Die Universitäten: Der unverstandene Patient

01. November 2009 17:31

Die ÖVP-Entscheidung wird ohnehin nicht nach Kompetenz getroffen werden, sondern nach dem Einfluss der Bünde und Länder

 Vielleicht hat ihn die eigene europäische Zukunft bereits beflügelt - Johannes "Gio" Hahn hat am Freitag dem studentischen Protest nachgegeben und zusätzliche 34 Millionen Euro für die Universitäten lockergemacht. Gleichzeitig hat er an einem "Runden Tisch" im ORF-Fernsehen Platz genommen und u.a. mit einer Sprecherin der Audimax-Besetzer diskutiert.

Zum Nachgeben kommt also auch noch ein politischer Schwenk. Als Minister, weil er bisher nur mit den offiziellen Studentenvertretern, der ÖH, geredet hat. Als ÖVP-Politiker, weil diese Partei Besetzungen und Spontanproteste auf der Straße nicht goutiert.

Die Volkspartei verficht seit dem Jahr 2000 (von der Anfangsphase der Ministerschaft Strasser abgesehen) einen illiberalen Demokratie-Begriff. Für Bartenstein, Gehrer & Co. waren Demos unakzeptabel.

Diese Linie vertritt offenbar auch die momentane Parteispitze. Sie sagt's nicht offen, sondern durch die Blume des Populismus. Indem deren Generalsekretär der SPÖ vorhielt: Ihre Unterstützung für die Studenten bedeute mangelnde "Solidarität mit dem Steuerzahler".

Das sagt der Sprecher einer Partei, deren verkorkste Privatisierungen (siehe ÖBB) und falsche Personalentscheidungen (siehe AUA) den Staat mittlerweile Milliarden gekostet haben - Geld, das die Unis bitter nötig hätten.

Womit wir bei den Studiengebühren wären. Unabhängig von der Debatte, ob sie gerechtfertigt sind oder nicht, tut eine Rückblende not: Kurz vor ihrer Einführung hat man das Uni-Budget genau um jenen Betrag gekürzt, der durch die Hochschul-Abgabe hereingebracht wurde. Auch hier wurde nie mit offenen Karten gespielt.

Jetzt setzt man sich einem weiteren Widerspruch aus: Kann man für Uni-Eingangsphasen (für Probesemester also) Studiengebühren verlangen? Wohl nicht. Auch fürs Probefahren vor dem Autokauf wird nichts gezahlt.

Die Ökonomisierung der Universitäten rächt sich generell. Denn die konservative Politik nimmt die eigenen Ansagen nicht ernst. Den Banken hat man von heute auf morgen Rettungsmilliarden zugesagt, den Unis verweigert man jene Milliarde, die sie eigentlich brauchen. Wer den Studenten sagt, die Unis sind für die Berufsausbildung da (und für das Wirtschaftswachstum), darf sich nicht wundern, wenn jene Studien bevorzugt werden, von denen man sich für später hohe Einkünfte erwartet. Jetzt darüber zu jammern, ist ziemlich skurril.

Trotzdem war und ist Hahn gegenüber Gehrer ein Fortschritt. Den Schmäh von den Weltklasse-Universitäten hat er ziemlich rasch verräumt. Er weiß, wie die Wirklichkeit aussieht und er kann mit der "scientific community" adäquat kommunizieren. Daher wird die Nachfolge auch eine Richtungsentscheidung. Nach der Absage des Rektorenchefs Badelt sogar eine Elferfrage.

