Gerhild Steinbuch ist Autorin und Dramatikerin und besucht für den STANDARD die Viennale
Der Herr ist allmächtig und der Herr hat's vollbracht, er hat aber was falsch gemacht bei seiner Schöpfung, hoppla, sie - die der Fehler im System ist - muss darum beseitigt werden. Dieser Herr hat sich an seiner Schöpfung vergangen und fährt damit munter fort, in einer Art und Weise, dass sie, die ohnehin schon schwankt, unter dem Kindstod und vor allem auch unter der Last der Schuld, die man ihr gläubig aufgebürdet, nun vollends aus dem Gleichgewicht gerät, macht nichts, nun, da sie überführt wird an den Ursprung allen Übels, um hernach ihr rechtes Ende zu finden.
Dort, wo sich Fuchs, Rabe und ein Reh gute Nacht sagen, sagt sie meistens nur dann etwas, wenn sie gezwungen wird, sich selbst zu finden, wobei die Art der Therapie den Fehler begradigen soll, der sie ist, der zieht ihr den Schuh wieder richtig an, den sie zuvor dem Sohnemann falsch herum ans Bein gepackt hat. Sie wird also zum Sprechen angehalten vom Erlöser (denn kein andrer kann er sein), sie soll die Angst aus der Sprache entfernen, Hello Mr. Nature, sagt sie zu ihm, sie hat schon verstanden, diese Frau, auch wenn sie eine Frau ist. "I'm outside and as well within", sagt Mr. Nature William Dafoe, es gibt also kein Entkommen.
Sie beginnt sich einzurichten, indem sie in ihrem Geschlecht den Ursprung allen Übels aufspürt, denn Übel, das ist ihre Ausrichtung als Frau, neben der Lust natürlich, die natürlich auch ein Übel ist, der wird operativ Einhalt geboten, gut so, zu einem guten Ende kommt sie aber trotzdem nicht, wo kämen wir auch hin, wenn da einfach eine ankommt, um zu richten über die Lebenden und die Toten, was schließlich ausschließlich ihm vorbehalten, der das selbstredend übernimmt als echter Mann von Pflicht, und die Frauen, die dann übrig bleiben (dass die immer wiederkommen, egal, wie tief man sie eingräbt), haben kein Gesicht, macht nichts, so lange wir eins haben.
"Führe mich in Versuchung und erlöse mich von dir, dem Größten aller Übel", schreibt Josef Winkler, dessen Texte dort hineinbohren, wo Antichrist durch inkonsequente Waberigkeit verwäscht, scharfer, sturer Sprachkamerakopf - so genau schauen und so oft drehen, bis die dummdreisten Normalitätskriterien das sind, was sie sind: unwichtig, unbrauchbar, Unform; hier, landesbezogen: gutbürgerliche, heterosexuelle, christlich-konforme Weltvorstellung, die mit der Muttermilch in den Körper schießt, wieder muss die Frau herhalten, wie schade, ach, macht nichts.
Allein die schuldzuweisende Formulierung zeigt bereits die Verwachsung und Verhaberung, der zu entkommen schon in der Alltagssprache kaum gelingt (vergleiche dazu, belletristisch: "MenschInnen" - Ängste, so lustig wie Österreich). Da stinkt was aus allen Poren, nicht zu verwechseln mit: Glauben in aller Ehrlichkeit. Sondern das, was vorgeschoben wird, um der eigenen Unzulänglichkeit, die sich mit Argumenten nicht untermauern lässt, den Rücken zu stärken, in unumstößlicher Weise, also mit der Betonmauer, die dann fälschlicherweise Religion genannt wird, im Rücken schön den Rücken zur Wand und nach vorne schießen, das ist vielleicht nicht Österreich, aber doch der Boden, auf dem das Unerfreuliche, Lächerliche, Dumme und Gefährliche wuchert und wabert, dass man oft vor lauter Geschwür und Gewächs nur noch die Berggipfel sieht. (DER STANDARD/Printausgabe, 3.11.2009)