Wohnen in Wien

Hoffnungslos verloren am Wohnungsmarkt

3. November 2009, 07:06
  • Artikelbild
    foto: christian fischer/der standard

    Die Wiener Wohndrehscheibe hilft einkommensschwachen Familien, Asylberechtigten, Haftentlassenen, Obdachlosen und Pensionisten am privaten Wohnungsmarkt eine leistbare Wohnung zu finden: Im vergangenen Jahr konnte sie rund 400 Wohnungen vermitteln.

Wie die Wiener Wohndrehscheibe einkommensschwachen Randgruppen bei der Wohnungssuche hilft

15 Jahre hatte es gedauert, bis Herr Z. seine Frau und seine vier Kinder aus Mazedonien nach Wien holen konnte. Da waren sie nun - eine sechsköpfige Familie in einer 35 m2 großen Wohnung. Der Streit ließ nicht lange auf sich warten: innerhalb der Familie, mit den Nachbarn und schließlich mit dem Vermieter, der wegen "nachteiligem Gebrauch des Mietobjektes" mit der Kündigung drohte. Was tun? Herr Z., als LKW-Fahrer ständig unterwegs, hatte keine Zeit um sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe zu machen. Seiner Frau wiederum mangelte es zwar nicht an Zeit, aber sie sprach kaum ein Wort Deutsch, um sich auf dem Wiener Wohnmarkt zurechtzufinden.

Probleme, mit denen die Mitarbeiter des Projekts "Wohndrehscheibe" täglich mehrmals konfrontiert sind: "Einkommensschwache Familien, meistens mit Migrationshintergrund, Asylberechtigte, aber auch Haftentlassene, Obdachlose und Pensionisten - sie alle haben es sehr schwer am privaten Wohnungsmarkt eine leistbare Wohnung zu finden", sagt Philippa Tscherkassky, Leiterin der Wohndrehscheibe, einer Beratungsstelle der Volkshilfe Österreich, die einkommensschwache Menschen und Randgruppen bei der Wohnungssuche unterstützt. Ins Leben gerufen wurde das Projekt 1997, um bosnischen Flüchtlingen zu helfen, in Wien eine Unterkunft zu finden. Schnell zeigte sich, dass sich das Angebot nicht auf Kriegsflüchtlinge reduzieren ließ.

Vom Lehrling bis zum Pensionist

Etwa 5.000 Beratungsgespräche führt Philippa Tscherkasskys fünfköpfiges Team jährlich. "Da ist alles dabei: Vom 16-jährigen Lehrling, bis zum 80-jährigen Pensionisten", sagt Mirza Biscic, seit fünf Jahren Mitarbeiter der Wohndrehscheibe. Etwa zehn Prozent der Kunden seien anerkannte Flüchtlinge, 60 Prozent Migranten und 30 Prozent Österreicher. "Es sind sehr unterschiedliche Schicksale, aber die Hauptprobleme sind neben fehlender finanzieller Mittel, auch mangelnde Deutschkenntnisse und Rassismus von Seiten der Vermieter. Das betrifft vor allem unsere schwarzafrikanischen Kunden, die nur aufgrund ihrer Hautfarbe abgelehnt werden." Viel mehr als eine Meldung bei der Anti-Rassismus-Initiative ZARA sei dem aber nicht entgegenzuhalten.
Besonders schwer hätten es auch Migrantinnen, die nach einer Trennung oder Scheidung plötzlich auf sich gestellt seien: Oft verstehen sie und sprechen sie kaum Deutsch und verfügen nur begrenzt über Eigenmittel. "Das sind sehr schwierige Fälle", sagt Biscic. Auch für Obdachlose eine Bleibe zu finden, sei alles andere als einfach: "Ohne Job hat man keine Aussicht auf eine Wohnung und ohne fixer Wohnadresse bekommt man keinen Job", sagt Biscic. Hier seien  Überredungskünste gefragt, um Makler und Vermieter zu erweichen.

"Hilfe zur Selbsthilfe"

Als "Hilfe zur Selbsthilfe" will Philippa Tscherkassky die Wohndrehscheibe verstanden wissen: Im Erstgespräch erfolgt eine Anamnese. Es wird erhoben, was der Kunde einbringen kann, was er braucht und was ihm fehlt. „Wir beraten hinsichtlich Finanzierungsmöglichkeiten, also wo, welche Unterstützungen und Beihilfen beantragt werden können", sagt Tscherkassky. Zwei der Mitarbeiterinnen sind Juristinnen, zwei Sozialarbeiterinnen. Beraten wird in Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch, Serbisch/Kroatisch/Bosnisch und Mazedonisch. "Die meisten machen sich nach der Beratung selbst auf Wohnungssuche", erzählt Tscherkassky.

