Erdogans Stadt der Fleißigen und Frommen

30. Oktober 2009, 17:49
28 Postings

Wohlstand für alle ist das Rezept, mit dem die konservativ-islamische Partei des Regierungschefs auch die Kurden an sich bindet - Reportage

Ein Lokalaugenschein im tüchtigen Schwabenland der Türkei.

*****

Der Beat der Webstühle klingt nach Fleiß und Fortschritt. Flauschigweiche rosa Frotteestoffe schieben sich zwischen riesigen Walzrollen hervor. Frauen legen im Sekundentakt Handtücher zusammen. Hier wird für Marco Polo, Esprit und Marks und Spencer produziert. In der Firma Sanko in Gaziantep in Anatolien arbeiten 600 Leute, pro Tag fertigen sie 14 Tonnen Handtücher für den europäischen und amerikanischen Markt an.

In Gaziantep werden 85 Prozent der türkischen Teppiche und 60 Prozent der Teigwaren produziert. Gaziantep ist die Stadt der Fensterrahmen-, der Biskuit-, Öl- und Zuckerfabriken. 39 Prozent der Waren gehen in den Irak, 25 Prozent nach Europa, sechs Prozent nach Syrien - Tendenz stark steigend.

Und Gaziantep geht es trotz der Krise relativ gut. Die Exporte sind zwar um fünf Prozent gesunken, doch gerade Syrien und der Irak sind durch ihre abgeschotteten Märkte krisenresistenter. Die 1,3 Millionen Einwohner zählende Metropole wirkt einladend, mit breiten Boulevards, auf denen dicke glänzende Autos kurven, roten Wohntürmen mit großzügigen Balkonen, Bars mit Auslagen voller Baklava, aus dem die Pistazien grün hervorquellen.

Die Löhne sind hier so hoch wie an der Westküste der Türkei - 700 Euro netto verdienen die Arbeiter etwa. Arbeitslosigkeit gibt es nur, weil der Zustrom an Migranten aus dem Südosten nicht abreißt. Seit 2000 ist die Bevölkerung in Gaziantep um 30 Prozent gestiegen, viele kommen aus Mus, Bingöl oder Urfa.

In der Stadt der Zielstrebigkeit gehören einige von ihnen längst zum Establishment. Wie etwa Cengiz Simsek, der Chef des Industrieparks, in dem 70.000 Menschen arbeiten. "Warum seid ihr Österreicher so gegen den Beitritt der Türkei zur EU?" , fragt der Unternehmer neugierig. Die EU könne davon doch nur profitieren. Für die Türkei hingegen sei der Beitritt nicht wichtig. "Wir wollen einen europäischen Lebensstandard, Ausbildung und Technologie. Aber wenn sich das alles hier so weiterentwickelt, dann brauchen wir die EU eigentlich gar nicht" , sagt Simsek mit Recht.

Gaziantep ist eine Muster-Industriestadt der Türkei. Seit den 1980er-Jahren hat die Stadt vom Südostanatolien-Entwicklungsprojekt Gap profitiert, es wurde in Bewässerung und Infrastruktur investiert.

Simsek führt den Erfolg aber auf die Tüchtigkeit der Bewohner zurück. "Wir warten nicht, dass der Staat für uns sorgt, das ist nicht so wie in Diyarbakir, wo die Leute nichts tun."

Gaziantep ist etwa 200 Kilometer von der Kurdenmetropole Diyarbakir entfernt, und trotzdem liegen Welten dazwischen. In Gaziantep definiert man sich nicht nach ethnischer Zugehörigkeit, hier ist das Schwabenland der Türkei. Es geht darum, sich ein Auto und ein Einfamilienhaus zu leisten und Teil des Erfolgs zu werden. Das beste Vehikel dazu ist die Regierungspartei AKP. Obwohl in Gaziantep bis zu 50 Prozent Kurden wohnen dürften, hat die Kurdenpartei DTP hier nur fünf Prozent Zustimmung.

