Bologna den Prozess machen

30. Oktober 2009, 18:31
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Assoziationen zu einem Transparent der protestierenden Studenten zum sogenannten Bologna-Prozess - nebst einigen Klarstellungen zur Kritik von Forschungsökonomen an einem angeblich "antiquierten Bildungsideal"

Seit einigen Tagen prangt im Stiegenhaus des Neuen Institutsgebäude der Universität Wien ein Transparent, auf dem zu lesen ist: "Macht Bologna den Prozess" . Die Ironie dieser Forderung enthüllt sich allerdings erst dem voll und ganz, der noch die leuchtenden Augen vor sich sieht, mit denen Bildungspolitiker und Universitätsreformer den "Bologna-Prozess" als entscheidenden Schritt zur Konstitution eines europäischen Hochschulraumes sahen, der nicht nur der EU enorme Wettbewerbsvorteile verschaffen, sondern auch die wirklichen oder vermeintlichen Schwächen kontinentaler Hochschultraditionen - lange Studiendauer, große Zahl von Studienabbrechern, unzureichende Berufsvorbildung, fehlende Exzellenz - mit einem Schlag beseitigen sollte.

Dass die Kritik am Bologna-Prozess nun zum Auslöser und einem zentralen Angelpunkt der studentischen Proteste geworden ist, sollte auch dann zu denken geben, wenn man solchem Aktionismus nicht unbedingt etwas abgewinnen kann. Aber allein der Witz, mit dem diese Kritik mitunter vorgetragen wird, zeugt von einer anarchischen Kreativität, die man der angeblich angepassten Studentengeneration des Konkurrenzzeitalters kaum mehr zugetraut hätte. Man wird sehen, wie sich diese Bewegung entwickelt und ob es ihr gelingt, sich vor drohenden ideologischen Verhärtungen zu schützen, die eine wache Kritik schnell in eine dogmatische Blindheit umschlagen lassen können.

Wie aber macht man dem Bologna-Prozess den Prozess? Und warum sollte man? Der im Jahre 1999 von den europäischen Bildungsministern initiierte Bologna-Prozess hat offenbar eine Eigendynamik entwickelt, die weder aus den ursprünglichen Intentionen noch aus dem Willen der Beteiligten und Betroffenen erklärt werden kann. Denn tatsächlich wird niemand etwas gegen einen europäischen Hochschulraum, Verbesserung der Studienmöglichkeiten durch Steigerung der Mobilität, vereinfachte Verfahren bei der wechselseitigen Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen sowie eine maßvolle Berufsorientierung der Studien einwenden können.

Paradoxe Anforderungen

Viel mehr als diese Gesichtspunkte und einige Hinweise zu ihrer Umsetzung enthält die ursprüngliche Bologna-Erklärung auch gar nicht. Dass daraus ein starrer Schematismus wurde, mit aufgeblähten Verwaltungen, vollgestopften Studienplänen, unnötigen Evaluierungen und zahllosen Reglementierungen gehört zu jenen Transformationen, die Anlass zur Frage geben, was an gesellschaftspolitischer Zielsetzung sich nun "eigentlich" dahinter verbergen mag.

Generell sehen sich die Universitäten durch diesen Prozess immer paradoxeren Anforderungen ausgesetzt. Einerseits soll die Akademikerrate signifikant erhöht, anderseits Studienplätze kontingentiert werden; einerseits soll die Qualität der Studiengänge steigen, andererseits sollen sie kostengünstiger werden; einerseits sollen die Universitäten autonom agieren, andererseits müssen sich alle den gleichen Standards beugen; einerseits sollen die Anforderungen erhöht werden, andererseits soll es mehr Absolventen geben; einerseits soll die Mobilität zunehmen, andererseits soll in Mindestzeit studiert werden; einerseits sollen die Grundstudien berufsqualifizierend sein, andererseits sollen sie die Grundlagen für eine weitere wissenschaftliche Ausbildung liefern. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die aktuellen Proteste können auch als Ausdruck dafür gesehen werden, dass ohne Reibungsverluste auf Dauer solche Widersprüche nicht auszuhalten sind.

