Faymann blockt jetzt auch Gusenbauer ab, Teil 1

Thomas Mayer, DER STANDARD, 1. November 2009, 20:51

Der Kanzler und SPÖ-Chef soll wenig amüsiert sein, dass in diesem EuropaBlog die vielen Fehler, Pannen und Destruktionen bei der Nominierung der österreichischen Kandidaten für EU-Jobs aufgedeckt werden. So wie es auch dem Vizekanzler und ÖVP-Chef wohl lieber wäre, so manche Koalitionspeinlichkeit bliebe besser im Verborgenen.

Der Kanzler und SPÖ-Chef soll wenig amüsiert sein, dass in diesem EuropaBlog die vielen Fehler, Pannen und Destruktionen bei der Nominierung der österreichischen Kandidaten für EU-Jobs aufgedeckt werden. So wie es auch dem Vizekanzler und ÖVP-Chef wohl lieber wäre, so manche Koalitionspeinlichkeit bliebe besser im Verborgenen.

Verständlich. Aber was den rot-schwarzen Machthabern gegen den Strich geht, erfreut auf der anderen Seite immer mehr Leser. Darunter sind auch gar nicht wenige Europa-Profis aus Behörden und Parteien in und außerhalb von Österreich. Sie sind mit ihren Informationen sehr hilfreich. Danke für das Vertrauen.

Viele ermuntern unser Blog-Team: Weitermachen, nicht einschüchtern lassen! Es sei ein Wahnsinn, was hier gespielt und verspielt wird. Und freuen sich, dass es ein offenes Forum gibt, auf dem die Wahrheit den Menschen ohne parteipolitischen Dreh zugemutet werden kann.

So ist Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit in einer Demokratie. Nur dem fühlen wir uns hier verpflichtet.

Nachdem die Chance auf den Agrarkommissar mit Wilhelm Molterer verpasst wurde, wäre es aus österreichischer Sicht angebracht, wenn die Regierung sich darauf verständigen könnte zu versuchen, Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer zum ersten EU-Außenminister und Kommissionsvizepräsident oder Wolfgang Schüssel zum Präsidenten zu machen. Ihre Chancen sind seit dem jüngsten EU-Gipfel durchaus wieder da.

Warum? Weil die europäischen Konservativen am Donnerstag der zweiten großen Parteifamilie in der Union, den Sozialdemokraten, diesen Posten zugestanden haben und Blair nicht Präsident des Europäischen Rates wird. Man mag über Schüssel und Gusenbauer innenpolitisch denken was man will: beide sind überzeugte hochqualifizierte Kerneuropäer.

Bei Europas Sozialdemokraten schränkt sich der Kreis der Kandidaten sehr ein. Weil sie nach vielen Wahlniederlagen kaum noch Regierungen anführen, haben in der derzeitigen Konstellation bestenfalls eine Handvoll ehemaliger roter Premiers und Außenminister überhaupt eine reale Chance, in die Ziehung zu kommen: David Miliband, Paavo Lipponen, Alfred Gusenbauer, Massimo d’Alema, vielleicht Bernard Kouchner oder Elisabeth Gigou aus Frankreich. Viel mehr gibt es nicht, oder es geht nicht, weil die angestrebte geografische Balance es kaum zulässt, bzw. die Machtverhältnisse in einigen Ländern.

Im Gegenzug werden die Christdemokraten den ersten ständigen Präsidenten des Europäischen Rates stellen. Favorit dafür ist – derzeit – der Niederländer Jan Peter Balkenende. Aber Ex-Kanzler Schüssel hat Außenseiterschancen. Auch dies sollte die Faymann/Pröll-Regierung im Auge behalten und bei Gelegenheit sofort zugreifen.

Eine Regierung müsste ja dumm sein, wenn sie solche Positionen für ihr Land ausschlägt. Danach sieht es derzeit aber leider aus. Faymann und Pröll scheinen kreuzweise alles daranzusetzen, damit Gusenbauer und Schüssel nur ja nichts werden in Europa.

