"Ich sehe mich als eine Art Village-Punk"

2. November 2009, 17:33
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    foto: viennale

    "Mich interessiert, wie das einzelne Subjekt mit dieser chaotischen Welt umgehen kann" - Guo Xiaolu über ihre Motivationen.

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    Etappen in eine neue Welt: Die Bauerntochter Mei (Huang Lu) zieht es in "She, a Chinese" in den Westen.

Die chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin Guo Xiaolu verbindet in ihren Werken Ost und West

Dominik Kamalzadeh traf den Tribute-Gast zum Gespräch über Kontraste, Zensur und Identitätswirren.

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Standard: "She, a Chinese" erzählt von den Etappen der Reise einer chinesischen Frau gen Westen - ein Thema, das Sie schon in Ihrem Buch "Kleines Wörterbuch für Liebende" beschäftigt hat. Was war der Anlass für den Film?

Guo: Eigentlich ist das ja mein erster Spielfilm. Ich habe ihn bereits vor sechs Jahren begonnen, als ich mit der Filmschule in Peking fertig war. Es hat unheimlich lange gedauert, bis ich ihn finanzieren konnte. Inzwischen habe ich vier andere Filme gemacht und drei Romane geschrieben. Der Arbeitstitel des Films war La Chinoise nach dem gleichnamigen Film von Godard, einem der ersten ausländischen Filme, die ich überhaupt sah. Die hübsche junge Frau darin, die sich im Paris der 60er-Jahre nach der chinesischen Revolution sehnt, auf diese etwas romantische, naive Weise - sie brachte uns, die wir in den 70ern geboren wurden, damals zum Lachen.

Standard: Was war so komisch?

Guo: Nun, dieses eindimensionale Verlangen nach Revolution, das machte vielleicht in den 60er-Jahren noch Sinn ... In den letzten zwanzig Jahren befindet sich China allerdings auf dem umgekehrten Weg, vom Kommunismus zum Kapitalismus. Ich wollte einen Film machen, der sozusagen von der La Chinoise entgegengesetzten Sehnsucht erzählt - jener nach dem Westen.

Standard: Dann hat sich der Fokus noch einmal verändert - um Politik geht es ja nur am Rande?

Guo: Ja, Erzählweisen als Behältnis für ideologische Standpunkte zu nützen, das sehe ich immer mehr als leere Pose. Der Film lehnt sich mehr an Roadmovies wie My Own Private Idaho oder Midnight Cowboy an, in denen es um Jungs geht, die vom Land in die Stadt kommen - um schwule Jungs, die auf der Straße gefickt und vom Leben beschädigt werden. Ich fühle eine starke Verbindung zu solchen Reisen von jungen Menschen, die verführt werden ... Ich komme ja selbst aus einem kleinen Fischerdorf und kenne die innere Nähe zu dem Wort Freiheit: Auch meine Hauptfigur Mei wird von dieser unsichtbaren Kraft angeschoben, die sie aus ihrer nationalen Identität herauslöst - jener einer chinesischen Bäuerin.

Standard: Sie erzählen den Film in diversen Kapiteln, die den linearen Fluss verdichten. Mit Andrew Bird hatten Sie auch einen renommierten Cutter an Ihrer Seite.

Guo: Ich verwende gerne Kapitel, auch in meinen Dokumentarfilmen, weil ich an das klassische Erzählkino nicht glaube. Ich orientiere mich mehr an einer postmodernen Erzählweise, die wie ein Mosaik aufgebaut ist. Filme, die sich mit nationaler Identität aufhalten, habe ich satt. Meist folgen sie einer Ästhetik, die sich seit den 70er-Jahren oder noch länger nicht verändert hat - immer dieselben statischen Einstellungen, die lange anhalten. Das ist schön, richtig? Ich liebe das Kino von Ozu oder von Hou Hsiao-Hsien, aber heute geht es meiner Ansicht nach um etwas anderes, um mehr Diversität und alternative Stimmen. Mir kommt vor, dass dieser verbürgte Zugang einfach faul ist. Das ist so ein in sich abgeschlossenes System - auch inhaltlich, wenn wieder einmal irgendein Bauer sein Land verliert usw.

Standard: In Ihrem Dokumentarfilm "Once Upon a Time Proletarian" kehren Sie nach China zurück, um sich ein Bild der gegenwärtigen Situation der Arbeiter- und Bauernklasse zu machen. Wie halten Sie es da mit Politik?

Guo: Ich sehe mich als politische Filmemacherin - als chinesische Künstlerin ist man das ja fast schon automatisch. Manchmal gleicht das schon einer Art Falle, weil man quasi dazu gezwungen ist, Statements zu liefern. Was mich mehr interessiert, ist die Frage, wie ein einzelnes Subjekt mit dieser chaotischen Welt da draußen umgehen kann. Wie Mei in She, a Chinese, dieses Wesen mit wildem Herzen und seiner Lust auf Leben. Sie stößt auf diese Welt, auf Männer, und nichts davon kennt sie besonders gut. Ihre romantischen Verhältnisse sind untrennbar mit einer männlich dominierten Gesellschaft verknüpft. Das klingt feministisch, aber ich habe mehr diese Heidegger‘sche Vorstellung von einem Individuum im Sinn, das eine Welt bewohnen muss, auf der es sich nicht zu Hause fühlt. Die Entfremdung ist heutzutage so tiefgreifend, dass sie nationale oder Geschlechtergrenzen hinter sich lässt.