Nehmen wir als ein Beispiel für diese Entwicklung die Humboldtsche Idee der Einheit von Forschung und Lehre. Natürlich zitieren Philosophen - auch wenn sie dabei "die letzten" sind (vgl. Andreas Schibanys Diskussionsbeitrag im Standard vom 29. 10.) - gerne Humboldt. Denn dieser hatte gründlich über die Fragen der Organisation eines höheren Bildungswesens nachgedacht - was man von seinen Kritiken nicht immer behaupten möchte. Seine Grundüberlegung war dabei so klar und einfach, dass sie auch von Bildungsökonomen nachvollzogen werden könnte: In modernen Gesellschaften nimmt die Bedeutung der Wissenschaften zu. Wissenschaft ist dabei nicht nur ein Verfahren zur Grundlegung technischer oder sozialer Anwendungen, sondern überhaupt die Art und Weise, in der aufgeklärte Menschen ihr Welt- und Selbstverhältnis artikulieren. - Es gibt nun drei Arten, prinzipiell damit umzugeben: Man kann in Forschungsinstitutionen das Wissen hervorbringen; man kann in Schulen das Wissen vermitteln; und man kann an Universitäten das Wissen gleichzeitig hervorbringen und vermitteln - und nur solch eine Institution wird der gesellschaftlichen Bedeutung der Wissenschaften in vollem Umfang gerecht.

Wer eine reine Lehrinstitution will, diese aber "Universität" nennt, betreibt also mindestens einen Etikettenschwindel. Was nicht bedeutet, dass es nicht solche Lehrinstitutionen geben soll und geben muss und dass nicht viele Ausbildungsgänge an solch einer Institution gut aufgehoben wären. Aber wo Universität drauf steht, sollte auch Universität drinnen sein. Und dies meint nun einmal auch die die Inanspruchnahme einer Freiheit, die nichts mit Leistungsunwillen, aber viel damit zu tun hat, dass wissenschaftliche Neugier, Kreativität und Enthusiasmus weder steuerbar noch planbar sind. Diese Faktoren und ihre Entfaltung sind für die vielbeschworene Ökonomie allerdings alles andere als bedeutungslos. Ein echter Humboldtianer wird deshalb immer behaupten, dass seine Universität letztlich auch ökonomisch effizienter, wissenschaftlich innovativer sowie gesamtgesellschaftlich gesehen profitabler ist als eine rigide auf kurzfristige Effizienz getrimmte Qualifizierungsanstalt.

Die Universität, die sich als Resultat des Bologna-Prozesses und diverser Reformen abzeichnet, sieht allerdings anders aus: Ein teilprivatisiertes kundenorientiertes Unternehmen, das unterschiedliche Segmente des Bildungsmarktes bespielen soll und seinen Output in den nun getrennten Bereichen Forschung und Lehre penibel planen möchte. Die Gewinner sind die Uni-Leitungen und ihre Bürokratien sowie die Agenturen, die diese Prozesse organisieren und überwachen.

Reform gescheitert

Aber auch an ihren eigenen Kriterien gemessen, ist dieses Modell nicht gerade von Erfolg gekrönt. Denn von den ursprünglichen Zielen der Reformen wurde - bisher zumindest - keines erreicht. Die Mobilität hat nicht zu- sondern abgenommen, aufgrund starrer Curricula ist der Wechsel der Studienorte schwieriger denn je, die Situation der frisch gebackenen Bachelors am Arbeitsmarkt ist auch jenseits der aktuellen Krise nicht besonders rosig, und auch die Studienzeiten haben sich nicht drastisch verkürzt. Sogar im Sinne der Bologna-Planer ist deshalb eine Reform der Bologna-Reform unausweichlich. Dem Bologna-Prozess den Prozess zu machen, bedeutet auch, auszuloten, welche Handlungsspielräume dafür auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene gegeben sind.

Einiges zeichnet sich dabei schon jetzt ab: Der dreijährige Bachelor wird aufgeweicht und verlängert werden, die Modularisierung der Studienpläne kann und wird in vielen Bereich zurückgenommen werden, die ECTS-Verrechnungen werden an Bedeutung verlieren, und es ist durchaus mit Bologna vereinbar, Studieneingangsphasen als echte Orientierungssemester zu gestalten, an denen das Interesse und die Eignung für eine wissenschaftsorientierte Ausbildung erfahren und gegebenenfalls korrigiert werden kann. Und dass mit prekären Beschäftigungsverhältnissen auf Dauer weder eine anspruchsvolle Lehre noch eine exzellente Forschung gewährleistet werden können, wird allmählich auch jenen dämmern, die in menschlicher Arbeitskraft prinzipiell nur ein Einsparungspotenzial sehen.

Und weil so gerne von knappen Ressourcen und ihrer effizienten Verwendung gesprochen wird, eine kleine Anregung zum Schluss: Wie wäre es, wenn Bildungsökonomen, anstatt sich über Humboldt herzumachen, einmal ausrechneten, was an materiellen und geistigen Ressourcen, was an Engagement und Zeit durch ein Reformjahrzehnt verschwendet wurde, das keines seiner proklamierten Ziele erreicht hat? (Konrad Paul Liessmann, DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2009)

Zur Person: Der Philosoph und Essayist lehrt an der Universität Wien und veröffentlichte u. a. sozusagen das Buch zur Stunde ("Theorie der Unbildung", Zsolnay 2008).

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