Eine Geschichte harter Alltäglichkeit

30. Oktober 2009, 18:01
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Historischer Dokumentarfilm über die venezolanischen Salineros: "Araya" von 1959

Lange vor dem Öl war das Salz einer der ersten Rohstoffe in der Geschichte der Menschheit. Die älteste Salzsiederei entstand vor mehr als 5000 Jahren, es ist angebracht, sich diesen enormen Zeitraum vor Augen zu halten bei dem Film Araya von Margot Benacerraf. Denn die Existenz der Salzbauern („salineros") auf einer venezolanischen Halbinsel wird hier dezidiert so gezeigt, als wären die Handgriffe und Verfahrensweisen seit Jahrhunderten mehr oder weniger dieselben geblieben.

In starkem Schwarzweiß entwickelt die Filmemacherin eine Geschichte harter Alltäglichkeit. Das Salz wird mit einfachen Werkzeugen gewonnen, es wird in großen Blöcken auf dem Rücken zum Ort der Verarbeitung getragen und dann in riesigen Bergen zum Abtransport aufgerichtet. Kinder machen diese Arbeit ebenso wie alte Männer, gegen die Versehrungen, die von der jahrelangen Arbeit kommen, gibt es keinen Schutz. Margot Benacerraf erzählt von drei Familien, zwei arbeiten im Salz, eine lebt vom Fischfang. Die unwirtliche Landschaft, in der es nahezu keine Vegetation gibt, wird von der Sonne geprägt. Fast scheint es, als gäbe es keine Beziehungen zu einer Außenwelt, nur ein aufgegebenes Seefahrerfort zeugt von einer Zeit, in der die großen Handelsschiffe der Kolonialmächte hier angelegt haben müssen.

Vergessener Festivalerfolg

Als Araya 1959 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde, gab es dafür die Goldene Palme, gemeinsam mit Hiroshima, mon amour von Alain Resnais. Danach geriet der Film aber bald wieder in Vergessenheit, erst in jüngster Zeit erfuhr er durch eine Restaurierung neue Aufmerksamkeit. Wir können Araya heute auf eine zweifache Weise sehen. Offensichtlich gibt es deutliche Anknüpfungspunkte an die klassische Dokumentarästhetik des elementaren Lebens, an Flaherty und Visconti, in dessen La terra trema auch schon die Ebene der Vermittlung und Vermarktung ins Spiel kam.

Zudem ist Araya aber auch ein früher Fall des heute so weit verbreiteten globalisierten Festivalfilms. Die 1926 in Caracas geborene Regisseurin Margot Bencarref, die in Paris an der IDHEC Film studiert hatte und schon ihren ersten Kurzfilm, Reverón, sechs Jahre zuvor auf der Berlinale präsentierte, schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Pierre Seghers. Die Koproduzenten kamen aus Frankreich, und auch der männliche Erzähler beziehungsweise Kommentator schlägt eher den Ton jener vornehmlichen Objektivität an, die seither vielfach einer (nicht zuletzt postkolonialen) Kritik unterzogen wurde.

Interessanterweise gibt es auch Parallelen zu Soy Cuba (Mikhail Kalatozov, 1964), dem sowjetisch produzierten Filmmonument der kubanischen Revolution - was dort die Zuckerrohrbauern sind, sind in Araya die Salineros. Beide stehen für eine ursprüngliche Lebensform, die zum Objekt politischer Intervention erst stilisiert werden musste. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 31.10.2009)

Araya: 1. 11., Künstlerhaus, 18.30 Uhr

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