"Es ist wichtig, sich zu schützen"

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Ekrem Dag befindet sich nach dem Meistertitel mit Besiktas auf dem Höhepunkt einer ungewöhnlichen Karriere. Der ehemalige Sturm-Kicker über die bes­ten Fans der Welt, sein multiethnisches Selbstver­ständnis und sein vorsichtiges Auftreten in der türkischen Öffentlichkeit

ballesterer: Wie würdest du den türkischen Fußball mit wenigen Worten beschreiben?
Ekrem Dag: Er ist verrückt und ein bisschen anders als in anderen europäischen Staaten. Die Erwartungen sind extrem hoch, es gibt nichts zwischen gut und schlecht. Es zählt nur der Erfolg, und wenn du ihn hast, bist du der König.

Du warst von klein auf Besiktas-Fan. Wie ist es dazu gekommen?
In der Türkei muss sich jeder einen der drei großen Istanbuler Vereine aussuchen. Ich habe mich für Besiktas entschieden. Dadurch, dass ich nun sogar für diesen Klub spiele, ist ein persönlicher Traum in Erfüllung gegangen. Für mich hat Besiktas die besten Fans der Welt. Es gibt nichts Besseres, als im Inönü-Stadion zu spielen, wenn man gewinnt. Bei Niederlagen ist es natürlich weniger lustig, aber die Fans sind unschlagbar.

Vergangenes Jahr seid ihr Meister und Cupsieger geworden. Was war das schönste Erlebnis in dieser Erfolgssaison?
Der letzte Tag war unvergleichlich. Wir sind nach einem 2:1 in Denizli um 3.00 Uhr früh am Istanbuler Flughafen angekommen und wurden von mindestens 5.000 Fans empfangen. Es hat Stunden gedauert, bis wir zum Trainingsgelände fahren konnten, und wir mussten dort übernachten, weil es kein Durchkommen gab. Am nächsten Tag sind wir mit einem Cabrio-Bus zur Meisterfeier ins ausverkaufte Stadion gefahren. Der ganze Stadtteil war voller Menschen. Normalerweise dauert die Fahrt zehn Minuten, wir haben aber zwei Stunden gebraucht, weil die Fans so euphorisiert waren. Im Stadion wurde jeder Spieler einzeln aufgerufen, das war ein einzigartiges Erlebnis.

Was sind die Gründe, warum es heuer bis dato nicht so gut gelaufen ist?
Am Anfang konnten wir gegen die kleineren Klubs nicht gewinnen. Dann haben wir das Derby gegen Galatasaray verloren, und die Champions League ist dazugekommen. Wir haben unser Selbstvertrauen verloren und machen fast keine Tore, nur vier in acht Spielen.

Was sagen die Fans, wenn du sie auf der Straße triffst?
Sie wollen die Gründe für die Krise wissen und wie lang sie noch anhalten wird. Das geschieht mit Respekt. Wenn sich ein Star, der drei Millionen Euro verdient, nach schlechten Leistungen in der Stadt blicken lässt, hat er es schwerer. Die Erwartungen in mich sind nicht so hoch. Wenn wir keine Gegentreffer kassieren, habe ich meinen Job gut gemacht.

Worin unterscheidet sich der türkische vom österreichischen Fußball?
In der Türkei wird viel schneller gespielt, die Technik steht im Vordergrund, dadurch kriegt man als Spieler nicht so viel auf die Knochen. Zudem spielen viele gute Ausländer in der Liga. Über die Spielkultur von Argentiniern oder Brasilianern brauchen wir uns nicht unterhalten, denke ich.

Wie groß war der Sprung von Gaziantep nach Istanbul?
Fußballerisch trennen die beiden Städte Welten. Bei Besiktas fiebert das ganze Land, wenn nicht sogar Europa mit. Egal wo wir spielen, wir haben immer fanatische Zuschauer. Bei Gaziantep interessieren sich nur die Leute in der Stadt für den Klub.

Du hast kürzlich auf einen Besuch von Galatasaray gegen Sturm verzichtet. Hattest du Bedenken um deine Sicherheit?
Es ist nicht so schlimm, wie viele glauben. Mein Besuch im Ali Sami Yen wäre von unseren Fans aber nicht gut aufgenommen worden, weil es gerade schlecht läuft. Sie würden das nicht verstehen. Ich habe mir das Spiel zu Hause angeschaut und meine ehemaligen Kollegen dann im Hotel besucht.

Hast du Erfahrungen mit Gewalt in den Stadien gemacht?
Nicht direkt. Eine Stürmung des Spielfeldes oder dergleichen ist noch nie vorgekommen. Wenn es Probleme gibt, dann wegen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter. Da können schon einmal die Fetzen fliegen. Vor kurzem hat der Zeugwart von Fenerbahce eine Sitzschale auf den Kopf bekommen und musste im Krankenhaus behandelt werden.

Wie beurteilst du mit einer gewissen Distanz deine Zeit bei Sturm Graz? Hättest du es unter heutigen Bedingungen schneller in die Kampfmannschaft geschafft?
Unter dem jetzigen Trainer wäre es leichter, wobei das nicht heißen soll, dass Michael Petrovic und Ivica Osim die Jungen nicht gefördert hätten. Das damalige Team war aber viel stärker und hat internationale Erfolge gefeiert. Für die Jungen war es dadurch schwerer, sich durchzusetzen. Außer mir haben es nur Ferdinand Feldhofer und Roman Wallner geschafft. 2005 ist mein Vertrag ausgelaufen. Ich wollte das gleiche Geld, aber Sturm konnte es nicht zahlen.

Wer waren deine besten Freunde in der damaligen Sturm-Mannschaft?
Ich habe mich mit allen gut verstanden, nur mit dem Roman nicht. (der am Nebentisch sitzende LASK-Stürmer bricht in Lachen aus, Anm.) Nein, im Ernst: Ich habe mir mit ihm sogar das Zimmer geteilt, bis er weggegangen ist. Nur jetzt reden wir nicht mehr miteinander, ich weiß auch nicht, warum. (Erneutes Gelächter)

Hat der Entschluss, in die Türkei zurückzugehen, auch andere als fußballerische Gründe?
Mein Ziel war es immer, bei Besiktas zu spielen. Es ist einfacher, bei Gaziantepspor registriert zu werden als in Österreich bei Sturm. Außerdem wollte ich wissen, wie die Menschen in der Türkei leben. Von Gaziantep sind es nur fünf Autostunden zu meinem Geburtsort Mardin. Ich habe dort drei wunderbare Jahre verbracht.

Hast du dir Gedanken gemacht, für welches Nationalteam du auflaufen möchtest?
Ich besitze nur die österreichische Staatsbürgerschaft und wollte immer für Österreich spielen. Wenn der türkische Verband mir eine Einberufung angeboten und ich beim ÖFB keine Chance gesehen hätte, hätte ich mir das aber sicher überlegt.

Inwiefern ist deine Herkunft für dich als Fußballer relevant?
Sowohl in der Türkei als auch in Österreich werde ich als Ausländer gesehen. Ich bin in der Nähe der syrischen und irakischen Grenze geboren. Dadurch ist meine Herkunft sowieso mehr arabisch. Ich habe kein Zuhause. (lacht)

Siehst du dich als Kurde?
Kurde, Türke oder Araber - das spielt für mich keine Rolle. Alle drei Volksgruppen haben die gleiche Kultur. Im Osmanischen Reich gab es 30 oder 40 verschiedene Sprachen und Kulturen. Dort hat das Zusammenleben auch funktioniert. Ich finde, die ethnische Herkunft sollte keine Rolle spielen.

Der türkische Fußball exportiert vergleichsweise wenige Spieler nach Europa. Müsste er sich in diese Richtung weiter öffnen?
Es würde nicht schaden, sich abzuschauen wie die europäischen Spitzenklubs im Nachwuchsbereich arbeiten. Die Türken wissen, was sie falsch machen, es ändert sich aber nichts. Junge Spieler werden bei Erfolgen hochgelobt und bei Misserfolgen niedergemacht. Das hinterlässt Spuren in der Psyche. Wenn man als Junger den Sprung ins Ausland schafft, kann man viel von der dortigen Fußballkultur lernen und sich individuell verbessern.

Was waren deine wesentlichsten Entwicklungsschritte in der Türkei?
Ich musste mit Dingen zurechtkommen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Viele Leute versuchen, dich aus der Bahn zu werfen. Es ist wichtig, mental stark zu sein und sich zu schützen. Wenn ich mit Freunden einen Kaffee trinken gehe und ein Mädchen dabei ist, werden von den Medien sofort gewisse Dinge unterstellt. Wenn du in der Disco gesehen wirst, bist du ein Nachtmensch, und wenn beim nächsten Spiel die Leistung nicht stimmt, wird es darauf zurückgeführt. Ich habe alle negativen Auswirkungen meiner Bekanntheit schon erlebt. (Mit Ekrem Dag sprachen Reinhard Krennhuber und Radoslaw Zak)

Zur Person
Ekrem Hayyam Dag wurde am 5. Dezember 1980 in Mardin, im Süd­osten der Türkei, geboren und flüchtete mit acht Jahren mit seinen Eltern vor dem türkisch-kurdischen Konflikt nach Österreich. Über Leibnitz kam er 1997 zu Sturm Graz, wo er zwischen 2001 und 2005 in 95 Profispielen zehn Tore für die Grazer erzielte. Nach drei Jahren bei Gaziantepspor wechselte er 2008 zu Besiktas Istanbul. Im Oktober 2009 wurde der universell einsetzbare Flügelspieler erstmals in das ÖFB-Team berufen, kam in den WM-Quali-Spielen gegen Litauen und Frankreich jedoch nicht zum Einsatz.

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