Pröll setzt sich bei den Christdemokraten immerhin für seinen Parteifreund Schüssel ein, zeigt aber keine Aktivität für den anderen Ex-Kanzler. Beim Kanzler und SPÖ-Chef ist es genauso, was Schüssel betrifft. Als besondere Pikanterie scheint bei Faymann aber noch dazuzukommen, dass er auch seinen Parteifreund Gusenbauer nicht nur nicht unterstützt, sondern abblockt.

Anders ist nicht zu erklären, dass er beim SPE-Parteiführer-Treffen nicht gehört haben will, dass Gusenbauer von mehreren Ländern ins Spiel gebracht wurde. Konkret: Von  spanischen, portugiesischen, französischen und deutschen Sozialdemokraten. Die können sich den Alt-Kanzler (oder Lipponen) eher vorstellen als den Briten Miliband. Grund: Von Blairs und Browns Labour erwartet sich die europäische Sozialdemokratie wenig Aufwind in der Europapolitik. Labour hat seit zehn Jahren viel versprochen, aber nichts gehalten. Miliband wäre vermutlich ein guter Außenminister, aber kein so guter roter Statthalter in der Kommission.

Das ist in Wahrheit die Chance für den vielsprachigen Gusenbauer, der seit Jugendtagen bei den Roten in Europa bestens vernetzt ist: Er kommt aus Zentraleuropa. Faymann aber erklärte rund um den Gipfel öffentlich, dass er von Kandidat Schüssel "außerhalb von Österreich noch nie etwas gehört habe" (Wofür er im deutschen Frühstücksfernsehen tags darauf verhöhnt wurde). Und auch Gusenbauer sei von niemandem ins Spiel gebracht worden.

Erst auf Nachfrage von Journalisten, dass man eigentlich von ihm als Bundeskanzler erwarten sollte, dass er sich für die Österreicher stark mache, quälte er sich ab, dass er Schüssel  "selbstverständlich unterstützen würde", wenn jemand ihn nominiert. Von Gusenbauer sagte er nichts. In der SPÖ sind viele bereits fassungslos.

Den Seinen bei den europäischen Sozialdemokraten erklärte Faymann, so berichten es Teilnehmer, dass das nicht gehe. Die Regierung habe ja schon Johannes Hahn nominiert. Den Journalisten versuchte er hinterher weiszumachen, dass Österreich ja nicht zwei Kommissare haben könne.

Klingt logisch, wäre im Extremfall aber nicht überzeugend. Denn selbstverständlich könnte die Regierung in Wien jederzeit die Nominierung von Hahn zurückziehen und einen Außenminister und Kommissionsvizepräsidenten Gusenbauer nachschieben. Es wird doch wohl niemand glauben, dass die ÖVP eine solche Sache per Veto blockieren würde, oder? Pröll würde sich zum Gespött Europas machen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 109
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superloser
00
6.11.2009, 10:26
Pröll würde sich zum Gespött machen,

Faymann ist schon die Lachnummer schlechthin.
Pröll kann quasi froh darüber sein, dass er nur der Vizekanzler ist.

pauljoe
01
3.11.2009, 02:16
Faymann ist eine katastrophe.

und das hat nichts mehr mit meiner persönlichen antipathie für den programm-smarten krone-advokaten und konstruierten fp-verurteiler zu tun der nicht mehr nur seine eigene partei zerstört.

Hans Klade
00
11.11.2009, 18:39
Faymann zieht Hahn Gusenbauer vor!

pauljoe
00
16.11.2009, 01:42

macht ihn das besser ?
- in irgendeiner form ?

callanish
01
2.11.2009, 20:22
Faymann wäre ein super Wiener Bürgermeister.

Aber auf nationaler und internationaler Ebene ist er überfordert, kann ja nicht mal Fremdsprachen ordentlich und kennt sich nicht aus.