Standard: Ein radikaler Existenzialismus der Globalisierung also?

Guo: Ja, das bestimmt mich! Ich verabscheue diese Schablonen und suche vielmehr diese existenzielle Verunsicherung. Ich sehe das auch im Kino von Michael Haneke oder in jenem von Bruno Dumont: eine Düsternis, die sich über die menschliche Landschaft legt.

Standard: Dieser Düsternis fühlen Sie sich verbunden? Das ist überraschend ...

Guo: Doch, doch. Wichtig ist vor allem, eine andere Form von Kino zu demonstrieren. Unterhaltung ist die kommerzielle Entsprechung von Propaganda. Mittlerweile ist es aber auch schon oft so, dass eine intellektuelle Haltung als Propaganda benützt wird. Deswegen bin ich so bestimmt in dem, was ich tue. Viele meiner Arbeiten sind No-Budget-Filme, die ich nur mit einem Mitarbeiter realisiert habe. Ich sehe mich als eine Art Village-Punk mit Gegenkultur-Haltung.

Standard: Wie nehmen Sie dann als Schriftstellerin dieses Bedürfnis westlicher Medien nach kritischen Stimmen aus China wahr - etwa unlängst bei der Frankfurter Buchmesse? Da wird man ja auch in eine bestimmte Rolle gedrängt.

Guo: Es war schon paradox. Da gibt es diese zweihundert chinesischen Autoren, die nicht interviewt werden können. Und ich bin nicht in dieser offiziellen Gruppierung aus China - und muss Interviews über den Umstand geben, dass ich nicht Teil dieser Gruppe bin. Sehr seltsam. Und dann lauert da immer diese Falle, wenn man mich über Zensur und politische Verfolgung in China befragt. Da werde ich richtig wütend, weil das doch nur eine Propaganda gegen eine andere austauscht. Erstens: Reden wir jetzt über Literatur oder über journalistische Texte über China? Als Künstler will man zuallererst als solcher respektiert werden - man schreibt ja keine Gebrauchstexte. Und zweitens: Wenn man mich hundertmal über Zensur befragt, erzähle ich immer diese Geschichte über meinen US-Verleger, der meinte, man müsse aus Kleines Wörterbuch für Liebende das Kapitel über Abtreibung herausnehmen. Er meinte, die Worte Penis und Schwanz kommen zu oft vor: Reduzieren Sie das!

Standard: Das haben sie wirklich verlangt?

Guo: Ja, das haben sie gesagt. Es wurde dann auch so veröffentlicht. Überdies gibt es eine kommerzielle Zensur, die auch tief reicht und die darüber entscheidet, ob ein Buch überhaupt erscheint.

Standard: Sie schreiben mittlerweile auch auf Englisch. Warum?

Guo: Ich bezeichne es als "Fuck-around-English" mit falscher Zeitenfolge und Grammatik. Es ist eine besondere Kraft in diesem Englisch, weil es die Sprache der Immigranten ist: Die globalisierte Sprache, in der sich jeder austoben kann. Außerdem entkomme ich damit der inneren Zensur. Das ist nämlich die stärkste von allen: Jede Vokabel hat eine eigene historische Referenz, und wenn ich auf Englisch schreibe, vergesse ich darauf - was für eine Freiheit! (DER STANDARD/Printausgabe, 3.11.2009)

Lesung von Guo Xiaolu am 3. 11. um 19.00 Uhr im Badeschiff

Zur Person:

Guo Xiaolu, geboren 1973 in einem kleinen Fischerdorf in Südchina, besuchte die Filmhochschule von Peking und später die National Film and Television School in London. 2003 drehte sie ihren ersten Kurzfilm, es folgten sowohl dokumentarische (The Concrete Revolution) wie fiktionale Arbeiten (How is Your Fish Today). Mit She, a Chinese gewann sie heuer den Goldenen Leoparden von Locarno. Guo ist überdies erfolgreiche Autorin mehrerer Romane. Der neueste, Ein Ufo, dachte sie, ist im Knaus-Verlag erschienen.

Ava Tar
11
2.11.2009, 23:11
total lässige Frau

Wenn man bedenkt, welch hirnloser Mainstream da immer wieder Oscars umgehängt bekommt

Für so etwas sollte es Geld geben, nicht für Banken

Verein zur Förderung der New Freunderlwirtschaft
 
01
2.11.2009, 22:25
großartiger film!

MondXicht
01
2.11.2009, 20:32

Klingt sinnvoll.

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