Quotenfrauen statt Männerquote

3. November 2009, 19:06
220 Postings

Replik auf Norbert Griesmayrs Kommentar "Geschlechtigkeit statt Gerechtigkeit"?

Hundertfünfzig Jahre nach Erklärung der Menschenrechte und dreißig Jahre nach Beschluss des Gleichbehandlungsgesetzes folgender Befund zur Teilhabe der Frauen am Arbeitsmarkt, am Einkommen und an ihrer Repräsentation in Führungspositionen: Unselbstständig erwerbstätige Frauen verdienten im Jahr 2007 durchschnittlich um 41 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Selbst bei Hochrechnung des hohen Teilzeitanteils von Frauen beträgt die Einkommensdifferenz noch immer 22 %. Im Finanzdienstleistungssektor beträgt der Frauenanteil in den Unternehmen durchgängig rund 50 %, in Führungspositionen nur mehr 20 %. Auch hier verdienen Frauen im Schnitt um 25 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Im Jahr 2005 waren von 829 Vorständen börsennotierter Unternehmen nur 2,5 % Frauen, knapp 9 % Frauen finden sich in den Aufsichtsräten der Top 200 Unternehmen. Die Position Österreichs laut Global Gender Gap Report 2009 hat sich gegenüber dem Vorjahr massiv verschlechtert, auch deshalb, weil u. a. weniger Frauen in Nationalrat und Regierung sind als noch 2008.

Leider handelt es sich dabei nicht um "fragwürdige Statistiken", wie VAV-Direktor Griesmayr im Standard vom 2. 11. schreibt, sondern um von Rechnungshof, World Economic Forum, der Arbeiterkammer und Deloitte erhobene Daten. Es ist ein Faktum, dass Frauen durchgängig weniger verdienen und in Top-Positionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Bürokratie unterrepräsentiert sind.

Die Gründe für die dramatische ökonomische Situation der österreichischen Frauen sind vielfältig. Sie liegen u. a. in der Wahl der Ausbildungs- und Berufswege. Typische Frauenberufe haben in der Regel niedrigeres Sozialprestige und Einkommen, die einzige Ausnahme dabei ist der öffentliche Sektor. Wenn sich Frauen für ein Kind entscheiden, bedeutet das meistens eine Karriereunterbrechung. Wiedereinstieg ist dann fast immer nur in Positionen mit weniger Aufstiegsmöglichkeiten, oder in einer Teilzeittätigkeit möglich. Teilzeitarbeit wird aber oft als zweitklassig gesehen und es gibt bei uns kaum Angebot an qualifizierten verantwortungsvollen und gut bezahlten Teilzeitpositionen.

Wenn Frauen Karriere und Familie vereinbaren wollen, heißt das, dass sie praktisch zwei Full-Time-Jobs haben. Die Wochenarbeitszeit der österreichischen Frauen beträgt 64 Stunden - versus 48 Stunden die der Männer - davon ist die Hälfte unbezahlte Arbeit für Familie und Gesellschaft, im Fall der Männer nur ein Fünftel. Auch das österreichische Schulsystem macht Ganztagsberufstätigkeit für Frauen nahezu unmöglich. Hätten Frauen eine unterstützende Ehe- und Hausfrau zur Seite, würde die Statistik sicher anders aussehen. Aufgrund fehlender privater und institutioneller Unterstützung ist für Frauen in Österreich die Frage Karriere oder Kinder oft eine Entweder-Oder-Frage.

Ein letzter wichtiger Grund liegt allerdings auch in der gesellschaftlichen Einstellung und im Rollenbild. 41 % der Österreicher bekennen sich zu geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und in Unternehmen ist es oft die Einstellung der Männer, an der Frauen auf dem Weg nach oben scheitern. Im österreichischen Top-Management gibt es derzeit de facto eine 100 % Männerquote, weil Männer Zeit zum Networken haben, weil sie in richtigen Clubs sind und Männerkulturen sich selbst reproduzieren.

Es macht weder gesellschaftlich noch ökonomisch Sinn, auf 50 Prozent der intelligenten und gut ausgebildeten Potenziale zu verzichten. Spätestens seit der Wirtschaftskrise wissen wir, dass Unternehmen und ihre Top-Manager nicht immer rational handeln. Und Staatshilfe war plötzlich sehr willkommen. Der Staat greift aber auch regulierend dort ein, wo Bedarf besteht. So ist zum Beispiel die Zahl der Aufsichtsratsmandate, die eine Person innehaben kann, gesetzlich eingeschränkt, weil sich viele Top-Manager neben ihrem Full-Time-Job auch eine zweistellige Zahl an Aufsichtsratsmandaten zutrauen.

Quoten sind vielleicht nicht die eleganteste, aber vermutlich einzige Möglichkeit, Männer in ihrer stillschweigenden Übereinkunft, Macht, Geld und Einfluss nicht aufzugeben, zum Umdenken zu zwingen. Sich ein weiteres Jahrzehnt auf wohlwollende, aber leere Versprechungen zu verlassen ist keine Lösung. Es gibt viele top qualifizierte Frauen für Spitzenpositionen, und sie werden genauso wenig ein Problem als Quotenfrau haben, wie Männer derzeit mit der 100-%-Männerquote. (Gundi Wentner*, DER STANDARD/Printausgabe 4.11.2009)

*Gundi Wentner ist Unternehmensberaterin in Wien.

  • Gundi Wentner: 100-%- Männer-Quote indiskutabel.
    foto: fischer

    Gundi Wentner: 100-%- Männer-Quote indiskutabel.

Share if you care.