Jake Gittes
00
2.11.2009, 20:21

Österreichische Selbstüberschätzung. Niemand kümmern diese "Figuren".

ulli52
 
03
2.11.2009, 20:15
frage an radio eriwan:

kann man sich in der europapolitik noch lächerlicher machen als unsre "spitzenpolitiker" es derzeit tun?
antwort: im prinzip ja, aber man muß schon mit der laterne am tag suchen.

*esofan*
00
2.11.2009, 19:46
jetzt reißt mir aber mal die hutschnur mit den ganzen meldungen

sowie auch den kommentaren hier.
ich sag wohl bald: habt's mich gern

Coriolan
 
03
2.11.2009, 16:32
Was mich an diesem Blog stört...

.. ebenso wie an den meisten Artikeln zu diesem Thema, ist das aus entweder gröbstem Wissensdefizit, absichtlichem Dummstellen oder hirnausgeschaltetem Abschreiben stammende Grundmotto "unseres Vertreters in Brüssel", für den sich Feymann, Pröll oder wer auch immer einsetzen müsse. Das widerspricht 100% den Aufgaben eines Kommissars, die sind KEINE MITGLIEDSSTAATVERTRETER IN DER KOMMISSION und das wurde auch von den bisherigen (auch österreichischen) Kommissaren auch nie so wahrgenommen und Journalisten wie Sie, Herr Meyer, sollten auf so einem Schwachsinn nicht weiter herumreiten. Falls Sie sich bei diesem Thema tatsächlich auskennen...

Gerhard Anders
01
3.11.2009, 10:50
Also gut, so neutral wie möglich gesagt:

Es dürfte den Interessen eines Mitgliedstaats nicht abträglich sein, eine besonders fähige Persönlichkeit mit politischem Gewicht für das Amt des Kommissars zu nominieren. Würden Sie das unterschreiben? Wenn nicht, dann würde ich das Wissensdefizit an anderer Stelle vermuten als Sie.

schaun se
15
2.11.2009, 16:17
naja

also ich bin ja nicht grad ein fan von werner faymann, aber nur weil er nicht sofort losgeheult hat, dass es stimmen pro gusenbauer gab und er sich natürlich sofort und schwerstens und was nur geht für seinen landsmann einsetzen wird, ist er noch lange kein dolm.
ball niedrig halten und im hintergrund wirken ist bei personalentscheidungen dieser art in der regel erfolgversprechender. grade bei einer institution, bei der national(istisch)e partikularinteressen eher hinderlich sind.
ein bauernvertreter, der sagt, dass den österreichischen bauern schaden entstanden ist, weil der agrarkommissar nicht aus österreich kommt, der ghört meiner meinung nach medial abgewatscht.

Zinnmo
 
00
2.11.2009, 18:24

Den österreichischen Baern entsteht Schaden, wenn der Kommisar aus einem Land mit grundlegend anderer agrarischer Struktur kommt. Die relativ kleinstrukturierte österreichische Landwirtschaft hat andere Vorraussetzungen als z.b. die Landwirtschaft in GB, Dänemark oder Ungarn mit den vielen Groß- und Größtbetrieben, oder Holland mit der industrialisiertesten Viehhaltung des Kontinents. Auch der Tierschutz ist in Österreich schärfer als in den meisten anderen EU-Staaten.

Es gibt Gründe, warum die Deutschen und die Finnen massiv für Molterer lobbyiert haben. Sehr gute Gründe.

Nik M
11
2.11.2009, 15:18

1.) Schussel ist _kein_ "ueberzeugter, hochqualifizierter Kerneuropaeer", sondern ein minderqualifizierter (nie in der Privatwirtschaft gearbeitet, nach seiner Zeit als BK auf einen Versorgungsposten im NR abgeschoben worden) Provinzpolitiker, der sich von der extremen Rechten zum Bundeskanzler machen hat lassen. Der aussenpolitische Schaden, den der Schussel angerichtet hat, ist bis heute nicht repariert.

2.) zu "Eine Regierung müsste ja dumm sein, wenn sie solche Positionen für ihr Land ausschlägt." Wuerde Schussel eine Position in Bruessel bekommen, waer das keine Position fuer "unser Land", sondern fuer Schuessels Freunde. Wie in Oe geschehen, wuerde er treu Ergebene (nicht einmal Parteifreunde) mit Posten belohnen, ansonsten ruhen.

