Nadine Müller, jüngste Abgeordnete der CDU, über konservativ vs. modern, Deutsche Studis in Österreich und ihr Vorbild Merkel
Nadine Müller zieht nach der Bundestagswahl als jüngste Abgeordnete der CDU in den Bundestag ein. Im derStandard.at-Interview spricht die 26-Jährige über konservative Grundhaltung, Angela Merkel als Vorbild, Numerus-clausus-Flüchtlinge und ihren Glauben. Die Fragen stellte Michael Kremmel.
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derStandard.at: Mit 21 in den Landtag, mit 26 in den Bundestag, was kommt mit 30?
Nadine Müller: Hoffentlich wieder der Bundestag. Ich sehe das
jetzt auch nicht als Karriereleiter, sondern das war ein großes Maß
Glück und Zufall. Es war ja so nicht geplant. Mein Vorgänger wollte aus
persönlichen Gründen wieder für den Landtag kandidieren. Ich hätte auch
im Landtag noch genug Möglichkeiten gehabt, dort zu arbeiten und auch im
Bundestag kann man viele Jahre arbeiten, ohne dass es danach weitergeht.
Da gibt es viele Möglichkeiten.
derStandard.at: Stichwort Landtag: Sie fühlen sich ihrer
Heimat sehr verbunden, sagen sie wollen in Berlin nicht nur
Bundespolitik machen, sondern sich weiter auf das Saarland
konzentrieren. Warum der Wechsel nach Berlin?
Nadine Müller: Die Berliner Arbeit stelle ich mir so vor,
dass ich Politik für alle mache und nicht nur saarländische Abgeordnete
bin. Man hat ja da das große Ganze zu sehen. Ich möchte aber in den
Wochen, in denen ich in Berlin nicht gefragt bin noch viel im Saarland
unterwegs sein und den Kontakt zu den Leuten halten, weil man dadurch
viele Impulse bekommt.
derStandard.at: Ist Angela Merkel ein Vorbild?
Nadine Müller: Sie ist die erste Bundeskanzlerin und auch die
erste Ostdeutsche, das sind zwei besondere Merkmale. Sie sagt, dass sie
Kanzlerin für alle Deutschen sein will und ihr nimmt man das ab. Sie
reitet auf den Merkmalen, Frau und Ostdeutsche zu sein, nicht herum.
Mir imponiert das, dass sie vermittelt für alle Deutschen Kanzler zu
sein.
derStandard.at: Kann eine Politikerin gleichzeitig konservativ und modern sein?
Nadine Müller: Konservativ und modern bedingen sich
gegenseitig. Es gibt ja den Spruch "Konservativ sein heißt nicht, die
Asche zu behüten, sondern die Flamme zu bewahren." Das sehe ich als
konservativ, gewisse Werte und ein Fundament und auch eine gewisse
Heimatverbundenheit wie in meinem Fall. Aber durchaus offen für Neues,
für neue Entwicklungen, auch eine Weltoffenheit und Offenheit
gegenüber neuen Technologien. Da passt konservativ und modern zusammen.
derStandard.at: Stichwort neue Technologien, sie
twittern ja auch. Zum Beispiel haben sie den Eintrag verfasst: "Ab
heute geht's richtig los: jetzt Gottesdienst, dann konstituierende
Sitzung." Wie wichtig ist der Glaube für sie?
Nadine Müller: Ich fand es sehr schön, dass wir mit dem
ökumenischen Gottesdienst begonnen haben. Die Präambel des
Grundgesetzes wurde in der Predigt zitiert, da steht "In Verantwortung
vor Gott und den Menschen". Ich finde, es ist schon wichtig, dass man
sich das zu Beginn einer Legislaturperiode vor Augen führt. Man hat
Verantwortung gegenüber den Menschen, aber unser politisches Tun
entspringt ja auch oftmals aus dem Glauben.
derStandard.at: Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich oder Großbritannien
verlieren die Sozialdemokraten an Zustimmung. Ist konservativ jetzt im
Trend?
Nadine Müller: Vielleicht hat gerade die Wirtschaftskrise
gezeigt, dass nicht nur höher, weiter, besser wichtig ist, sondern auch
der Wertebezug. Bei vielen Jugendlichen sehe ich die Tendenz, dass man
sich auf Werte und Vorbilder zurückbesinnt, aber offen ist gegenüber
Neuem. In Deutschland hat man in den von konservativen Parteien
regierten Ländern gesehen, dass sich wirtschaftliche Kompetenz und
sozialer Zusammenhalt nicht ausschließen. Die Länder sind
wirtschaftlich meist erfolgreicher, die CDU hat aber auch eine große
Sozialkompetenz.
derStandard.at: Sie kommen aus der Provinz, sind stellvertretende Vorsitzende im Verein Sicherer Landkreis St. Wendel, propagieren aber ein "frisches Denken" in Berlin, wie sieht das aus?