Im Hinterzimmer des ebenerdigen Geschäftslokals im zweiten Wiener Gemeindebezirk, in dem die Wohndrehscheibe eingemietet ist, sind die Wände mit weißen Zetteln bespickt: billige Garçonnièren, Zwei-Zimmer-Wohnungen, wenige sind größer. An einer schmalen Wand hängt ein Zettel, auf dem "Ohne Provision" geschrieben steht. Das Angebot, das darunter hängt, nimmt sich bescheiden aus. "Zwar schicken uns Makler, die uns kennen, immer wieder Angebote, aber im Großen und Ganzen können wir auch nur aus dem gegenwärtigen Wohnungsangebot schöpfen", sagt Tscherkassky.

Den Kunden der Wohndrehscheibe stehen Internet und Telefon kostenlos zur Verfügung. Migranten begleiten die Mitarbeiter der Wohndrehscheibe auf Wunsch zu Besichtigungsterminen, überprüfen Mietverträge, helfen beim Stellen von Anträgen für diverse Beihilfen. Durchschnittlich zwei Monate dauert es, bis eine passende Wohnung gefunden ist. Das käme aber immer auf den Kunden an, sagt Philippa Tscherkassky, „schließlich muss er aktiv suchen. Wir können dabei nur helfen." (02.11.2009, bock, derStandard.at)

Wohndrehscheibe

Große Sperl Gasse 26, 1020 Wien / U2 Taborstrasse

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 220
1 2 3 4 5
ama2deus
03
5.11.2009, 10:19
15 jahre und kein wort deutsch

prinzipiell stimmt es schon, dass man sich, wenn man 15 jahre darauf wartet in ein land auswandern zu können, darauf vorbereiten sollte und die sprache lernen sollte, ABER überlesen manche hier etwas?

die frau ist 15 jahre NACH ihrem mann nach wien gekommen und nicht seit 15 jahren hier. wo sollte sie deutsch lernen? an einer der vielen kostenlosen volkshochschulen in mazedonien?
wie kommt die zu einem deutschbuch? klar, es gibt post, aber glaubt denn wirklich irgendwer der mann hat auch nur die geringste ahnung was google oder amazon sind und wie man sie benutzt bzw wie man einen pc benutzt?
wie käme der zu einem deutschbuch für seine frau? einfach die auskunft anrufen? weiß der überhaupt, dass es sowas gibt? wohl kaum!

onduras
00
25.11.2009, 14:00

bitrte machen sie sich nicht lächerlich mein frau kommt aus georgien, ihr bruder kam im august nach östereich, sprach kein einiges wort deutsch , 3 monate später spricht er fast akzentfrei
um sich in einen fremden land zweifelsfrei zu verständigen reicht ein wortschatz von ca 1000 und das lernt der dümmste in weniger als 2wochen

Harry Y.
 
00
3.11.2009, 15:46

Herzlichen Dank an den Standard für diesen Artikel.

wireless
215
3.11.2009, 15:39

keine deutschkenntnisse, keine deutschkenntnisse, keine deutschkenntnisse....

offensichtlich das Hauptproblem bei diesem Thema und vermutlich bei vielen mehr!

will man diese thematik jedoch politisch ansprechen begibt man sich auf dünnes Eis!

Chocoholic
00
20.11.2009, 20:02
Um sich am Immobilienmarkt ueberhaupt irgendwie

ueber Wasser zu halten, benoetigt man schon sehr fachspezifische Deutschkenntnisse. Selbst viele OesterreicherInnen mit excellenten Deutsch Kenntnissen kennen sich am Immobilienmarkt nicht aus und haben das Glueck in jungen Jahren von irgendeiner Tante oder Onkel oder sonst irgendwem in der Familie eine Wohnung organisiert bekommen zu haben. Und seitdem hocken sie in der gleichen Wohnung, niemals in Kontakt mit Immobilienmarkt, aber hier die Go gross aufreissen.

miraculix66
 
00
22.11.2009, 18:46

man kann natürlich alles und jede blödheit entschuldigen- das es unnötig ist deutsch zu lernen, wenn man hier wohnen bleiben möchte, ist wohl das dämlichste was mir in letzter zeit untergekommen ist

