VP-Außenminister Michael Spindelegger hat in der SPÖ kurzfristig für Irritationen gesorgt. Denn entgegen bisherigen Behauptungen in Wien, wonach Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer für den Job des ersten EU-Außenministers nicht einmal im Gespräch gewesen sei, obwohl vor allem die spanischen Sozialisten diesen gerne gehabt hätten, schließt Spindelegger das nicht ganz aus. Und setzt noch eins drauf, indem er andeutet, die ÖVP würde Gusenbauer im Falle des Falles unterstützen: "Sollte es wider Erwarten die Möglichkeit geben, dass Österreich den Hohen
Repräsentanten stellt, müsste die ÖVP über ihren parteipolitischen Schatten
springen. Parteipolitik darf nicht über den Interessen des Landes stehen", sagt er im Kurier-Interview. Nachsatz: "Die
SPÖ müsste auch Wolfgang Schüssel unterstützen, sollte es die Chance auf den
Ratspräsidenten geben."
Der Außenminister räumt ein, dass er in Brüssel "am Rande" vom Kandidaten Gusenbauer gehört habe. Dessen Chancen schätzt er gleichwohl gering ein. Alles eine feine Anspielung auf des Kanzlers Satz, dass er "bisher nur in Österreich von Schüssel gehört habe". Der Ex-Kanzler gilt bei den Christdemokraten als chancenreicher Kandidat für den Posten des ersten ständigen EU-Präsidenten. Europaweit wunderten sich führende Medien über die "Schwerhörigkeit" des SPÖ-Chefs. Das deutsche Frühstücksfernsehen machte sich darüber lustig.
Und in dieser Woche kam Faymann nun die Ehre zuteil, im der berühmten Glosse "Entre nous" der in Brüssel erscheinenden European Voice, einem Ableger des renommierten Economist, prominent dargestellt zu werden. In diesem Format werden "unter uns" mit spitzer Feder Hintergründe von Personalien in der Union abgearbeitet. Diese Glosse ist eine der meistgelesenen in EU-Zirkeln.
Die Freude des Kanzlers und SPÖ-Chefs darüber dürfte aber zwiespältig ausfallen. Unter dem Titel "Probleme am Horizont" stellt die Voice gleich eingangs fest, dass Faymann sich mit seinen Bemerkungen "ins Eck gestellt" habe. Insbesondere über die Aussage, dass Gusenbauer allein schon deshalb nicht Kommissar werden könne, weil Österreich nicht ihn sondern bereits Johannes Hahn nominiert habe, wundert sich das Blatt: Denn sein Vorgänger als SPÖ-Chef sei "letzte Woche als Kandidat für den Hohen Repräsentanten der Außenpolitik aufgetaucht". Um dem eins draufzusetzen, hätten die SPE-Spitzen Faymann mit Zapatero und Rasmussen beauftragt, einen SP-Kandidaten zu finden.
Schluss der European Voice: Was immer der Kanzler tut, ist für ihn ungünstig. "Wird Schüssel Präsident und Hahn bleibt Kommissar, hat die ÖVP zwei Topjobs und die SPÖ keinen. Wenn Gusenbauer EU-Außenminister wird, bekommt Faymann Krieg in der Koalition. Wenn Österreich keinen der beiden Topjobs bekommt, werden alle Faymann dafür verantwortlich machen."