften hatten am Ende des Kommunismus weder ein ausreichendes Potenzial für die Normalität und deren Absicherung, noch war ihnen die Zeit gegeben, es zu entwickeln. Ihre unkontrollierbare Öffnung erzeugte außer dem ökonomischen Druck, dem viel beklagten, auch einen kulturellen. Zur allgemeinen Warenattacke kam die Platzierung im Karussell. Der osteuropäische Schriftsteller entdeckte den Westmarkt, und der Westmarkt entdeckte ihn. Das blieb nicht ohne Folgen für den Schriftsteller. Er wurde zum Vertreter am Runden Tisch, zum Sprecher der samtenen Revolution, zum Parteiengründer, zum DJ einer Generation X des Ostens. Man sagte ihm Ostpop und Ostmoderne nach, und sein Westverlag drückte ihm eine Bahncard in die Hand.
Die intellektuelle Opposition versteht sich kosmopolitisch, verteidigt aber auch das Multikulti-Prinzip, obwohl dieses das Gegenteil von Kosmopolitismus ist. Von Nation und Religion hält sie, wenn es um die eigene geht, wenig. Die Osteuropäer folgen entweder diesem falschen Schluss, oder sie entscheiden sich für den spiegelverkehrten Irrtum, indem sie meinen, sich von der banalisierten Westwelt unterscheidbar machen zu können. Sie möchten nicht Deutsche werden, nicht stumm sein. Und so begeben sie sich ein weiteres Mal auf die Suche im eigenen Untergrund, im vergessenen Gehölz. Sie steigen hinab in die Zwischenkriegszeit, wie in das erhoffte Bergwerk. Aber auch das Bergwerk ist bloß eine Bühne, auf der sie nun hilflos in ihren Trachten stehen, und nach einem gewissen Herder Ausschau halten, während von der Seite unbemerkt Žižek hereinkommt.
Die Gesellschaft des Ostens ist in mancher Hinsicht immer noch sowjetisch, dazu nationalbewusst und gleichzeitig europäisiert, EU-kompatibel gemacht und amerikanisiert. Aber kolonisiert?
Vor einigen Jahren hielt ich mich in Warschau auf, als dort, unmittelbar neben dem Hauptbahnhof, ein großes Einkaufszentrum eröffnet wurde. Darin sah es frappierend amerikanisch aus, wie in einer Mall, einschließlich der Security und ihrer Uniformen. Sogar die Toiletten hatten die Maße von Restrooms. Im Obergeschoß hatte man auf einer Terrasse einen Gastronomiereigen mit Fastfood eröffnet, mit Mc und Co, den üblichen Verdächtigen. An den Kassen stand Polens Jugend Schlange. An einem einzigen Kiosk aber, mittendrin, war kein Mensch zu sehen. Dort wurden polnische Spezialitäten angeboten.
Zum Schluss fünf Fragen zum Mitnehmen:
1. Haben sie zu Hause noch eine Schilling-Banknote?
2. Sind die Südtiroler Italiener?
3. Wann haben Sie zuletzt eine Banane gegessen? Und wo?
4. Können Sie einen Satz auf Ungarisch sagen?
5. Ist Europa klein genug?
(Richard Wagner/DER STANDARD, Album, 7./8.11.2009)
Richard Wagner, geb. 1952 in Lovrin, Rumänien. Lehrer, Journalist,
Schriftsteller. 1987 verließ er mit seiner damaligen Ehefrau Herta
Müller Rumänien, lebt in Berlin. Leicht gekürzter Eröffnungsvortrag zur
Veranstaltung "Literatur im Herbst" am 6. 11. in Wien.