Markus Bernath

Das Ende der Entschuldigungen

1. November 2009, 17:18

Der Westen darf Hamid Karsai nicht mehr aus der Verantwortung nehmen

Das ist wohl der Tiefpunkt: Acht Jahre Krieg in Afghanistan, 10.000 Tote, Milliarden von Euro an Aufbauhilfe - und am Ende erschwindelt sich Hamid Karsai, Afghanistans inkompetenter Staatschef, durch enormen Wahlbetrug noch eine zweite Amtszeit. Schert man sich schon nicht um die Afghanen: Was werden Washington, Berlin oder London ihren Soldaten sagen, die sich für den "Aufbau der Demokratie" im Land von den Taliban in die Luft sprengen lassen? Afghanistan ist eine Niederlage der Sonderklasse für den Westen.

Aber natürlich geht es noch tiefer. Hält die kompromittierte Wahlkommission des Landes nach dem Rückzug von Karsais Herausforderer Abdullah Abdullah tatsächlich an einer Stichwahl am nächsten Samstag fest, bekommt Afghanistan zur wochenlangen Wahlkrise noch einen absurden Epilog: 90 Prozent vielleicht für den Amtsinhaber und eine lächerlich geringe Wahlbeteiligung, die den Stimmengang entwertet. Besser wäre es, Hamid Karsai ersparte allen seine legalen Bedenken und steckte sich seine nächste Amtszeit gleich in die Tasche. Kostet weniger Menschenleben und Geld.

Karsais Legitimität ist durch den Wahlbetrug und durch den Ausstieg des Gegenkandidaten untergraben. Den Paschtunen und seine Geschäftspartner in der Regierung, an die er Pfründe gegen Wohlverhalten verteilt hat, muss das nicht stören. Sie werden versuchen, die Kritik der internationalen Gemeinschaft wie gehabt auszusitzen.

Mangels Alternativen redet auch die US-Regierung das politische Debakel dieser Präsidentenwahl klein. Es ist wahr: Der frühere Außenminister Abdullah bot nie eine Garantie für einen Kurswechsel in Afghanistan. Möglich, dass auch er als Präsident den Kampf gegen die Korruption in der Regierung nicht ernst genommen hätte, den Aufbau von Polizei und Armee verschluderte und das Vertrauen eines großen Teils der Afghanen durch Bündnisse mit früheren Kriegsherren verspielte. Doch von Hamid Karsai weiß man es mittlerweile. Die Show muss nun trotzdem irgendwie weitergehen.

Durch die Betrügereien im Karsai-Lager - mehr als die Hälfte der Stimmen könnte bei der ersten Runde im August gefälscht worden sein - und den lang anhaltenden Widerstand des Präsidenten, eine Stichwahl zu akzeptieren, ist viel politisches Kapital verspielt worden. Afghanen, die begonnen haben, jenseits von Clan-Grenzen ein demokratisches Bewusstsein zu entwickeln und eine Wahl zu treffen, müssen sich heute verraten fühlen. Die Wahlfarce gibt den Taliban im Land Auftrieb, sie wird auch die Nato-Länder noch tiefer spalten. Karsais erschwindelte Präsidentschaft wird als weiteres Argument für einen Truppenabzug herhalten. Doch genau hier muss der Westen ansetzen.

Hamid Karsai, der lange die Regierung des US-Präsidenten George W. Bush blenden konnte, darf nun nicht mehr aus dem Scheinwerferlicht treten. Bushs Nachfolger Barack Obama muss den Paschtunen unter Druck setzen; Kabuls Fehlleistungen, wenn nötig, der afghanischen Öffentlichkeit darlegen; mit dem Versiegen des Geldhahns drohen; vertrauenswürdigere Personen in Karsais Kabinett platzieren; überhaupt die politische Basis verbreitern und auf eine Regierung der nationalen Einheit unter Einbeziehung von Abdullah Abdullah drängen.

Die Abzugsbefürworter haben einen Stehsatz: In Afghanistan sind schon die Sowjets mit ihrer Armee gescheitert - müssen wir den Fehler wiederholen? Das ist Unsinn. Europa, die USA, Japan wollen anders als einst der Kreml keinen autokratischen Satellitenstaat in Afghanistan errichten. Karsais Wahlschwindel ist Anlass für mehr, nicht für weniger Engagement in Afghanistan. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2009)

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23 Postings
readymate
00
2.11.2009, 15:32
Aus der Verantwortung


kann man jemanden höchstens "entlassen" oder sie ihm/ihr "abnehmen"...!

.

wuzzelbaer
00
2.11.2009, 13:53
Ich möchte wissen


welche PARTEIEN es in Afghanistan gibt.

Zu welcher Partei gehört den Herr Abdullah Abdullah?
Zu welcher Karsai?

