Matt Damon als unscheinbarer Antiheld in Steven Soderberghs "Der Informant!"
Wien - Auf den ersten Blick ist Mark Whitacre (Matt Damon) ein unscheinbarer Mann. Ausgebildet als Biochemiker, hat er sich beim US-Agrarkonzern Archer Daniels Midland (ADM) in eine obere Etage hochgedient. Seine durchschnittlich sitzenden Anzüge, das feiste Äußere, der Aktenkoffer, der wie an ihm befestigt scheint - all das lässt Whitacre eher harmlos aussehen: Ein Gesicht in der korporativen Welt, das wie viele andere daran mitzuwirken scheint, dass alles im Sinne der Gewinnmaximierung weiterläuft.
In Steven Soderberghs neuem Film Der Informant! (The Informant!) lauert jedoch gerade im Unauffälligen ein Abgrund, der Stoff für einen Wirtschaftsthriller erster Güte böte. Doch schon das Rufzeichen im Filmtitel hüpft erregt in eine andere Richtung, und Marvin Hamlischs vergnügter Score arbeitet daran, die Ernsthaftigkeit der kommenden Ereignisse zu karikieren. Auch die etwas zu grellen Farben, die Gesichtern einen Stich ins Rote verleihen und den Räumen ein ungesundes Gelb - alles ziemlich verdächtig!
Keine Frage, Soderbergh hat Kurt Eichenwalds Sachbuch The Informant (A True Story) über ein aufsehenerregendes Beispiel illegaler Preisabsprachen als hintergründige Komödie verfilmt, ohne dessen beunruhigende Schlagseite zu vertuschen - also gleichsam immer an der Kippe zum tiefen Fall. Das ist schon deshalb eine smarte Entscheidung, weil die Dinge hier einen dermaßen chaotischen Verlauf nehmen, dass jedes lenkende Mastermind dahinter übertrieben wirken müsste.
Alles beginnt mit einer Lüge von angeblicher Firmenspionage. Und wie so oft zieht diese eine ganze Reihe von weiteren nach sich. Whitacre lockt damit das FBI in Gestalt zweier gutwilliger Agenten namens Shephard (Scott Bakula) und Herndon (Joel McHale) an - und macht diesen aus Gründen, die bis zuletzt ein wenig nebulös bleiben, ein noch viel attraktiveres Angebot: Er möchte Informationen gegen seinen Arbeitgeber, ADM, liefern. Bubenhaft, wie er wirkt, glaubt man seinen Anschuldigungen; mehr noch: Man behängt ihn mit Wanzen und lässt ihn den Hobbyagenten spielen.
Ein Auftrag, den Whitacre mit großem Enthusiasmus verfolgt, was heißt, dass er immer größere Geschütze auftischt, um die eigenen Unzulänglichkeiten zu verbergen. Klugerweise rückt ihm Soderbergh so nahe wie möglich: Whitacres Ansagen aufs versteckte Band lauschen wir wie dem Off-Kommentar eines Insiders, der allerdings selbst viel zu sehr in Widersprüchen verfangen ist, um so etwas wie objektive Wahrheit zu generieren. Statt Paranoia stellt sich hier auch immer eher das unangenehme Gefühl ein, Zeuge eines massiven Selbstbetrugs zu werden.
Trotz vieler abstruser Wendungen wahrt Soderbergh auf bewundernswerte Weise Transparenz und arrangiert das komplexe Geschehen in flotter Tonlage. Bei aller Stilisierung und ironischer Distanznahme, die manch früherer sozialkritischer Arbeit des Regisseurs ihre Dringlichkeit nahm, bleibt der Mief der Flure der Unternehmenswelt hier ausgesprochen lebensecht - und Verbrechen auf irritierende Weise Teil unserer Normalität. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 04.11.2009)