Zwei Gutachten belegen: Tod in der Uno-City war Suizid
Wien - Nicht nur der Daily Mirror und Newsweek, sogar die Times - ja, die aus London - riefen am Montag bei Mario Hejl in der Pressestelle der Bundespolizeidirektion Wien an. So international geht es dort selten zu. Alle wollten wissen, was es mit dem Tod des britischen Wissenschafters Tim H. auf sich hat. Ein Unfall? Suizid? Oder besteht gar Mordverdacht, weil der 47-jährige Nukleartestexperte der Vereinten Nationen zu viel gewusst haben könnte, wie zuletzt einige Onlinemedien und Papiergazetten angedeutet hatten?
Fest steht, dass Timothy H. vor einer Woche in der Wiener Uno-City in den Tod gestürzt ist. Schon wenige Tage später nahmen es manche Journalisten mit den Fakten nicht mehr so genau. Wie zum Beispiel der dicke rote Pfeil, mit dem eine Gratiszeitung auf einem Bild suggerierte, dass der Wissenschafter aus einem Fenster der Außenfassade des Vienna International Center gestürzt sei. In Wahrheit kam H. in einem Stiegenhaus zu Tode. Er fiel vergangenen Dienstag vermutlich aus dem 17. Stockwerk, seine Leiche wurde Stunden später in der fünften Etage entdeckt.
Der Umstand, dass der Brite für die CTBTO, eine Uno-Organisation, die nukleare Atomtests aufspüren soll, arbeitete, gibt Raum für Spekulationen. Eine seiner letzten Veröffentlichungen (mit anderen Wissenschaftern gemeinsam) betraf von Nordkorea angekündigte Atombombentests im vergangenen Mai. Mit hauptsächlichen seismologischen Auswertungen fand die CTBTO dafür keine Beweise. Aus der vierseitigen Publikation ("The announced nuclear test in the DPRK on 25. May 2009" ) geht auch hervor, dass H. seit 1998 bei der Uno-Organisation war. Schnell tauchten Gerüchte auf, dass er auch in aktuelle Iran-Ermittlungen involviert gewesen sei. Die CTBTO hat das längst zurückgewiesen
Nach der Feststellung der Wiener Gerichtsmedizin, dass H. ohne Fremdeinwirkung ums Leben gekommen sei, ließ seine zweifelnde Witwe, die für die Internationale Atomenergiebehörde IAEA tätig ist, ein zweites, privates Gutachten in Graz erstellen. Dort wurden angeblich kleine Verletzungen, die nicht eindeutig einem Sturz zuzuordnen waren, am Hals des Toten festgestellt. Die Daily Mail konstruierte daraus einen Mordhinweis, heimische Medien zogen mit zweitägiger Verspätung nach.
Vergleich mit Fall David Kelly
Britische Zeitungen zogen Vergleiche mit dem Waffenexperten David Kelly, der der BBC verraten hat, dass Geheimdienstberichte über irakische Massenvernichtungswaffen aufgebauscht waren. Kelly beging 2003 Suizid, bis heute gibt es Mordgerüchte.
Zurück nach Österreich: Die Grazer Gutachterin Kathrin Yen hat in Wahrheit niemals einen Mordverdacht geäußert. "Woher diese Behauptung kam, ist mir völlig unklar" , erklärte die Universitätsprofessorin und Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Klinische Forensische Bildgebung am Montag auf Anfrage des Standard. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln nicht mehr, der Suizid-Akt ist geschlossen. (Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 3.11.2009)