In Bosnien-Herzegowina beklagen Opfervereine vor allem, dass die Anklage gegen Radovan Karadžić gekürzt wurde
Unter den Tischen, auf denen sonst Obst und Gemüse feilgeboten wurde, lagen Tote, der Markale-Platz war voll von Blut. Am 5. Februar 1994 hatte die Armee der bosnischen Serben ein 120-Millimeter-Mörsergeschoß im Zentrum Sarajevos detonieren lassen. 68 Zivilisten kamen ums Leben, 144 wurden verletzt. Das Verbrechen wird nun wieder im Rahmen des Prozesses gegen den damaligen Serbenführer Radovan Karadžić in Bosnien diskutiert. Der Präsident des Richterrats des Haager Kriegsverbrechertribunals, O-Gon Kwon hatte empfohlen, den Beschuss des Marktes aus der Karadžić-Anklage zu streichen, weil "eine Kontroverse darüber bestehe, welche Seite für den Granatenbeschuss von Markale verantwortlich ist".
In Bosnien sorgte das für Empörung. O-Gon Kwon sei unglaublich schlecht informiert, schrieb etwa die Wochenzeitung Dani. Denn in dem Haager Prozess gegen Ex-General Stanislav Galić wurde bereits bewiesen, dass die Granate von der Armee der bosnischen Serben abgeschossen wurde. Bereits die Ankündigung, dass es zu einer Kürzung der Anklage im Fall Karadžić kommen könnte, hatte Proteste und Missbilligung vor allem der Opfervereine, aber auch einer breiten Öffentlichkeit in Bosnien hervorgerufen. Acht von 27 Gemeinden in Bosnien, in denen es zu Verbrechen während des Krieges kam, wurden aus der Anklage gestrichen. Die Verantwortung für diese Verbrechen wird nun nicht geklärt.
Viele Bosnier fürchten, dass dies auch zu einer Schwächung der Prozesse gegen Kriegsverbrecher in Bosnien selbst führen könnte, weil Zeugen aus den acht gestrichenen Gemeinden entmutigt werden könnten. "Wir sind schuld, nur weil wir Muslime sind", beklagen die Opfer. Der Spruch ist auch auf T-Shirts zu sehen. Im Fernsehen werden weinende Frauen mit den Worten: "Wir sind schon tot und leben nur noch für die Verurteilung der Kriegsverbrecher", gezeigt.
Die bosnische Öffentlichkeit ist sich bewusst, dass der Fall Karadžić die letzte Chance ist, den Genozid in ganz Bosnien (nicht nur in Srebrenica) sowie die Involvierung Serbiens in ein "verbrecherisches Unternehmen" , wie es in der Anklage steht, zu beweisen. Mit einem Urteil, dass die Involvierung Serbiens beweisen würde, könnte Serbien zudem zu einem kritischeren Umgang mit seiner Vergangenheit gezwungen werden und sich weniger in die innerbosnischen Angelegenheiten einmischen, hofft man.
Aber auch negative Konsequenzen sind möglich: Nachdem Richter O-Gon Kwon den Angriff auf Markale aus der Anklage nehmen wollte, hatte etwa der Premier der Republika Srpska (RS), Milorad Dodik, die Verantwortung der serbischen Streitkräfte für das Massaker und jenes auf dem Hauptplatz in Tuzla negiert und die Verbrechen sogar als "inszeniert" bezeichnet.
Von diesen Aussagen fühlten sich viele Bosnier verletzt. Insgesamt dürfte der Karadžić-Prozess alle nationalistischen Parteien stärken. Die Prozess-Berichterstattung zeigt jedenfalls die Zerrissenheit des Landes. Während in der bosnisch-kroatischen Föderation im Fernsehen mit altem Dokumentationsmaterial die Erinnerung an die Verbrechen wachgerufen wird, wurde etwa in der Sendung Nekad bilo ("Es war einmal" ) in der RS mehrmals betont, der Prozess gegen Karadžić sei eigentlich ein Prozess gegen die RS und das serbische Volk. Karadžić selbst will heute in Den Haag vor den Richtern erscheinen, den eigentlichen Prozess aber weiter boykottieren. (Damir Imamović aus Sarajewo/DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2009)