Viennale goes Uni-Streik: "Bock for President", das Filmporträt der Flüchtlingshelferin Ute Bock von Houchang und Tom-Dariusch Allahyari am Samstag im besetzten Audimax
Minutenlanger Stehapplaus, der vom Moderator besänftigt werden musste: Wohl kaum ein Film der Viennale 09 wurde so stürmisch bejubelt wie Houchang und Tom-Dariusch Allahyaris Bock for President. Dass das nur zum Teil an ihrer Arbeit lag, mussten sich die Filmemacher wohl selbst eingestehen: Der Film wurde - kurzfristig, noch vor der planmäßigen Premiere und selbstverständlich gratis - Samstagabend im besetzten Audimax der Uni Wien gezeigt. Ein euphorisch aufgenommener Akt der Solidarität mit der Studierendenbewegung - und für Viennale-Chef Hans Hurch wohl die einzige Chance, sich trotz Festivalstresses selbst ein Bild von der Besetzung zu machen.
Der Film, ein Porträt der Wiener Flüchtlingshelferin Ute Bock, fügte sich ins Audimax-Geschehen ein, als wäre er eigens dafür gedreht. Bocks sturer Glaube an das Gute, das Granteln und der herbe Schmäh, mit dem sich die 67-Jährige immer wieder über alltäglichen Frust hinweghilft, schienen der allmählich ermüdeten Masse im Audimax Auftrieb zu geben.
Moralische Präsidentin
"Frau Bock, ich möchte, dass Sie die moralische Präsidentin unserer Bewegung werden", rief ein sichtlich enthusiasmierter Student nach der Vorführung durchs Mikrofon. Es schien, als dürste die basisdemokratische Menge nach einer charismatischen Leitfigur, und einen Abend lang füllte Bock diesen Mangel aus. Bierlachen im Gang wurden mit Zeitungen ausgelegt, um hier noch Platz zu finden, als Tribüne und Seitengänge längst menschenbepackt waren. Wadenkrämpfe und Atemnot wurden erduldet, denn, so ein Student, "in den Vorlesungen ist es ja auch nicht anders". Bis auf die Rauchschwaden vielleicht.
Bock for President bietet auch Bock-Kennern Neues. In privaten Momenten, im Dialog mit der Katze, beim Spaziergang mit der Schwester, erfährt man, dass Bock für den Vater "immer die Dumme" war und dass sie es dem längst verstorbenen Nazi-Sympathisanten mit ihrer Arbeit für Ausgegrenzte auch ein wenig heimzahlt. "Hoffen wir, dass er im Himmel auf einer Wolke rückwärtig sitzt", lächelt Bock, "damit er nicht mitanschauen muss, was ich da aufführ."
Sie selbst hat sich beim Filmschnitt nicht eingemischt, das Audimax-Screening war auch für die Porträtierte eine Premiere. "Hab gar nicht gewusst, wie viel Blödsinn ich red", so Bocks einsilbiger Kommentar. Umso redefreudiger war das Publikum bei der Diskussion mit den Filmemachern. "Bitte beschränkt euch auf zwei Minuten Redezeit", flehte der Moderator, "sonst sitzen wir morgen noch hier." Logische Replik aus dem Publikum: "Des tua ma sowieso." (Maria Sterkl, DER STANDARD/Printausgabe, 3.11.2009)