Würdigung mit bitterem Beigeschmack

2. November 2009, 17:01
  • Artikelbild
    foto: apa/epa/ignatjewa

    2004 für den Sacharow-Preis nominiert, im Juli 2009 ermordet: Gedenken an Natalja Estemirowa in St. Petersburg.

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial setzt sich für Opfer politischer Repression ein und untersucht Gräueltaten in Tschetschenien

Dafür erhielt sie den Sacharow-Preis des EU-Parlaments.

*****

Am 28. Juni wurde Selimchan Salaudinowitsch Chadschijew das letzte Mal gesehen. Der 39-Jährige war an jenem Samstag um elf Uhr in seinem Wolga Richtung Stadtzentrum von Grosny aufgebrochen. Doch dort kam er nie an. Augenzeugen berichteten, dass Chadschijew von einem Sicherheitsbeamten aufgehalten wurde. Danach verliert sich seine Spur. Am selben Tag verschwand auch Apti Ramsanowitsch Sejnalow.

Im Gegensatz zu Chadschijew tauchte Sejnalow einige Tage nach seinem Verschwinden wieder auf - in der Intensivstation des Krankenhauses Atschchnoi-Martan. Fälle wie diese sind in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien keine Seltenheit. Regelmäßig verschwinden Menschen, werden Häuser von tschetschenischen Sicherheitskräften niedergebrannt.

Die Öffentlichkeit erfährt davon nur, weil es Menschen wie Achmed Gisajew und Natalja Estemirowa gibt. Die beiden Menschenrechtler, die für die russische NGO Memorial arbeiteten, sprachen mit den Verwandten von Vermissten, dokumentierten und veröffentlichten die Fälle. Nur zwei Wochen nach dem Verschwinden Chadschijews und Sejnalows war Estemirowa (50) tot. Die ehemalige Lehrerin wurde vor ihrem Haus entführt, ihre Leiche einen Tag später an einer Straße in Inguschetien gefunden.

Für die Menschenrechtsorganisation Memorial war der Mord an ihrer Büroleiterin in Grosny ein schwerer Schlag. Schon im Jänner dieses Jahres beklagte die NGO den Verlust des Menschenrechtsanwalts Stanislaw Markelow, der eng mit Memorial zusammenarbeitete. Er war auf offener Straße im Zentrum Moskaus erschossen worden. Er hatte in einem prominenten Fall die Familie eines tschetschenischen Mädchens vertreten, das von einem russischen Offizier vergewaltigt und ermordet wurde.

Ursprünglich standen nicht Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien im Mittelpunkt der Arbeit von Memorial, sondern Opfer des Stalinismus. Memorial wurde 1988 als erste Nichtregierungsorganisation der Sowjetunion auf Initiative des russischen Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow ins Leben gerufen. Sie befasste sich mit der historischen Aufarbeitung der politischen Repression unter Stalin, kümmerte sich um Überlebende des Gulag und erweiterte schließlich ihr Tätigkeitsfeld allgemein auf die Verteidigung der Menschenrechte.

Memorial ist weniger eine Organisation mit festen Strukturen als vielmehr der Zusammenschluss von insgesamt rund hundert unabhängigen Gruppierungen in Russland, Polen, der Ukraine, Lettland, Kasachstan, Usbekistan, Italien und Deutschland.

Gründer als Namensgeber

Nun hat das Europaparlament die Arbeit der wichtigsten russischen Menschenrechtsorganisation mit dem Preis ausgezeichnet, der nach dem Gründer der NGO benannt wurde: Der mit 50.000 Euro dotierte Sacharow-Preis wurde an die Aktivisten Oleg Orlow, Sergej Kowaljow und Ljudmilla Alexejewa stellvertretend für Memorial und die russische Bürgerrechtsbewegung vergeben.

Für Orlow, den Vorsitzenden des Moskauer Menschenrechtszentrums Memorial, das Teil von Memorial International ist, hat der Erhalt des Sacharow-Preises freilich einen bitteren Nachgeschmack. 2004 waren bereits Natalja Estemirowa und Sergej Kowaljow für den EU-Menschenrechtspreis nominiert. Erhalten hat ihn damals allerdings der weißrussische Journalistenverband.

"Seitdem sind einige Jahre ins Land gegangen. Heute haben wir diesen Preis erhalten und Natascha die Kugel ... Das ist bitter" , schrieb Orlow in einer ersten Stellungnahme auf der Homepage von Memorial. Bitter ist auch, dass der Preisträger demnächst für einige Zeit im Gefängnis verschwinden könnte. Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, den Orlow für den Tod von Estemirowa verantwortlich macht, verklagte Orlow wegen übler Nachrede. Im Zivilprozess erhielt Kadyrow bereits Recht. Ein strafrechtliches Verfahren ist noch anhängig. (Verena Diethelm aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2009)

 

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.