Schilcherfreund
12
2.11.2009, 14:24
Die Bundeskanzler-Gleichung

Faymann = Gusenbauer - Intellekt

Aus meiner Sicht erreicht Faymann höchstens E0 auf der politischen SKAT-Skala.

heiliger bimbam
01
2.11.2009, 13:57
"ich habe immer gesagt...

... dass ich der oberkoffer der nation sein will. dazu stehe ich, darauf kann man sich bei mir verlassen!"

Michael Jack Dundee
 
00
3.11.2009, 16:54
Mein Tipp

Gehen Sie in die Parteipolitik!

TTV
218
2.11.2009, 13:04
Faymann ist die groesste Flasche, die man sich als Kanzler vorstellen kann.

"Meinen Parteifreund wollts ihr zum neuen EU-Aussenminister machen? Seits angrennt? Des geht net, der Koalitionspartner stellt ja scho den zukuenftigen Mehrsprachigkeitskommissar!"

Faymann ist der groesstmoegliche D**p, den man auf den Posten des Bundeskanzlers hieven konnte. Selbst bei der Wahl des EU-Aussenministers (EINES PARTEIFREUNDES!) sind ihm innenpolitische Kompromisse wichtiger. Kleinkariert, engstirnig, provinziell. Wenn er so weitermacht und Gusenbauer am Ende tatsaechlich aufgrund Faymanns Missmanagement nicht zum Zug kommen sollte, wird, so ist es meine Hoffnung, Faymann sich davon politisch nicht mehr erholen. Er schadet der Sozialdemokratie auf Jahre hinaus.

NaderNader
00
3.11.2009, 22:48
Missethon! Still alive? Surprise, surprise!

Jössas, die vielen grünen Punkterl, in der Lichtenfelsgasse muss ja Atemnot herrschen!

viet
00
2.11.2009, 18:00
Reg dich nicht auf -

Was den Sozialdemokraten (wenn überhaupt) schadet, nützt vielleicht wieder anderen. Ist eh ein Nullsummenspiel.

Es hat keine Bedeutung.

Nörgler
00
2.11.2009, 17:37
Falls ein Ösi an die EU Spitze kommt...

... hat er es sicher nicht aufgrund der Unterstützung aus der Heimat geschafft, sondern aufgrund der nicht vorhandenen Unterstützung. Aber ganz im Ernst, wir überschätzen unsere Position in Europa ganz gewaltig, und ich bin sicher dass nur bei uns den beiden Altkanzlern Chancen eingeräumt werden. Immerhin hat die EU mittlerweile 27 Mitgliedsstaaten!

horsti
00
2.11.2009, 23:09

erstaunlicherweie ist Schuessel auch schon in anderen Laendern als moeglicher Kompromisskandidat erwaehnt worden. Ihm wird sogar zugetraut, einen guten job machen zu koennen (nicht von mir persoenlich)

Kriti Kaster
00
2.11.2009, 15:15
Ja

Just N. Opinion
15
2.11.2009, 14:07
faymann schadet oesterreich.

nicht nur der sozialdemokratie.

dradiwabal
 
01
2.11.2009, 13:29

Danke für diesen Europa Block. Nur nicht einschüchtern lassen. Endlich mal ne durchgehende Berichterstattung über die Verfehlungen unserer Politiker, die auf EU-Ebene Mist bauen und dann zu Hause über die böse böse EU schimpfen.
Nur nicht einschüchtern lassen. Weiter so.

Paolo Rossi
11
2.11.2009, 12:12
Thomas Mayers Kurzzeitgedächtnis

Ein Kroner-Leserbriefschreiber als Ratsaußenminster, der Kontrahent eines richtigen Schweinderls als Ratsvorsitzender? Schon vergessen? An der Aufdeckung des letzteren war ja M. nicht ganz unbeteiligt.

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