
06.11.2009 18:46
Amokläufer sollte in den Krieg ziehen
Nidal Malik H. erschoss auf einer Militärbasis 13 Menschen, bis er niedergeschossen wurde - 3 Fotos, 1 Video
Fort Hood / Washington - Am Tag danach beugten sich alle über die kühlen Sätze eines Blogs, als könnten diese helfen, das Motiv zu klären. In ein paar Zeilen verglich ein Mann namens Nidal Malik H. einen amerikanischen Soldaten, der sich auf einen detonierenden Sprengsatz warf, um Kameraden zu schützen, mit Attentätern, die sich selber in die Luft sprengen. Im Mai war das, der Ton des Autors war distanziert. Allerdings steht da ein Satz, der heute vieles zu erklären scheint: "Wenn ein Selbstmordattentäter hundert feindliche Soldaten töten kann, weil er sie überrumpelt, würde man das als strategischen Sieg werten."
Am Donnerstag richtete Nidal Malik H., ein 39 Jahre alter Major der US-Armee, auf dem texanischen Stützpunkt Fort Hood ein Blutbad an. Es ist eine der schlimmsten Schießereien auf einer Militärbasis. Schauplatz war eine Garnison, in der 50.000 Militärs und 150.000 Familienangehörige sowie Zivilbeschäftigte leben.
Es war kurz nach dem Mittagessen, als H. begann, in einer Klinik Fort Hoods um sich zu schießen. Dort hatten sich Uniformierte versammelt, die auf Einsätze im Irak und in Afghanistan vorbereitet werden, mit Medikamenten und ärztlichem Rat. H. war einer von ihnen. Plötzlich sei er von seinem Stuhl aufgestanden und habe gefeuert, berichten Augenzeugen. Überlebende schildern ihn so, wie Amokläufer im Augenblick ihrer Tat oft beschrieben werden: ruhig, nervenstark, kalt. 13 Soldaten kamen ums Leben, 30 wurden verletzt. Eine Polizistin setzte den Amokläufer drei Minuten nach dem ersten Alarm mit Schüssen außer Gefecht. Er lag am Freitag verletzt auf einer Intensivstation.
Eigentlich sollte der Militärpsychiater jungen GIs helfen, Albträume zu verarbeiten. H. ist auf das posttraumatische Stress-Syndrom spezialisiert, an dem nach vorsichtigen Schätzungen jeder Dritte in der Army leidet.
Geboren im Bundesstaat Virginia, galt der Amokläufer lange als Muster eines Einwandererkinds, das sich schnell integrierte. Seine palästinensischen Eltern waren aus Jordanien in die USA gekommen. Bis 1997 studierte er Biochemie an der Virginia Tech. Sechs Jahre arbeitete er in einem Washingtoner Militärspital, in dem Kriegsversehrte behandelt werden.
Im Juli wurde er nach Fort Hood versetzt, noch im November sollte er nach Afghanistan verlegt werden. H. soll sich gewehrt haben gegen den Marschbefehl, ein Anwalt sollte seine Entlassung erreichen. Sein Cousin Nader berichtet zudem von Hänseleien, denen er als Muslim ausgesetzt gewesen sei. Jemand habe ihn Kameltreiber genannt, er habe es nicht mehr ausgehalten. Andere erzählen, er habe nach der Wahl Barack Obamas gehofft, er werde die GIs aus dem Irak und Afghanistan schnell nach Hause holen - und sei enttäuscht gewesen, weil dies nicht geschah.
"Es ist schwer genug, wenn wir diese Männer und Frauen in Schlachten in Übersee verlieren", sagte der Präsident nach der blutigen Tat. "Dass sie auf einem Armeestützpunkt in Amerika unter Feuer kommen, ist entsetzlich." (Frank Herrmann, DER STANDARD Printausgabe, 7./8.11.2009)
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