Weltkino aus Guatemala: Gasolina", das Debüt von Julio Hernández Cordón
Guatemala ist eines jener kleinen mittelamerikanischen Länder, die unter einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg litten. 1996 wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet. Inwiefern sich seither gesellschaftliche Normalität eingestellt hat, ist das untergründige Thema von Julio Hernández Cordóns Gasolina, einem Spielfilm aus einem Land, das bisher im Weltkino so gut wie gar nicht vertreten war.
Die drei Jugendlichen, die im Mittelpunkt dieser bewusst ziellos gehaltenen Geschichte stehen, befinden sich in einem Stadium des Übergangs, das sie so lange wie möglich hinauszögern wollen. Sie vertreiben sich die Zeit, indem sie mit dem Auto durch die Gegend fahren. Das Benzin stehlen sie aus den Tanks anderer Autos, manchmal erbeuten sie größere Mengen an einer Tankstelle. Gerardo, Nano und Raymundo sind Müßiggänger durchaus in einem vergleichbaren Sinn zu einer ersten europäischen Nachkriegsgeneration, die von den Trümmerjahren nichts mehr wissen, aber auch nichts Positives an deren Stelle setzen wollte.
Julio Hernández Cordón, der in North Carolina in den USA geboren wurde und in Mexiko Film studiert hat, hat mit Gasolina seinen ersten langen Spielfilm gedreht (de facto handelt es sich mit knapp 65 Minuten um einen mittellangen Film), mit nichtprofessionellen Darstellern und weitgehend improvisiert. Er folgt dabei einer ganz klassischen Dramaturgie, die ihre Spannung aus der Ziellosigkeit der Protagonisten gewinnt, deren innere Konflikte zunehmend durch äußere Ereignisse provoziert werden.
Gasolina könnte durchaus auch als Dokumentarfilm funktionieren, denn in den Einstellungen von Julio Hernández Cordón geht es auch um so etwas wie eine Geografie des neuen Guatemala, mit seinen Eigenheimsiedlungen und Ansätzen einer bürgerlichen Kultur, von der Gerardo, Nano und Raymundo sich abzugrenzen versuchen. Sie würden am liebsten wegfliegen, handeln sich aber am Boden eben gerade die ersten Erfahrungen von Verpflichtungen und schließlich einer Schuld ein, die deutlich im Hinblick auf den Bürgerkrieg konnotiert ist - denn die indigene Bevölkerung war in Guatemala immer das erste Opfer der Gewalt, und in Gasolina gibt es darauf ein tragisches Echo. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 3.11.2009)
Gasolina: 3. 11., Gartenbau, 15.30 Uhr; Wh.: 4. 11., Urania, 21.00 Uhr