Wenn Abdullah nicht mehr antreten will, warum stellt dann seine PARTEI keinen Alternativkandidaten auf? Sind die wie die ÖVP oder was?

Man liest über das afghanische Parteienwesen in der Presse überhaupt nichts, warum? Weil es funktionierende Parteien nicht gibt?

Dann ist es aber auch kein Wunder dass es in diesem Land keine funktionierende Demokratie gibt!

Chien de Pique
00
2.11.2009, 17:04

Sie gehören beide keiner Partei an. Es gibt zwar Parteien, aber bei den Wahlen sind die auch nicht relevant, da individuelle Personen gewählt werden, nicht Listen.
Das sieht dann so aus (AnalphabetInnen wählen nach Piktogrammen):
http://www.jemb.org/cnlists/f... iJerga.pdf

Das ist auch gut so, stellen Sie sich vor, es kommt zur Stammeszugehörigkeit, zum Clan und zur Religion auch noch die Parteizugehörigkeit als weiteres Differenzierungsmerkmal und Konfliktpotenzial hinzu.

Grammelschmalzbrot
10
2.11.2009, 13:15
Das ist Unsinn. Europa, die USA, Japan wollen anders als einst der Kreml keinen autokratischen Satellitenstaat in Afghanistan errichten.


buahahahaha!!!

Nein, nein, Bush hat seine Truppen dort aus rein humanen Gründen hin geschickt um die Afghanen zu befreien!

Die geopolitische Lage und die Rohstoffreserven haben rein gar nichts damit zu tun, gelle.

Und den Eiertanz um den Wahlbetrug zugunsten Karzais im Westen hat gar nichts damit zu tun das man UNBEDINGT Karsai haben will (und ihn sicher auch bekommt) - nein, gaaaanz sicher nicht!

Das erklährt auch weshalb man über diesen Wahlbetrug hinweg sieht, als ob diese Praxis das normalste auf der Welt sei! (Wobei - ganz ausschließen können wir das ja auch nicht)

;-)

Und sicherlich werden wir uns, sobald die Taliban vernichtet sind deren Geldgeber in Saudiarbien erledigen und die Saudis befreien!

Danke

Therimon
00
2.11.2009, 13:01
Europa, die USA, Japan wollen anders als einst der Kreml keinen autokratischen Satellitenstaat in Afghanistan errichten ...

Nein? Was nachert?

Yossarian
00
2.11.2009, 10:52
Wieso haben die USA und EU

eigentlich Afghanistan angegriffen. Die 9/11-Terroristen stammen grötenteils aus Saudi-Arabien, Ägypten und Jemen, haben das Fliegen in den USA gelernt und die Kampferfahrung in Ex-Jugoslawien gesammelt.

Frobin Jojo
01
2.11.2009, 11:39
Weil ...

... und das ist unbestritten ... das ultrakonservative Taliban-Regime der Al-Kaida eine Basis geboten hat und die Al-Kaida das, was heute als 9/11 bekannt ist, geplant hat. Der Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan war eine der verständlichsten Aktionen der Bush-Administration, die wohl auch jeder andere US-Präsident gemacht hätte (im Gegensatz zur Invasion des Irak).

Die Strategie, die dort verfolgt wurde und wohl auch noch wird ist natürlich ein Disaster. Neben militärischer Sicherheit müsste vor allem parallel Wirtschaft und Bildung in Afghanistan entwickelt werden, Straßen und Infrastruktur gebaut werden ... und das Leben dort für die Menschen sichtbar verbessert werden. Also ein Projekt auf Jahrzehnte!

Yossarian
00
2.11.2009, 17:49
Ach ja

man plant so komplexe Terroranschläge wie 9/11 aus einer Höhle in Afghanistan.

wuzzelbaer
00
2.11.2009, 08:59
Der Kardinalfehler der Afghanistan-Politik


und der gesamten Antiterror-Politik ist der, dass er DER WESTEN ist, der sie betreibt.

Sie hätte weit bessere Erfolgschancen, wenn nichrt-westliche - und zwar auch nicht-demokratische - Mächte an ihr beteiligt würden, und zwar auf Augenhöhe.

Schnapphahn
00
2.11.2009, 08:42
Raus aus Afghanistan,

oder endlich eine vernünftige Politik machen!

Hermine Berg
 
03
2.11.2009, 08:41
welcher intelligente mensch hat denn was besseres erwartet?

g.w. bush nach den haag, die einzige antwort.

papst benedikt
00
1.11.2009, 19:47

8 jahre krieg in afghanistan, 10.000 tote.

wie kommen sie auf die zahl? wer wird dazugezählt und wo findet sich der beleg dafür?