Chocoholic
00
8.12.2009, 19:03
warum sollte man Deutsch lernen? Ich darf Ihnen versichern,

bei Immobilienvertraegen reicht ein bisschen Deutsch lernen nicht aus.

miraculix66
 
00
10.12.2009, 18:30

ja dann...dagegen kann ma eigentlich gar nix mehr sagen...

wireless
00
20.11.2009, 22:54

"Seiner Frau wiederum mangelte es zwar nicht an Zeit, aber sie sprach kaum ein Wort Deutsch, um sich auf dem Wiener Wohnmarkt zurechtzufinden"

"Oft verstehen sie und sprechen sie kaum Deutsch und verfügen nur begrenzt über Eigenmittel"

warum versuchen sie ständig den Kern meines Postings zu umgehen? "kaum ein wort deutsch", um diese Thematik geht es hier und nicht um irgenwelche perfekten Deutschkenntnisse, spezielles fachwissen im Immobilienbereich oder die oma bzw. Eltern als Vermittler!

das die sprache der primäre Schlüssel zur Integration ist und somit die Teilnahme am öffentlichen Leben überhaupt erst ermöglicht gilt in den meisten Ländern als "common sense" und macht aus verschiedensten, zum Teil elementaren, Perspektiven Si

Chocoholic
00
8.12.2009, 19:04
Die Headline haben Sie wohl schon wieder vergessen?

"Hoffnungslos verloren am Wohnungsmarkt"

_.._
03
3.11.2009, 17:42
wer das erlernen der sprache

des gast. bzw. zukünftigen heimatlandes als verpflichtung der zwanderer/innen formuliert wird in die rechte schublade gesteckt.
wem nützt dies?
die basis für integration ist das erlernen der sprache. für den zugang zu bildung ist da beherrschen der sprache essentiell.

Harry Y.
 
01
12.11.2009, 07:02
Nutzt auch nix,

wenn das Gros der Politiker und der Bevölkerung sich nicht von den faulen, selbstzufriedenen, vorurteilsfetten Ärschen bequemen zu bewegen.

Chocoholic
01
3.11.2009, 17:53
Die Basis fuer Integration ist das Wissen um die Andersartigkeit der Mentalitaet des Landes,

in das man zieht.

Harry Y.
 
00
13.11.2009, 16:03
In so manchen ist die Andersartigkeit

so ausgeprägt, dass sie schon abartig ist. Da kann es passieren, dass das Wissen gar nicht zu gebrauchen, weil es von der Mehrheit der Bevölkerung als unnötig betrachtet wird.

wireless
01
4.11.2009, 19:06

dieses wissen dann "praktisch" anzuwenden wäre dann der nächste schritt! jedoch ohne dem willen/(bzw. auch der notwendigkeit) die sprache zu erlernen fehlt die grundbedingung!

Chocoholic
21
4.11.2009, 19:20
Wissen anwenden? Warum? Warum sollten die Menschen anderer Laender weniger

eingebildet auf das von ihnen so als richtig Erfahrene im Umgang mit den Mitmenschen sein, als Menschen aus Oesterreich? Warum muss man sich an Menschen anbiedern, nur um ueberhaupt Zugang zu einem in dem Land bezahlte Moeglichkeiten zu bekommen? Warum muss man immer jemandem hinten hineinkriechen? Steuern zahlen reicht wohl noch nicht? Nein, man muss sich an die postergemeinde hier anbiedern, es werden die bloedesten Vortraege gehalten von wegen Sprache lernen und anpassen, aber in Wahrheit geht es hier ja um etwas anderes: Die Ehefrau hat kein Problem, nicht mit OesterreicherInnen oder Deutsch Sprachigen zu kommunizieren. Sie will einfach nicht. Deswegen soll sie gefaelligst auf der Strasse wohnen, auch wenn ihr was anderes zusteht.