"Die DTP vertritt nicht Kurden, sondern Terrorgruppen" , sagt Bürgermeister Asim Güzelbey. Hinter seinem Schreibtisch dreht sich eine kleine Weltkugel. "Aber hier bei uns gibt es keinen Terror, weil es hier Essen und Arbeit gibt." Punkt. Die AKP hat sich die Kurden in Gaziantep einfach an die Brust genommen. Sieben der zehn Stadträte stellt die AKP, drei von ihnen sind Kurden. Die islamische Volkspartei umarmt alle, und im wärmenden Wohlstand lösen sich die Probleme auf. Das ist das Rezept von Gaziantep. Während Atatürk noch auf die Nation setzte, verwendet Erdogan als Bindemittel den Stolz der Fleißigen und Frommen. "Die Mehrheit der Kurden in Gaziantep hat nicht so große Probleme" , räumt selbst Hüseyin Inan, der DTP-Vizechef der Stadt, ein. Viele Kurden würden hier nicht DTP wählen, "weil man einen Job bekommt, wenn man AKP-Anhänger ist" , erklärt er.

Doch auch in Gaziantep ist es gefährlich, Kurdisch zu sprechen, also ein Mindestmaß an Minderheitenrechten zu leben. Ibrahim Aktas, ein Lehrer und Kurde, erzählt etwa, dass er von seinem Direktor verwarnt wurde, weil er seine Muttersprache verwendete. "Zwischen Türken und Kurden gibt es in Gaziantep aber überhaupt keinen Konflikt."

Die Musikstudentin Serap Ekinci, eine Kurdin aus Diyarbakir, meint sogar, die Kurdenfrage sei vom Ausland "erfunden" worden. Ihre Kollegin Tugba Kirac, eine Türkin, ist nach dem Gazianteper Credo zutiefst fortschrittsgläubig: Diese PKK-Leute seien schlecht ausgebildet und rebellierten bloß deshalb, erklärt sie.

In Gaziantep gilt schließlich das Sprichwort: Bildung ist so viel Wert wie ein Armband aus Gold. Und zwar Bildung für alle. Bald soll es hier an der Uni ein neues Studium namens "Religionen, Geschichte, Zivilisationen" geben. "Wir wollen Intellektuelle hochziehen" , erklärt der Rektor Yavuz Caskun. Im Rahmen dieses Studiums könne man auch Kurdisch lernen. Die Regierung will an einigen Universitäten Kurdischstudien zuzulassen, um den Südosten zu befrieden und die Kurdenfrage als Teil eines größeren Modernisierungsplans zu entpolitisieren.

Rosa und gelbe Plastikblumen in hohen Vasen. Eine Atatürk-Statue auf seinem Schreibtisch, ein grimmiger Atatürk über dem Kopf, daneben zwei Porträts des freundlichen Staatspräsidenten Abdullah Gül von der AKP. Herr Caskun repräsentiert, und das ist viel mehr als zu verwalten.

Der Rektor ist stolz, mit 66 europäischen Unis Erasmus-Programme zu unterhalten. Aber er pflegt auch gute Kontakte zur Universität Aleppo in Syrien. Der AKP-Regierung ist ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten wichtig. Gefragt ist Pragmatismus und nicht Ideologie. Nachdem die Partei daran gescheitert ist, das Kopftuchverbot an Unis aufzuheben, entscheiden nun einfach die Rektoren, ob sie Studentinnen mit Kopftuch tolerieren oder nicht. Im Campus könne sowieso jede damit herumlaufen, nur im Klassenzimmer seien die Kopftücher verboten, sagt Caskun. Und wenn es dort doch eine trägt? "Das ist mir egal", sagt der Rektor. "Es wird nichts passieren." (Adelheid Wölfl aus Gaziantep/DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2009)

  • Handtücher am laufenden Band: Gaziantep, die Industriestadt im anatolischen Hinterland, ist ein Musterbeispiel für den Erfolg der Regierungspartei AKP. Die Hälfte der Einwohner sind Kurden.
    foto: standard/wölfl

    Handtücher am laufenden Band: Gaziantep, die Industriestadt im anatolischen Hinterland, ist ein Musterbeispiel für den Erfolg der Regierungspartei AKP. Die Hälfte der Einwohner sind Kurden.

Share if you care.