BobDuke
23
1.11.2009, 19:26
..."wollen... keinen autokratischen Satellitenstaat in Afghanistan errichten"...

Aber geh!
Wenn das stimmt dann ist es ja völlig unklar was die USA und die NATO dort wollen, eine Besetzung ohne Strategie.
Humanitäre Hilfe mit Bomben und Granaten ist ja wohl völlig unglaubwürdig.

Schnapphahn
00
2.11.2009, 08:54
Besetzung ohne Strategie.

Manchmal und immer öfter beschleicht mich der Verdacht, das es genau so ist.

Truth Digger
 
31
1.11.2009, 22:44
Auch wenn die Wahrheit zum Thema hierzulande unpopulaer geworden ist...

so stimmt es doch: Die USA, EU, Australien, Kanada und Japan haben heute sicher keine imperialistischen Motive fuer ihren Kampf gegen die Taliban.
Und auch wenn es Leute wie Sie schon vergessen haben: die Taliban sind eine fundamentalistische, demokratie- und menschenrechtsfeindliche, frauen- und maedchen unterdrueckende, terroristenausbildende und unterschlupfgewaehrende Vereinigung religioeser Fanatiker!

Die einzige Frage die sich stellt ist: Hat "der Westen" das Recht (oder sogar die Pflicht) solchen moerderischen Vereinigungen die Stirn zu bieten? Oder soll die Welt - ganz nach dem oesterreichischen Motto "see no wrong" - einfach wegschauen?

Der gelernte Oesterreicher ist natuerlich fuers Nix Tun, Schimpfen und Alles Besser Wissen!

Grammelschmalzbrot
30
2.11.2009, 13:03
Also das ist Schwachsinn hoch 10!


Natürlich hat "der Westen" dort SCHWERSTE imperialistische Interressen. Die Öl, Gas und sonstigen Rohstoffreserven dort alleine stellen schon einen Grund dar, ganz abgesehen von der geopolitischen Lage dieses Landes.

Glauben sie wirklich allen ernstes das der kapitalistischen Westen dort seine Soldaten aus reinen "humanitären" Gründen hin schickt?

Selbstverständlich wird dort nur eine willfährige Regierung installiert werden. Die USA wollen Karsai und sie werden ihn bekommen - egal was die Bevölkerung denkt!

Viel humaner als die Taliban waren und sind die Saudis auch nicht, aber die "befreit" keiner solange die ihr Öl liefern!

Truth Digger
 
00
2.11.2009, 23:43
Das Problem mit Ihrer Verschwoerungstheorie ist bloss, ...

dass Afghanistan weder Oel noch Gas oder andere nennenswerte Rohstoffe hat.
Und das wuessten Sie bereits, wenn Sie nur 10 Minuten Ihrer Zeit dazu verwendet haetten sich ueber Afghanistan zu informieren bevor Sie hier in die Tasten greifen.

wuzzelbaer
01
2.11.2009, 09:58
Warum DER WESTEN


Die westliche Wertegemeinschaft hat sich spätestens seit 1989 überlebt. Viele Demokratien sind heute nicht-westlich!

Die Zeirt, in der "der Westen" sich das Recht herausnehmen kann, unilateral für internationale Ordnung zu sorgen, ist noch länger vorbei.

Eine ECHTE internationale Staatengemeinschaft schließt Indien, Russland und China gleichberechtigt, auf Augenhöhe, ein.

Truth Digger
 
00
2.11.2009, 23:45
Und gerade Indien engagiert sich bereits in Afghanistan...

genauso wie - was wenige wissen - die Chinesen sehr stark beim Wiederaufbau des Iraks beteiligt sind. Indien und China haben kein Problem mit dem "Westen", ganz im Gegenteil. Deren Position - was Afghanistan betrifft - sind quasi ident.

papst benedikt
23
1.11.2009, 19:52

europa, die usa und japan hatten ja historisch gesehen (sagen wir mal bis 2009) noch nie ein interesse, irgendwo autokratische satellitenstaaten zu errichten.
eine sichtweise, die selbstverständlich auch mein drei jahre alter wellensittich teilt.

Hermine Berg
 
00
2.11.2009, 08:43
und der vatikan

achtet seit 2000 jahren strikt die menschenrechte.

einen moment bitte, ich muss das brett vor meinem kopf wieder neu annageln.

papst benedikt
03
2.11.2009, 09:30

ich bin nicht katholisch, weshalb ich sie auffordern muss, ihre glaubenszweifel mit ihrem beichtvater zu besprechen ;-)

Hetze ist keine Meinung
13
1.11.2009, 19:21
"Das ist Unsinn. Europa, die USA, Japan wollen anders als einst der Kreml keinen autokratischen Satellitenstaat in Afghanistan errichten."

Nein.., natürlich nicht..

LOL

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