Der Boulevard kürte Agnes Krumwiede zur "Miss Bundestag" - Der Erfolg der Bayern-Grünen brachte die 32-Jährige nach Berlin
"Ich war irritiert", beschreibt die bayerische Neo-Abgeordnete Agnes Krumwiede (32) den Tag, als das auflagestärkste Boulevardblatt Europas sie zur "Miss Bundestag" kürte. Mittlerweile hat die Grünpolitikerin mit dem Interesse an ihrer Person umzugehen gelernt. Wie sie ihr Debüt im mitunter verwirrenden Berliner Reichstag erlebt hat, erklärt die studierte Pianistin im derStandard.at-Interview.
derStandard.at: Die Bildzeitung kürte Sie unlängst zur Miss Bundestag. Haben Sie sich darüber gefreut?
Agnes Krumwiede: Im ersten Augenblick nicht, ich war den
ganzen Tag etwas irritiert, auch deshalb, weil die Bildzeitung einen ja
nicht vorwarnt. Letztendlich war die Resonanz aber unglaublich positiv,
besonders bei den Frauen. Da habe ich gemerkt, dass dieses Medium
einfach zu viele Menschen erreicht, um es zu ignorieren. Ich hatte
bisher im Bundestag noch nicht viele Gelegenheiten mich zu beweisen.
Deshalb sehe ich die Geschichte auch als Ansporn, das Klischee der Miss
Bundestag durch Inhalte zu ersetzen. Wenn man da schon ein Podium in
den Medien hat, ist das ja nichts Schlechtes.
derStandard.at: Aber der Bericht hat Sie doch fast völlig auf Ihr Äußeres reduziert. Fanden Sie das nicht sexistisch?
Agnes Krumwiede: Nein, da habe ich schon viel schlimmere
Dinge erlebt. Klar, der Bericht war reißerisch und auf ein bestimmtes
Publikum zugeschnitten, das vielleicht einfach keine Lust mehr hat auf
graue Männer in grauen Anzügen. Die Leute wollen neue, frische
Gesichter in der Politik. Ich lasse mich nicht in diese Schublade
pressen, dass man ein schlechterer Politiker sei, nur weil man ganz
nett aussieht.
derStandard.at: Sie sind ausgebildete Konzertpianistin. In einem früheren Interview fordern Sie eine Frauenquote für Orchester. Soll das Geschlecht künftig wichtiger sein als Virtuosität?
Agnes Krumwiede: Nein. Ich sehe eine Frauenquote aber als eine Übergangslösung. Vor ein paar Jahren hatten etwa die Wiener Philharmoniker einen Frauenanteil von 0,8 Prozent. Das ist einfach nicht in Ordnung, weil bei uns in Deutschland der Anteil der weiblichen Studierenden an den Musikhochschulen immer bei rund 60 Prozent liegt, besonders in den Hauptfachinstrumenten wie Geige. Das ist doch eine Riesendiskrepanz. Ich habe mich einmal mit einem recht namhaften Dirigenten darüber unterhalten. Er meinte, dass Frauen weder zu gut noch zu schlecht aussehen dürften, weil das Publikum sonst abgelenkt ist. Außerdem würden Frauen schwanger.
Wenn ich diese Gründe höre, bezweifle ich, dass fachliche Gründe dafür verantwortlich sind, dass so wenige Frauen in den Orchestern spielen. Eine Quote wäre wie eine Krücke, die man braucht, wenn ein System krankt. Außerdem würde es auch der Qualität eines Orchesters guttun, weil Frauen noch immer einen anderen Ansatz reinbringen als Männer.
derStandard.at: Sie sind ganz neu im Bundestag. Gibt es so etwas wie einen Mentor, der Sie in die Gepflogenheiten des Parlaments einführt?
Agnes Krumwiede: Naja, so offiziell gibt es das nicht. In der Bundestagsfraktion habe ich aber schon ein paar Leute, mit denen ich mich sehr gut verstehe und mit denen ich regelmäßig Kaffee trinken gehe. So wird man dann in die Strukturen eingeweiht. Claudia Roth zum Beispiel nimmt mich öfter ein bisschen an der Hand.
derStandard.at: Außerhalb der Grünen Fraktion haben Sie noch keine Freunde gefunden?
Agnes Krumwiede: Klar sucht man auch die Nähe zu den anderen jungen Abgeordneten, man ist sich ja auch durch das gemeinsame Alter verbunden. Aber üblich ist das nicht unbedingt. Ich selbst hatte in meinem Wahlkreis einen 32-jährigen Kollegen von der CSU, mit dem ich mich auf dem Podium oft sehr gestritten habe. Aber wenn die Kameras dann weg waren haben wir uns recht gut verstanden. Ich möchte so Politik machen, dass man immer auch den Menschen hinter der Funktion sieht und nicht ständig Feindbilder aufbauen.
derStandard.at: Die bayerischen Grünen erreichten bei der Bundestagswahl 10,8 % der Stimmen. Warum dürfen sich die Ökos plötzlich im Freistaat über Stimmenzuwächse erfreuen?