Vorgänger wie Herta Firnberg, Heinz Fischer, Hans Tuppy, Erhard Busek, Rudolf Scholten sind eine hohe Latte. Die ÖVP-Entscheidung aber wird ohnehin nicht nach Kompetenz getroffen werden, sondern nach dem Einfluss der Bünde und Länder. Die Unis bleiben ein unverstandener Patient. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2009)

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24 Postings
Ausgeflippter Lodenfreak
02.11.2009 15:53

Weil es immer wieder einmal gesagt werden muss: sehr viele österreichische Studenten zahlen derzeit Studiengebühren und zwar wenn sie an FHs studieren und nicht an den Unis.

yofrog
03.11.2009 02:14

fhs und unis zu vergleichen ist etwas mau...

neozoe
02.11.2009 23:59

dafür müssen sie kein Risiko in Kauf nehmen, dass sie einen Platz im Kurs kriegen.

skyrock
02.11.2009 11:09
also die hohe Latte

kann ich nur bei Herta Firnberg erkennen.

rw0009
02.11.2009 10:52

Danke für ein paar sonst ignorierte Wahrheiten.

Ich glaub nur eines nicht: "Er weiß, wie die Wirklichkeit aussieht und er kann mit der "scientific community" adäquat kommunizieren." - Eher Beschönigungsrhetorik und Vorbeiagieren an den wirklichen Problemen.

Dormouse
02.11.2009 10:13

wirklich gut zum ausdruck gebracht!

alte frau
02.11.2009 09:26

guter beitrag. einen einwand muss er sich aber gefallen lassen: die massen an publizistikstudenten versprechen sich wohl kein hohes einkommen.

Superschlau
02.11.2009 14:48
wir leben in der Kommunikationsgesellschaft

wird von Politikern auf jedem Dorffest verbreitet. Folglich brauchen wir viele Kommunikationsexperten. Es ist also nicht den Studierenden anzulasten, dass sie Kommunikationswissenschaften studieren wollen, sondern der Politik, dass sie nicht bereit ist, den Marktbedarf entsprechend zu decken.

Bei guten Studienbedingungen und entsprechenden Förderungen könnten auch mehr Studenten echte Praktika absolvieren (Praxisausbildung!) statt zwecks Geld verdienen arbeiten zu gehen.

grisse78
02.11.2009 15:12

die Politik soll den Marktbedarf decken????? hm...interessant....d.h. 1000e von verbeamteten
Kommunikationsexperten....SEHR interessante Idee!!!!
so stellen sich die Studenten das heutzutage vor????

Die Wanze auf der Pflanze im Ministerbüro
01.11.2009 22:28
Ein herrlich nüchterner und doch pointierter Kommentar zu diesem Thema.

Spricht mir aus der Seele.

Vielen Dank an Sperl!


PS:
Ein kleiner Wermuthstropfen muss offenbar sein:
Tuppy passt nicht ganz in die Reihe Firnberg, Busek, Scholten, Fischer ...

IrrwahnGrausewitz
02.11.2009 09:05

Tuppy passt nicht in die Liste, er war der einzige der etwas geleistet hat.

wolf stroh
 
02.11.2009 18:25
Tuppy und Busek waren die einzigen mit Hirn

...und für die meisten hatten sie zuviel davon

chaote2
 
01.11.2009 22:07
uni

irgenwie verstehe ich als einfacher Nichtakademiker eines nicht. Einerseits will man Zugangbeschränkungen,Vorauswahl,keine Mehrkosten ect. anderseits jammert man das Österreich zuwenig Akademiker hat.
Also als Kaufmann sagt mir mein Hausverstand- mehr Akadmiker brauchen mehr Studienplätze und diese kosten mehr Geld als bisher.Aber wie will man dies mit den gleichen Mittel erreichen?
Ach ja bin ja nur ein Kaufmann habe nur rechnen gelernt.

wolf stroh
 
02.11.2009 18:26
absolut d´accord

...und das Schöne ist: man kriegt den Hausverstand zwar beim Billa, aber auf den Unis ist er verpönt!

verinus
02.11.2009 12:46

naja es kann ja nicht unser ziel sein wahllos akademier zu "produzieren". teilweise wurde das ja schon gemacht- stichwort pädaks usw.

ich halte es nicht für vernünftig in einigen fächern derartig viele studienplätze zur verfügung zu stellen, ohne auf den arbeitsmarkt zu blicken. immerhin handelt es sich bei den meisten um eine ausbildung mit dem ziel einen beruf ausüben zu können.

