Avraham Burg plädiert für ein Israel, das die Shoah überwindet
Wien - Aus Neapel kommend, wo sein Buch Hitler besiegen - das er auf Einladung des Kreisky-Forums und des jüdischen Magazins Nu in Wien vorstellte - den Premio Napoli gewonnen hat, freut sich Avraham Burg über die Nachricht aus Israel, dass sein neues Werk über die Fünf Bücher Mose bereits in den Bestsellerlisten ist. Das Interesse an Hitler besiegen wird aber kaum zu toppen sein - wobei dem ehemaligen Präsidenten der Knesset teilweise empörte Ablehnung entgegenschlägt.
Er liebe die Polemik, sagt Burg, aber die Frage, ob ein Ort wie Wien nicht ein schwieriger Ort sei, um über seine Forderung zu diskutieren, dass "Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss" bejaht er: "Ich komme hierher mit etwas sehr Schwerem. Normalerweise habe ich keine Angst, Fehler zu machen, hier bin ich immer auf der Hut."
"Für eine bessere Welt" , hat Avraham Burg als Widmung in sein Buch geschrieben. Er sieht sich selbst als ein Mann mit einer Utopie: "Ich glaube an eine bessere Gesellschaft. Und die Aufmerksamkeit der Welt für Israel ist so groß, dass es eben nicht nur unsere Konversation ist. Das ist nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Denn wenn ich meine Probleme löse, ist das vielleicht auch der Schlüssel für die Lösung anderer."
Vielleicht zu früh
Die Wirkung seines Buches, das vor zwei Jahren erschienen ist, lässt sich nicht absehen, sagt Burg, es sei sehr früh für eine derartige Infragestellung der Post-Shoah-Gegenwart. Aber die Rezeption sei ermutigend.
Der Anmerkung, dass er heute vielleicht ein Kapitel über den israelischen Iran-Diskurs - Ahmadi-Nejad als Hitlerfigur, der Israel mit einem "zweiten Holocaust" bedroht - schreiben würde, widerspricht Burg nicht. Ahmadi-Nejad sei eine Herausforderung für sein eigenes System, für den Islam, für die Region, für den Westen, für den Osten. Ja, Ahmadi-Nejad sei ein ernstes Thema.
"Aber die israelische hysterische oder zynische Ausbeutung - das war jetzt on record -, aber auch die echte Sorge ist eine Sache, die man sich näher anschauen sollte. Netanyahu sagt, Ahmedi-Nejad sei ,1938 noch einmal von vorne'. Ist er das? Haben wir 1938 eine mächtige Armee gehabt, einen Staat, 200 verleugnete Atombomben, haben wir die unzweideutige Unterstützung der Weltsupermacht gehabt? Hat 1938 die katholische Kirche für uns ihr Dogma geändert? Nein, es ist nicht 1938, und wer das sagt, minimiert die Bedeutung des Holocausts"
Auch mit der Partei, die ihn 1999 an die Spitze des Parlaments brachte, geht er ins Gericht. Dabei verweist Burg aber auch auf die Krise der linken Parteien international. In Israel habe die Arbeitspartei ihre drei wichtigen Themen aufgegeben: Sie sei wirtschaftlich nicht mehr links, sie habe das Konzept der Trennung von Religion und Staat anderen Parteien überlassen. Und das Dritte: "Als Ehud Barak im Jahr 2000 als Führer des Friedenscamps sagte ,Wir haben keinen Partner‘, hat er nicht weniger getan, als die Position der Arbeitspartei als führende Friedenspartei zu killen." Burg hat die Partei verlassen, als diese in eine Koalition eintrat, in der auch - der jetzige Außenminister - Avigdor Lieberman saß. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2009)
Avraham Burg: Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss. Campus 2009