Agnes Krumwiede: Wir waren sogar knapp über dem bundesweiten Ergebnis, also das war wirklich eine Sensation. Das lässt sich relativ einfach erklären: viele Landwirte haben das Kreuz nicht mehr an der altvertrauten Stelle gemacht. Gerade den Milchviehhaltern geht es derzeit an den Kragen und sie wählen nicht mehr die CSU, sondern sie haben gemerkt, dass sich nur die Grünen für sie einsetzen. Die bayerischen Milchbäuerinnen haben sich aus Protest direkt vor den Bundestag gestellt und keine andere Partei außer den Grünen hat mit ihnen gesprochen.
derStandard.at: War es eigentlich immer schon Ihr Ziel in den Bundestag einzuziehen?
Agnes Krumwiede: Zum einen war es während meines Klavierstudiums so, dass ich einfach keine Zeit für ein politisches Mandat hatte. Damals habe ich zwar etwa für den Stadtrat kandidiert, aber immer an aussichtslosen Listenplätzen. Dann kam der Moment - ich war mit dem Studium fertig, musste nicht mehr so viel üben und hatte eben meine Klavierschule eröffnet - als es einfach gepasst hat. Auch von meiner Reife her fühlte ich mich dieser Herausforderung gewachsen. Man kann aber sowieso nicht einfach beschließen, in den Bundestag einziehen, das hängt von viel zu vielen Faktoren ab. Die Delegierten müssen einen aufstellen und dann auch wählen. Da gehört auch ein wenig Glück dazu! (lacht)
derStandard.at: Wie wollen Sie Künstler in Deutschland fördern?
Agnes Krumwiede: Es gibt so ein paar Felder, wo ich die Ungerechtigkeiten nur so schreien höre. Etwa die Lohnungerechtigkeit in der Kulturbranche, wo Schauspielerinnen seit Jahrzehnten weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Es ist auch höchste Zeit für einen Mindestlohn für Musiker. In Deutschland gibt es zum Beispiel einen großen Überschuss an Streichern wie etwa Violinisten, die ausgebeutet werden und von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten geschickt werden. Auch die soziale Absicherung von Tänzern ist ein Thema, dem sich die Politik widmen sollte.
Ganz grundsätzlich geht es mir um eine Veränderung der Gesellschaft, die Kultur ist da ein guter Vermittler. Wir müssen anfangen, die Kulturschaffenden mehr zu schätzen. Langfristig will ich auch, dass Künstlern an den Schulen mit Jugendlichen arbeiten.
derStandard.at: Viele Kulturschaffende erklären sich dieser Tage solidarisch mit den Studentenprotesten in Österreich. Wie ist Ihre Einstellung zu den Forderungen der Studenten, etwa nach freiem Hochschulzugang und mehr Budget?
Agnes Krumwiede: Wir Grünen sind ganz klar für die Abschaffung der Studiengebühren und wir wollen uns dafür einsetzen, dass man auch ohne Abitur (Matura, Anm.) studieren kann, etwa, wenn man in einem Lehrberuf Meister ist.
derStandard.at: Damit werden die Finanzsorgen der Unis aber nicht unbedingt geringer.
Agnes Krumwiede: Wir haben die Idee, den Solidaritätszuschlag, den die Deutschen seit zwanzig Jahren für den Aufbau des Ostens zahlen, in einen Bildungssoli umzuwandeln.
derStandard.at: Vor zehn Jahren zog die deutsche Bundeswehr mit grüner Zustimmung in den Krieg um das Kosovo. Nun spricht der neue Verteidigungsminister zu Guttenberg auch vom Afghanistan-Einsatz als „Krieg". Wie stehen Sie dazu?
Agnes Krumwiede: Wir haben auch da eine klare Haltung, wir fordern den Abzug aus Afghanistan. Nur muss dieser Abzug auch mit einem Aufbau verbunden sein. In den letzten Jahren wäre genug Zeit gewesen, etwa den afghanischen Polizeiapparat aufzubauen, was aber bis heute nicht passiert ist. Es wäre unverantwortlich, dieses Land jetzt sich selbst zu überlassen. Trotzdem sollte Deutschland konsequent den Abzug seiner Truppen einleiten. Wenn Sie mich persönlich fragen, sehe ich mich noch immer als Pazifistin. Ich bin grundsätzlich gegen Krieg und militärische Einsätze.
derStandard.at: Warum tun sich die Deutschen denn Ihrer Ansicht nach so schwer, von einem Krieg in Afghanistan zu sprechen? Die Situation dort erfüllt doch praktisch alle Voraussetzungen dafür.
Agnes Krumwiede: Laut Grundgesetz darf die Bundesrepublik Deutschland keinen Angriffskrieg führen. Hier lag ein Auftrag vor. Es war ein Auftrag, also ein NATO-Beschluss, dem wir uns fügen mussten. Deshalb ist es auch nicht ganz korrekt, von einem Krieg zu sprechen. Natürlich sind die Zustände in Afghanistan heute so, dass es eigentlich ein Krieg ist und man sollte das auch beim Namen nennen. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 4.11.2009)
Zur Person:
Agnes Krumwiede wurde 1977 im oberbayerischen Neuburg an der Donau geboren. Nach ihrem Studium zur Diplommusikerin mit Konzertdiplom für Klavier eröffnete sie eine Klavierschule in Ingolstadt. 2001 trat sie den Grünen bei, seit der vergangenen Bundestagswahl im September 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages.