Hypo-Macher Prokop entschuldigt sich in einem offenen Brief, tritt zurück und will einen Psychologen aufsuchen - das Schreiben als Download
Wien - Es hat gut vier Tage gedauert, aber Gunnar Prokop hat sich eingekriegt. Zumindest deutet sein gestriger Rücktritt als Trainer der Handball-Damen von Hypo Niederösterreich samt begleitendem Statement darauf hin. Er wolle seine "unentschuldbare Fehlreaktion" , sagte der 69-Jährige, "in keiner Weise schönfärben" , er ersuche aber "um die Möglichkeit, den Versuch einer Erklärung abzugeben" . Am vergangenen Donnerstag hatte Prokop im Champions-League-Spiel gegen Metz bei 27:27 kurz vor Schluss eine mögliche Hypo-Niederlage verhindert, indem er aufs Feld und der serbischen Metz-Legionärin Svetlana Ognjenović in den Weg trat.
Die Erklärung sucht Prokop zunächst nicht bei sich selbst, sondern bei den Schiedsrichtern, die eine "Vielzahl von tendenziösen Entscheidungen" getroffen und im Finish ein Foul an einer Hypo-Spielerin übersehen hätten. Das war laut Prokop "der Auslöser der unverzeihlichen Situation" . Prokop schließt aus, dass sein Verhalten "bewusst oder gar überlegt war" , es habe sich um eine "Kurzschlussaktion" gehandelt. Eine solche, so Prokop, dürfte allein wegen seiner "37-jährigen Tätigkeit mit mehr als 270 Europacup-Spielen und mehr als 500 Länderspielen nicht vorkommen" . Er selbst kann seine Reaktion "aus heutiger, distanzierter Sicht" nicht nachvollziehen. Prokop will "versuchen, diese Situation mit einem Psychologen aufzuarbeiten" .
Dass er im Nachhinein aus Häme gelacht habe, streitet Prokop ab, er spricht von einem "verlegenen Lächeln des sich seiner Schuld bewussten Missetäters, der selbst keine Begründung seines Fehlverhaltens geben kann" . Es sei auch ein Fehler gewesen, einige Minuten nach dieser Situation zu einem Interview zu gehen. "Ich war emotional unverändert nicht anwesend" , sagt Prokop und zitiert Otto Rehhagel, der einst gesagt haben soll: "Ein Trainer darf zwei Stunden nach einem emotionalen Spiel nicht ernstgenommen werden." Allerdings hatte Prokop nicht nur im Interview nach dem Spiel, sondern auch am Tag danach im Gespräch mit dem Standard keine Reue gezeigt. "Wirklich leid würde es mir tun, wenn sich die Metz-Spielerin verletzt hätte" , sagte er da und nannte sein Handeln "vom taktischen Gesichtspunkt her richtig" .
"Es tut mir mehr als leid" , sagte Prokop am Dienstag. Und er steht nicht mehr an, sich für sein "unüberlegtes und unverzeihliches Fehlverhalten" zu entschuldigen - "bei der gegnerischen Mannschaft, der betroffenen Spielerin und der Sportwelt" . Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass nach dem Spiel selbst Metz-Trainer Francois Bertrand die Prokop-Aktion "nachvollziehbar" genannt hatte. Auf Youtube hat das Foul übrigens schon 800.000-mal Beachtung gefunden.
Erste Konsequenz: Suspendierung
Der europäische Verband (EHF) hat Prokop seiner Funktion als Vorsitzender und Mitglied der Frauen-Klubbewerbskommission schon enthoben. Am Mittwoch, wird wohl eine lange Sperre samt Geldstrafe verhängt. Der achtmalige Champions-League-Sieger Hypo, also Prokop, hätte so oder so einen neuen Trainer installieren müssen. Erst im Juni hatte Prokop wieder einmal sich selbst zum Chefcoach ernannt. Seit 1972 lenkt er die Hypo-Geschicke, zuvor hatte er im Fünfkampf seine Ehefrau Liese, die Olympiazweite 1968 und spätere Innenministerin, betreut. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 4.11. 2009)