Chocoholic
21
4.11.2009, 19:14
Ohne Ihre hochtrabenden Worte zerstoeren zu wollen,

aber oftmals sind hier Menschen betroffen, die nur normal begabt sind, sprich: keine besonderen Antrieb, sich oder das Umfeld zu veraendern. Bei uns gibt es ausreichend Menschen, die im Laufe des Lebens das Deutsch Schreiben verlernen, es gibt Menschen, die hier aufgewachsen sind, Deutsch Unterricht genossen haben, eine gehobene Bildung haben und der Rechtschreibung nicht maechtig. Was sollen wir mit denen tun? Uns ueber sie erheben, mit dem Zeigefinger auf sie zeigen, oder so, wie es jetzt auch ueblich ist, ihre anderen Leistungen zu honorieren, und darueber hinweg sehen, dass ein wunderbarer Techniker nun einmal keine deutsche Grammatik beherrscht, obwohl er jahrelang an der Schule war. Teil 2 folgt....

wireless
02
4.11.2009, 21:27

um perfekte deutschkenntnisse geht es eh nicht(besonders in schriftlicher form) und ein fehlen dieser Fähigkeiten ist auch absolut kein Grund für herablassende Kritik(wie hier im standard-forum oftmals zu beobachten ist)!
vielmehr gehts es um eine Basis mit der man mündlich kommunzieren und somit zumindestens (theoretisch) am öffentlichen Leben teilhaben kann! (auch wenn man es nicht will oder es aufgrund von familienstrukturen gar nicht erwünscht ist)


Chocoholic
00
6.11.2009, 15:16
Natuerlich geht es um die. Oder wie wollen Sie sich sonst im Gesetzesdschungel auskennen?

Das ist ja schon fuer viele Deutsch Sprachige die erste Huerde. Hier geht es nicht um ein Geplaenkel im Freundeskreis um Fussball oder Essen, hier geht es um rechtliche Ausdruecke, Phrasen, seitenweise Kleingedrucktes und Autoritaetendschungel.

accuser
62
3.11.2009, 17:04
Man begibt sich bei diversen Rechtspopulisten tatsächlich auf dünnes Eis.

Schlägt man sinnvolle, gangbare Lösungen vor (Stichwort: Muttersprache fördern, Deutschkurse für betroffene Gruppen gratis oder mit leistbarer Eigenbeteiligung), wird man oft sehr gereizt angefahren, was "die" denn "noch alles gratis" bekommen sollen.

Es ist zum Verzweifeln.

LPFe
00
16.11.2009, 13:37
das liegt daran ...

dass diese Menschen bei diesen Leuten generell unerwünscht sind

die angebliche Integrationsunwilligkeit dient nur als Ausrede für deren generelle rassistisch motivierte nationalistische Einstellung

s m4
05
3.11.2009, 15:29
makler-provisionen

weiter unten wurde es schon gepostet, aber gleich nochmal, weils gar so ein unrecht ist (und, sofern ich weiss, im europäischen vglch einzigartig):

Bitte, Bitte die Maklerprovision auf den Vermieter umwälzen oder zumindest auf beide Parteien aufteilen. In Wien herrscht ein derartiger Verkäufermarkt, dass (Stichwort: Gruppenbesichtigung) für 10min Arbeit (ok, nochmals 10 für internet-inserat) drei Monatsmieten fällig werden. noch dreister läufts bei befristungen: bei Verlängerung nach 3 Jahren darf man für nichts (!) nochmals eine Monatsmiete Provision nachlegen.



Leopardette
00
11.11.2009, 13:16
das mag in der theorie absolut richtig sein...

aber ich als vermieter würde mich dann sicherlich weigern, eine ganz normale 60m² wohnung überhaupt dem freien markt zur verfügung zu stellen. ich zahle die provision nämlich unter garantie nicht.

da frag ich so lange im bekanntenkreis, bis jemand jemanden kennt, der die wohnung will. die wohnungssuchenden, die in keinem diesbezüglichen netzwerk involviert sind, sind dann noch mehr auf initiativen wie die wohndrehscheibe angewiesen und die mieten für die freien wohnungen gehen noch mehr in die höhe.

max ritz
00
3.11.2009, 17:50
Mitrecht beim deutschen Nachbar

http://search.salzburg.com/articles/... mietrecht+

bin dafür die Maklergebühr auf den Vermieter abzuwälzen, dann aber auch ortsübliche Mieten!

Peter Falber
00
3.11.2009, 16:44
nein, keine teilung

das gibt es ja jetzt prinzipiell auch schon, allerdings zahlen nur die duemmsten vermieter ihren teil, weil die makler halt bei denen abkassieren, die keine wahl haben.

der auftraggeber zahlt den makler, und fertig.

das kann ja auch ein mieter sein, der den auftrag einer wohnungssuche an einen makler vergibt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 220
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.