Die Besetzer im Audimax der Uni Wien verstehen sich als Kollektiv, der Hörsaal ist seit mittlerweile zwei Wochen ein politisches Reservat, wo Basisdemokratie geprobt und gelebt werden kann
Es gibt keinen Kopf des Tages. Es gibt viele Köpfe oder jeden Tag andere. Die Besetzer im Audimax der Uni Wien verstehen sich als Kollektiv, der Hörsaal ist seit mittlerweile zwei Wochen ein politisches Reservat, wo Basisdemokratie geprobt und gelebt werden kann.
Visionen und Worte verlangen auch hier nach einem Publikum, und das Audimax bietet auch eine Bühne. Thomas, lange schwarze Dreadlock-Mähne, Medizin-Student, Sprecher der Arbeitsgruppe "Widerstand mit Verstand" , kommuniziert den gemeinsamen Auftritt so: "Auch wenn wir in manchen Details nicht übereinstimmen, werden wir dafür Sorge tragen, nach außen ein einheitliches Gesicht zu wahren. Gleichzeitig liegt in unserer Vielfalt unsere größte Stärke."
Überhaupt gibt es eine große Leidenschaft, die das Kollektiv vereint: die Liebe zur Debatte. Und überraschenderweise - zur geordneten Debatte. So manche Arbeitsgruppe, die nur ein gutes Dutzend Leute umfasst, kommt nicht ohne Rednerliste aus. "Denn bei uns kommen nicht nur die Lautesten zu Wort" , wird einem scharf das Wort abgeschnitten, wenn man sich nicht an die Redeordnung hält.
Dass ein selbstbewusstes Frauenverständnis ein wesentlicher Teil der Bewegung ist, zeigt neben der "gegenderten" Redeordnung (Frauen werden vorgereiht) auch eine vielbeklatschte Meldung im Plenum: "Männer sollen sich, bevor sie reden, überlegen, ob das, was sie sagen wollen, nicht schon eine Frau gesagt hat oder nicht auch eine Frau sagen könnte."
Aus diesem Grund werden auch die Social Communities im Internet als basisdemokratische Kommunikationsform so sehr geschätzt. Das Gesicht der rosahaarigen Politikstudentin Lou Hefner ist allen bekannt. Als eine der aktivsten Twitterinnen schlägt sie etwa sofort Alarm, wenn die Heizung abgedreht wird.
Wenn die "Generation Pragmatismus" den größten Hörsaal des Landes besetzt, dürfen auch praktisch-funktionale Vorschläge nicht fehlen: "Wir könnten uns mit der Polizei solidarisieren, damit wir nicht geräumt werden" , führte ein Sprecher ins Treffen. Denn man teile zumindest eine gemeinsame Forderung mit der Exekutive: mehr Geld vom Staat.
Der typische Audimax-Besetzer trägt Che Guevara nicht am T-Shirt, ist aber sofort Feuer und Flamme dafür, zu diskutieren, warum ein Poster des Guerillaführers an der Wand hängen soll oder eben nicht. Und wie in jeder politischen Bewegung gibt es auch hier die Realos ("Wir fordern bessere Betreuungsverhältnisse." ) und die Fundis ("Kapitalismus abschaffen!" ). (Tanja Traxler/DER STANDARD-Printausgabe, 5. November 2009)