ehklass
02.11.2009 13:06
universitäten

bieten per definition berufsvorbereitende bildung und keine (berufs)ausbildung - daher wird von der wirtschaft das system der fachhochschulen forciert.
außerdem bin ich der ansicht, daß wir uns auch die sogenannten orchideenfächer leisten sollten und es nicht zielführend ist bei jeder studienkatalogerstellung auf die teilweise ziemlich kurzfristigen begehrlichkeiten des berufsmarkts zu schielen.

verinus
02.11.2009 17:03

wie com pirx schon schreibt würd ich nie verlangen die vermeintlich unproduktiveren orchideenfächer abzuschaffen.

aber mir kommt der momentane protest so vor, als dass sich gerade diese als nabel der welt betrachten.

die wahrheit liegt in der mitte.

aber es ist die frage zu stellen was will unsere gesellschaft.

Com Pirx
02.11.2009 14:29

Niemand verlangt die Abschaffung von Orchideenfächern. Aber Studienplatzbegrenzungen bei den Massenfächern würden sehr viel Sinn machen.

qqqq
02.11.2009 09:35
über verringerung der studienabbrecherInnen

in einem system, in dem die betreuung oft nicht vorhanden ist und wenig verbindlichkeit herrscht - den studierenden wird signalisiert, dass sie zu viele sind und, dass es daher wurscht ist ob sie da sind oder nicht - schaffen es nur die, die sich selber organisieren und motivieren können. und so gibt es studienrichtungen, in denen im jahr 600-800 studierende anfangen, aber nur 50 abschließen. der rest versickert irgendwo dazwischen.

jemandem den lebenswunsch zu verwehren und den zugang zu einem bestimmten fach zu verwehren halte ich für falsch, aber über ein auswahlverfahren (schwerpunkt motivation) ein beidseitiges commitment zu stärken ist vielleicht ein element auf dem weg raus aus dem sumpf. der übrigens mit bologna nichts zu tun hat.

Shanajio
02.11.2009 09:49

Wenn ich auch im großen und ganzen zustimme, aber wenn sich 750 von 800 Studierenden nicht selbst organisieren können, dann stimmt was nicht (mit den Studierenden).

Das natürlich die Bedingungen in diesen Studien nicht gerade leicht sind, muss auch gesagt werden. Es sind die bürokratischen Hürden, nicht die fachlichen, die ich da anspreche.

opfer der schwarzblauen Regierung
01.11.2009 17:41
tuppy - eine hohe latte?

spätestens ab tuppy war sigurd h. der wahre wissenschaftsminister - wenngleich es zur umsetzung der studiengebühren (seinem lieblingsprojekt) einer schwarzblauen regierung bedurfte...

Freigeist78
01.11.2009 18:30

Ja. Eigentlich müsste man besagtem Sigurd H. den Prozess machen wegen bewußter Zerstörung der Universitätslandschaft.
Und alles aus Hass, weil er unter Firnberg seine angestrebte Soziologie-Professur nicht bekommen hat. Die Vollrechtsfähigkeit ist auch komplett auf seinem Mist gewachsen.

Unglaublich was solche Typen anrichten können. In der SPÖ ist er als Parteimitglied ja noch unter Gehrer bei den Beratungen des Parlamentsclubs zu Bildungsfragen dabeigewesen. Aber die Genossen sind seit mehr als einem Jahrzehnt wirklich für alles zu dep....

Hermine Berg
 
02.11.2009 08:37
bravo

das trifft wirklich den kern der sache. jdesmal wenn ich den gesehen habe dachte ich immer, wie es in oesterreich moeglich ist, dass ein einziger beamter allen unis quasi die gesetze machen kann. das sind echt die zustaende, die oesterreichspezifisch schrecklich sind.

auch Freigeist
02.11.2009 00:21

Danke, endlich sagt es jemand

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