Früh übt sich, wer ein Arbeitsloser werden will: Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihr Startnachteil am Jobmarkt
Sie gehen weniger lang in die Schule, studieren seltener, kriegen schlechter bezahlte Jobs und machen weniger oft Karriere: Kinder von MigrantInnen. Das ist zwar bekannt, doch die Statistik verschleiert: Denn es ist nicht die Herkunft, die Chancen nimmt, sondern der soziale Status der Eltern. Und da Zugewanderte aus Nicht-EU-Staaten im Schnitt schlechter verdienen als EU-BürgerInnen in Österreich, sind Kinder aus türkeistämmigen oder serbischstämmigen Familien häufiger betroffen als andere.
Von "bildungsfernen Schichten" ist hier oft die Rede, und oft wird damit unterstellt, dass es Eltern mit Migrationshintergrund nicht so wichtig sei, welche Ausbildung ihre Kinder haben.
Bildung ist wichtig
Diesem Vorurteil widerspricht Sozialforscher Konrad Hofer vehement: "Das Gegenteil ist der Fall. Eltern, die selber Bauarbeiter und Hausfrau waren, wollen unbedingt, dass es ihre Kinder einmal weiter bringen als sie", sagt Hofer, der erforscht hat, was Jugendliche mit Migrationshintergrund dazu bringt, sich für einen bestimmten Beruf und gegen einen anderen zu entscheiden.
Hofer hat die Jugendlichen in der Hauptschule gefragt, was sie einmal werden wollen. "Was sehr auffällig war: Bauarbeiter, Paketzusteller, Wachdienst-Angstellter, Reinigungskraft und KFZ-Mechaniker - also die Berufe der eigenen Eltern - sind dabei überhaupt nicht vorgekommen." Die Jugendlichen wollten Profifußballer oder Einzelhandelskauffrau werden - und landeten später dann doch oft hinter der Supermarktkassa oder am Bau.
Früh arbeitslos
Warum ist das so?, fragte sich Hofer. Aus 400 Interviews mit Jugendlichen filterte er jene Faktoren, die den Tatbestand "Migrationshintergrund" zum eindeutigen Startnachteil am Arbeitsmarkt machen. Dass dem so ist, wird inzwischen nicht einmal vom Arbeitsminister geleugnet und wurde jüngst erneut statistisch belegt: Von momentan 12.000 bisher erfolglosen Lehrstellensuchenden in Österreich hat weit mehr als die Hälfte einen Migrationshintergrund. Wer schon in der Jugend vergeblich Job sucht, ist laut AMS-Expertise auch im späteren Leben häufiger arbeitslos. Und selbst bei den Höherqualifizierten schaut es nicht rosiger aus: Laut einer OECD-Studie haben Migrantentöchter und -söhne mit einem Uni-Abschluss weit weniger Chancen am Arbeitsmarkt als ihre KollegInnen ohne Migrationshintergrund.
Vitamin B-Mangel
Dass dem so ist, liegt nicht am blanken Rassismus der Unternehmen - sondern an einer Grundeigenschaft des österreichischen Arbeitsmarktes: "Vitamin B" wiegt mehr als das beste Zeugnis. "Ich kenne kein Politikerkind, das Probleme hat, einen Job zu finden", sagt Hofer. "Und die sind wirklich nicht alle so blitzgescheit." Drei Viertel der Jobs würden informell vergeben.
Anders gesagt: Keine Super-Eltern heißt keine Super-Zukunft. Da können Mama und Papa noch so sehr darauf achten, dass das Kind brav lernt - das Ferialpraktikum kriegt es dann doch im Holzlager, und nicht, wie die Hofratstochter, in der Anwaltskanzlei.
Am schwersten wiege jedoch die frühe Selektion im Schulsystem: Hofer erzählt von Mädchen, die Apothekerinnen oder Geologinnen werden wollen - und später doch erfolglos nach einer Friseurinnen-Lehrstelle suchen. "Diese Mädchen haben irgendwann erkannt, dass sie von der dritten Hauptschul-Leistungsstufe aus nie den Sprung zur Uni schaffen werden", sagt Hofer. So gesehen wäre die Einführung der Gesamtschule auch eine integrationspolitische Maßnahme.
Park statt Hausübung
Auch, dass Migrantenkinder zuhause weniger gefördert würden als Kinder ohne Migrationshintergrund, stimmt laut Hofer nur bedingt: Nachhilfeinstitute seien "voll mit Migrantenkindern". Wer ausreichend verdiene, könne sich jedoch die wirkungsvolleren Einzel-Nachhilfestunden leisten, und Nachkommen der Gastarbeitergeneration verdienen nun einmal weniger als der Schnitt. Dazu kommt, dass bildungsarme Eltern oft wenig Einblick haben, wie das Schulsystem funktioniert. Da könne das Kind, das lieber in den Park gehen will, den Eltern vormachen, es gebe heute eben keine Hausübungen. "Und mangels besseren Wissens muss die Mutter es ihm glauben." (mas, derStandard.at, 5.11.2009)