Nach Honda, BMW und Toyota denkt man auch bei Renault an den Rückzug - Ferrari sieht Streit mit FIA und Ecclestone als Grund
Maranello/Hamburg - Ferrari schlägt Alarm. Erst Honda, dann BMW, nun Toyota und schon bald auch Renault? Die Formel 1 erlebt einen noch vor kurzer Zeit kaum für möglich gehaltenen Exodus und steht vor dem tiefgreifendsten Wandel der vergangenen Jahre. Um den Ernst der Lage in der Formel 1 zu beschreiben, bemühte Ferrari die Literatur. Die Situation nach dem Ausstieg von Toyota verglich das Team aus Maranello mit dem Agatha-Christie-Roman "Ten Little Indians". Doch die Realität sei "sehr viel ernster", schrieb Ferrari in seiner ungewöhnlichen Mitteilung zum Rückzug der Japaner.
Außerordentliche Sitzung in Paris
Renault
will spätestens bis zum Jahresende entscheiden, ob man weitermachen wird "Sie werden sich gedulden müssen",
sagte Konzern-Chef Carlos Ghosn nach einer Vorstandssitzung am
Donnerstag in Paris. "Wir werden bezüglich unserer Teilnahme an der
Formel 1 noch vor Ende des Jahres eine Entscheidung bekanntgeben."
Renault hatte in diesem Jahr wegen der Aufdeckung der
Rennmanipulation im Vorjahr in Singapur für Negativschlagzeilen in
der Formel 1 gesorgt. Das Team wurde deshalb vom Motorsport-Weltrat
des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) im September zu einer
Sperre von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Ex-Teamchef Flavio
Briatore wurde als Hauptschuldiger lebenslang gesperrt.
Bereits vor dieser FIA-Entscheidung waren bereits Gerüchte
aufgekommen, dass Renault mit Saisonende aussteigen könnte. Der französische Konzern ist derzeit
in der Formel 1 nicht nur mit einem Werksteam, sondern auch als
Motorpartner von Red Bull Racing aktiv. Sollte Renault sich tatsächlich zurückziehen oder sich auf die Motorenlieferung beschränken, würden nur noch der Mythos Ferrari und Mercedes als Hersteller übrig bleiben.
Die italienische Zeitung "La Stampa" befürchtet bereits einen "Domino-Effekt". "La Repubblica" glaubt: "Die Formel 1 bricht auseinander." In dem Roman von Agatha Christie werde der Schuldige erst gefunden, weil einer nach dem anderen stirbt, setzt Ferrari seine Buch-Besprechung fort und endet mit der Frage: "Wollen wir abwarten, bis dies bei uns passiert oder wollen wir für das Formel-1- Buch ein anderes Ende schreiben?"
Schuldzuweisungen
Die Gründe für die Flucht der vergangenen elf Monate sowie den angekündigten Rückzug des Reifenlieferanten Bridgestone seien weniger ein Resultat von wirtschaftlichen Krisen, meint Ferrari. "Die Wahrheit ist, dass dieser allmähliche Rückzug aus der Formel-1-Gemeinde mehr zu tun hat mit dem Krieg gegen die großen Automobilhersteller, den diejenigen in den vergangenen Jahren geführt haben, die die Formel 1 managen." Adressaten der Schuldzuweisungen aus Italien sind der Automobil-Weltverband FIA und Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone.
Die Ferrari-Verantwortlichen tun sich offensichtlich schwer mit dem Umbruch in der Formel 1. Im kommenden Jahr heißen die Gegner der Scuderia nicht mehr BMW, Toyota oder - wie noch 2008 - Honda. Sie haben dann - ausgenommen Lotus - weniger klangvolle Namen wie Manor, USF1, Campos oder BMW-Sauber-Käufer Qadbak - sofern diese Teams überhaupt in der Lage sind, zu starten. Man könne sagen, dass es sich ausgleicht, weil es genug Teilnehmer gebe, schrieb Ferrari und warnte: "Das entspricht aber nicht der Wahrheit. Wir müssen das kommende Jahr abwarten und schauen, ob tatsächlich so viele Teams beim Rennen in Bahrain am Start stehen und wie viele bis zum Saisonende durchhalten."
Horrende Ausgaben
An der Situation, die Ferrari nun beklagt, sind die Hersteller allerdings auch selbst schuld. In dem Machtkampf zwischen ihnen mit der FIA und Ecclestone ging es vor allem auch um Kostenreduzierungen. Durch den Einstieg der Automobilkonzerne war in den vergangenen Jahren aus dem Millionen-Geschäft Formel 1 ein Milliarden-Geschäft geworden. Die Ausgaben stiegen horrend. Toyota hat über 2,5 Milliarden Euro seit 2002 ausgegeben, um auf dem Asphalt- Abenteuerspielplatz mitzumischen.
In der Saison 2008 kurvten noch mehr Werksteams oder Teams mit Konzern-Beteiligung als Privat-Rennställe auf den Strecken der Welt. Dass die Flucht nun zu einem Zeitpunkt erfolgt, da die Kosten sich auf vergleichbar überschaubare 100 Millionen Euro beschränken sollen, zeigt, wie ernst die Wirtschaftssituation der Unternehmen ist.
Aber auch PS-"Pate" Ecclestone muss sich Gedanken über seine Strategie "Go east" machen. Immer mehr Rennen finden in Asien oder dem Mittleren Osten statt. Hier sieht der Brite die Märkte der Zukunft. In Japan hat die Formel 1 allerdings viel von ihrer Popularität verloren. So sind 2010 nun weder ein Team noch voraussichtlich ein Fahrer aus dem "Land der aufgehenden Sonne" dabei.
An der Börse in Tokio spielte Toyotas Ausstieg kaum ein Rolle. Wichtiger waren die Quartalszahlen, die im dritten Viertel des Jahres überraschend einen leichten Gewinn auswiesen. Der Kurs sank um 0,8 Prozent und war damit besser als der Trend im Nikkei-Index, der ein Minus von 1,3 Prozent verzeichnete. (APA)