Nicht alle haben 1989 an ihnen mitgewirkt, aber alle dürfen sich heute über deren Früchte freuen
Zwanzig Jahre Mauerfall, zwanzig Jahre Samtene Revolution - und überall Gedenkveranstaltungen bis zum Überdruss. Wozu eigentlich? Sind es, vor allem für die Beteiligten von damals und ihre Nachfahren, mehr als Pflichttermine? - Ich denke schon. Das Gedenken an die großen Tage ihrer jüngeren Geschichte ist für die Völker eine Erinnerung an das Beste, das nach wie vor in ihnen steckt. In Zeiten, in denen für die meisten Osteuropäer nicht das Beste und die Besten im Vordergrund stehen, eine lebensnotwendige Ermutigung.
Fast überall, wo vor zwanzig Jahren die KP-Diktaturen zusammenbrachen, sind diejenigen, die die Wende zustande brachten, bald wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die Dissidenten, für kurze Zeit gefeierte Helden, wurden bald zu unbequemen Mahnern, die man rasch wieder loswerden wollte. Sie, die wenigen, waren die Verkörperung des schlechten Gewissens der vielen, die in den dunklen Jahren keinen Widerstand geleistet, sondern sich angepasst hatten.
In Tschechien und Polen sind die Parteien, die nach l989 von Dissidenten geführt wurden, längst aus den Parlamenten hinausgewählt worden. In Ungarn stecken die Reformkommunisten, die sich damals glaubwürdig zu Sozialdemokraten gewandelt und den Umschwung schrittweise herbeigeführt hatten, in einem Sumpf der Korruption. Und in der ehemaligen DDR feiert die Nachfolgepartei der kommunistischen SED eindrucksvolle Wahlerfolge. Die Österreicher erinnert all das an ihre eigenen Erfahrungen nach 1945.
Die Nachgeborenen bekommen in diesen Tagen eine Menge Bilder von damals zu sehen. Den größten Symbolcharakter haben natürlich diejenigen vom Fall der Berliner Mauer. All die Menschen, die auf die Mauer klettern und jubelnd den Champagner schäumen lassen. Ein wichtiger Moment, gewiss - aber wichtiger ist für mich der Tag der großen Demonstration in Leipzig am 9. Oktober. Damals zogen 70.000 nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche durch die Stadt und riskierten die angekündigte blutige Niederschlagung durch die Streitkräfte. Dass diese ausblieb, war die eigentliche Kapitulation des Regimes.
Für Ungarn ist das meistgezeigte Bild das von der Durchschneidung des Eisernen Vorhangs durch den ungarischen und den österreichischen Außenminister. Aber der Vorhang war für die Ungarn damals schon lange offen. Bedeutungsvoller war das feierliche Begräbnis der hingerichteten Revolutionäre von 1956 und deren offizielle Rehabilitierung.
In Polen waren die (teilweise) freien Wahlen von 1989 nicht denkbar ohne die vorangegangene Gründung der freien Gewerkschaft Solidarnoœć und deren Kämpfe. Einzig in der Tschechoslowakei waren die Massendemonstrationen auf dem Prager Wenzelsplatz zugleich Anstoß und Höhepunkt für den Sieg der Demokratie.
Das alles waren Sternstunden in der Geschichte der osteuropäischen Völker. Nicht alle haben damals an ihnen mitgewirkt, aber alle dürfen sich heute über deren Früchte freuen. Sternstunden können auch nicht ewig dauern. Aber ohne sie wäre die Geschichte arm. Sie sind wichtig für die nationale Identität. Ohne sie könnten manche an der Gegenwart verzweifeln. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2009)