Nadine Müller: Wir sind sehr ländlich strukturiert. In dem Verein kümmern wir uns um Sicherheit und Sauberkeit vor Ort. Da sind Themen wie Graffitis noch gut in den Griff zu bekommen. So sehe ich das auch mit dem frischen Denken: Pragmatisch an die Sachen rangehen. Egal, ob kleine Probleme wie bei dem Verein, oder große Zusammenhänge, ich bin dafür, dass man es anpackt. Dazu muss man sich aber auch viele Meinungen einholen. So stell' ich mir meine Politik vor.
derStandard.at: Politische Gegner sagen, sie stehen für keine Inhalte, nur für Graffiti entfernen. Gibt es da noch andere Dinge, die sie ändern möchten außer Deutschland graffitifrei zu machen?
Nadine Müller: Wenn man meine politische Arbeit der letzten Jahre verfolgt hat, dann sieht man schon, dass ich mir einige politische Themen zu Eigen gemacht habe. Das eine ist das Thema Fachkräftemangel, besonders im Bereich Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Da habe ich im Saarland Initiativen gestartet, um Kinder und Jugendliche schon ab dem Kindergarten für Technik zu begeistern.
derStandard.at: Auf ihre Homepage schreiben sie zum Thema Fachkräfte: „Wenn wir teurer sein wollen als andere, müssen wir auch besser sein." Warum wollen sie teurer und nicht einfach nur besser sein?
Nadine Müller: Mit teurer sind nicht die Produkte gemeint sondern die Arbeit in Deutschland im Vergleich zur Konkurrenz aus dem Ausland. Auch in Osteuropa werden viele gute Produkte produziert, aber zu ganz anderen Bedingungen. Wenn wir unseren Sozialstaat aufrecht erhalten wollen, dann ist der Faktor Arbeit in Deutschland einfach teurer. Dann gibt es nur die Alternativen schneller, besser oder innovativer zu sein.
derStandard.at: Ein Faktor um besser zu sein, sind für Sie gute Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten. Derzeit besetzen Studierende in Österreich die Universitäten schon seit Tagen um genau für das zu kämpfen. Wann ist es in Deutschland soweit?
Nadine Müller: Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Die Universitäten, die ich kenne, sind in den letzten Jahren viel besser geworden. Ich habe in Heidelberg studiert, dort hat sich die Serviceorientierung massiv verbessert. Auch bei der einzigen Universität im Saarland sind die Mittel in den letzten Jahren angestiegen. Man sieht das auf dem Campus. Es wird gebaut, die Studiengänge sind besser und effektiver. Die Studenten werden besser begleitet. Aber auch diesbezüglich muss viel getan werden, hier hinken wir europäischen Nachbarländern um Vieles hinterher.
derStandard.at: Im Vorfeld der österreichischen Studentenproteste wurden von der Politik vor allem die Numerus-clausus-Flüchtlinge aus Deutschland als Grund für unzumutbare Studienbedingungen angeführt. Gibt es in Deutschland zu wenig Chancen für bildungswillige Studenten?
Nadine Müller: Wichtig ist, dass die ZVS (Anm. Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) nur mehr für ganz wenige Fächer zuständig ist und zu einer Servicestelle umgebaut wird. So kann sich jeder Student bei der Universität bewerben, wo er hin will und wird von der ZVS nicht in ganz Deutschland herumgeschickt. Der Numerus-clausus (NC) ist dort sinnvoll, wo man später nicht genug Arbeitsplätze hat. Man kann nicht Millionen Soziologen ausbilden und es gibt keinen Arbeitsmarkt dafür. Die Universitäten müssen aber schauen, wie sie die Auswahl besser machen. Nur der NC wird den Bewerbern nicht gerecht. Ein differenziertes System wäre gerechter. Beispielsweise mit auf das Studium zugeschnittenen Eingangstests und einzelnen Abiturnoten wäre das besser, aber es wäre auch teurer.
derStandard.at: Politiker in Österreich forderten Ausgleichszahlungen aus Berlin für die zahlreichen deutschen Studenten. Die wurden abgelehnt. Finanziert Österreich die Fachkräfte, die sie für Deutschland fordern?
Nadine Müller: Auch wir bilden viele Studenten aus dem Ausland aus. Ich sehe diese Mischung als Bereicherung. Wichtig ist, dass jedes Land auch wirklich ausbildet. Deutschland muss wissen, dass wenn wir unsere Studenten in Österreich oder den Niederlanden ausbilden lassen, dass viele Fachkräfte auch dort bleiben. Das können wir uns auch nicht leisten. Jedes der reichen europäischen Länder, Österreich und Deutschland gehören dazu, hat dafür zu sorgen, dass die Studenten im eigenen Land gut ausgebildet werden. (derStandard.at, 03.11.2009)
Zur Person: Die diplomierte Juristin Nadine Müller (26) kam über ein Direktmandat im Wahlkreis 298 in den Bundestag. Zuvor war sie fünf Jahre für die CDU im saarländischen Landtag und hochschul- und wissenschaftspolitische Sprecherin.