Leonardo Boff: "Heute schreit die ganze Erde"

31. Oktober 2009, 00:25
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Befreiungstheologe: Vatikan macht rückständige Politik - Befreiungstheologie müsse auch gegen Klimawandel eintreten

Wien - "Die Befreiungstheologie lebt". Das hat der prominente brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff am Freitag bei einer Pressekonferenz der Dreikönigsaktion in Wien betont. Die in Lateinamerika entstandene kritische theologische Strömung sei zwar nicht mehr so sichtbar wie früher, weil sie weniger polemisch auftrete, das bedeute aber nicht, dass es sie nicht mehr gebe, erklärte Boff. Vielmehr müsse sie sich heute neuen dringenden Themen, wie dem Klimawandel, widmen.

"Heute schreien nicht mehr nur die Armen, es schreien auch die Wälder, das Wasser. Die ganze Erde schreit als ausgebeuteter Planet", so der Mitbegründer und einer der bedeutendsten Vertreter der Theologie der Befreiung. Die Erderwärmung müsse als besondere Herausforderung in die Befreiung der Armen und Ausgebeuteten eingeschlossen werden. Eine Einigung über den Kampf gegen den Klimawandel sei möglicherweise die "wichtigste der ganzen menschlichen Geschichte" erklärte Boff, weil es um unsere Zukunft gehe, in der unter Umständen kein Leben mehr möglich sein werde.

Der Vatikan betreibe in dieser Hinsicht eine rückständige Politik. "Der Papst versucht, die Kirche nach innen und nicht nach außen auszubauen", erklärt Boff, für den sich die zentrale Frage um eine hoffnungsvolle Zukunft für die Menschheit dreht und nicht darum, welche Zukunft das Christentum und die katholische Kirche habe. Dem heutigen Papst sei er als seinem ehemaligen Doktorvater persönlich sehr dankbar. Als Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst sei Joseph Ratzinger jedoch zu einer anderen Person geworden, weil er die Amtstheologie im Namen der Hierarchie streng vertrete, so Boff: "Ich hoffe, dass er nicht in die Geschichte als Feind der Theologie der Armen eingeht."

Den konservativen Bischofsernennungen unter Papst Benedikt XVI. begegne die brasilianische Kirche mit einer eigenen Strategie, erzählte Boff. Jeder neuernannte Bischof müsse einige Wochen in der brasilianischen Bischofskonferenz und auf Besuch in anderen Diözesen verbringen: "Da werden viele bekehrt, ohne dass wir uns direkt mit Rom konfrontieren, was wegen der ungleichen Machtpositionen sinnlos ist."

Gegenüber dem Vatikan, der den kritischen Befreiungstheologen bis zur Niederlegung seines Priesteramts gemaßregelt hat, habe er aber nie Bitterkeit verspürt, erklärte Boff. "Das ist eine Angelegenheit des vorigen Jahrhunderts und soll es auch bleiben", erklärte er. Er selbst sei stets überzeugt gewesen, dass die Sache, für die er gekämpft habe, richtig sei. "Rom hat unsere Theologie nie richtig verstanden, sie als Ideologie interpretiert und uns als Marxisten betrachtet", erklärte Boff. Dabei sei die Frage: "Wie können wir Gott als den guten Vater verkündigen in einer Welt des Elends und der Misere? Das können wir nur, wenn wir versuchen diese Welt zu verändern." (APA)

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    Portrait: Leonardo Boff - Kirchlicher Revolutionär und Anwalt der Armen

    Er gilt als "Anwalt der Armen", Mitbegründer der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und Kritiker des Vatikan und des Papstes: Leonardo Boff. Für seinen Einsatz für die Armen und für seine Publikationen zur Verbindung zwischen christlichem Glauben und sozialer Gerechtigkeit erhielt er 2001 den Alternativen Nobelpreis.

    Am 14. Dezember 1938 kommt Boff als Nachfahre italienischer Einwanderer im südbrasilianischen Ort Concordia zur Welt. Bereits 1959 tritt er dem Franziskanerorden bei und studiert Theologie und Philosophie in Petropolis (Rio de Janeiro). 1964 erhält er die Priesterweihe. Danach zieht er nach München, um dort zu promovieren. 1970 schreibt er seine Dissertation: "Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung".

    Einer ist von der Arbeit des jungen Theologen besonders begeistert: Der Regensburger Professor Josef Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. unterstützt die Veröffentlichung des Werkes finanziell. Boff erhält einen Lehrstuhl für Systematische und Ökumenische Theologie an der Universität Petropolis. Zusätzlich ist er Gastdozent an den Universitäten in Salamanca (Spanien), Lissabon (Portugal), Harvard (USA), Basel (Schweiz) und Heidelberg (Deutschland).

    In Brasilien hat sich die dortige Kirche 1968 ein neues Gesicht gegeben. 146 Bischöfe haben sich in Medellin (Kolumbien) versammelt, um die Zustände der Ärmsten in Lateinamerika anzuprangern. Daraus entwickelt sich - unter Mitwirkung von Boff - die "Befreiungstheologie". Sie interpretiert die Bibel vor dem Hintergrund der aktuellen sozialen Verhältnisse. Boff erkennt, dass seine Landsleute nicht an theoretischen Abhandlungen interessiert sind. Sie wollen Lösungen für ihre Probleme.

    Der Vatikan wirft Vertretern der neuen Strömung verdeckten Marxismus vor. 1981 erscheint Boffs Buch "Kirche - Macht und Charisma", in dem er die Strukturen des Vatikans kritisiert. 1985 kommt es zu einem Wiedersehen mit Josef Ratzinger. Der ist inzwischen Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation und zitiert Boff in den Vatikan. In einem Interview mit dem "Stern" erzählt der fließend deutsch sprechende Boff später, er habe Ratzinger mit "Grüß Eahna Gott!" begrüßt, um die Situation aufzulockern. Geholfen hat es nicht: Nach einer dreistündigen Diskussion über sein Buch wird Boff ein einjähriges "Bußschweigen" auferlegt.

    Boff hält an seiner Unterstützung für die Armen fest und veröffentlicht weitere Bücher. 1992, nachdem der Vatikan mit erneuten Sanktionen droht, verlässt er den Franziskanerorden und legt sein Amt als Priester nieder. An der Universität von Rio de Janeiro übernimmt er den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Ethik und Spiritualität, wo er bis heute lehrt.

    Altersmüde ist er nach wie vor nicht: Früher sei Ratzinger konservativ gewesen, sagt er in einem Interview; heute sei er reaktionär. Beim Lateinamerika-Besuch des Papstes 2007 wirft Boff dem Vatikan vor, eine "Theologie ohne Geist" zu propagieren. Heute lebt er mit der geschiedenen Menschenrechtsaktivistin und Mutter von sechs Kindern, Marcia Maria Monteiro de Miranda, zusammen in Petrópolis.

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