"Rough Aunties" begleitet Südafrikanerinnen im Kampf gegen Kindesmissbrauch
Wer zehn Jahre lang ganz unmittelbar mit dem vielfältigen Missbrauch von Kindern, mit deren Vergewaltigung, Misshandlung, Weglegung konfrontiert ist, der verändert sich wohl zwangsläufig: "I've become a rough auntie since I work for Bobbi Bear", sagt die resolute Eureka. Die Arbeit für die Hilfsorganisation Bobbi Bear, die im südafrikanischen Durban ihren beharrlichen Kampf für die kleinen Opfer führt, hat sie hart werden, aber herzlich bleiben lassen - so lässt sich „rough auntie" vielleicht am besten umschreiben.
Rough Aunties heißt auch der Dokumentarfilm von Kim Longinotto. Die inzwischen 58-jährige Britin, Kamerafrau und Regisseurin, gründet 1988 gemeinsam mit Claire Hunt die Produktionsfirma Vixen Films. Damit beginnt auch jene anhaltende Beobachtung gesellschaftlicher Phänomene, Traditionen und Situationen, die an Frauen an unterschiedlichsten Orten, in Japan, Iran oder Afrika ganz besondere Herausforderungen stellen und in manchen Fällen auch ganz besonderen Widerstand erfordern. Zuletzt hat Longinotto in diesem Sinne - mit Koregisseurin Florence Ayisi - bei der Rechtsprechung in Kamerun zugesehen und zugehört (Sisters in Law, 2006).
Longinotto ist dabei stets über ihre Kameraarbeit präsent, sie tritt selbst nicht auf und enthält sich auch eines gesprochenen Kommentars. Die Qualität ihrer Filme liegt unter anderem in den Einblicken aus nächster Nähe, die ihr die Protagonistinnen auch diesmal gewähren. Die Minifilmcrew ist bei Gesprächen mit den kindlichen Klientinnen dabei und bei nächtlichen Razzien, bei Teepausen, aber auch dann, wenn die Gründerin von Bobbi Bear eigenhändig Blut von einem Fußboden schrubbt oder eine andere Mitarbeiterin ihren kleinen Sohn beerdigen muss.
Was Rough Aunties damit umso deutlicher sichtbar macht, ist, wie "Chaos und Verwirrung", die eine Ärztin anprangert, tatsächlich jeden erfassen können - auch die Helferinnen und ihre eigenen Familien bleiben nicht von der Gewalt verschont. Wofür die "rough aunties" also auch stehen, das sind gesellschaftliche Solidarität und bürgerliche Selbstermächtigung. "Wo sind die Frauen?", heißt es einmal in einem eindringlichen Appell - im Kampf gegen die Apartheid haben sie sich bereits bewährt. Aber an Gründen aufzustehen, herrscht weiterhin kein Mangel. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 3.11.2009)
Rough Aunties: 4. 11., Urania, 16.00 Uhr