Ein Leben am Rande des Bankrotts

30. Oktober 2009, 17:10
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Kein Land wurde mit solch einer Wucht von der Krise getroffen wie Lettland - Schulen schließen, operiert werden nur noch Notfälle

Die Menschen kämpfen sich durch - und verlieren trotzdem nicht den Humor.

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Viel zum Schlafen kommt Andris Priekulis dieser Tage nicht. Schuld daran sind seine zwei Jobs. Am Tag ist der großgewachsene 51-Jährige mit dem rundlichen Gesicht und der sanften Stimme Direktor an der "Schule Nummer 3" im Zentrum Rigas. Seit neun Jahren leitet Priekulis das Gymnasium mit 832 Schülern. Bei den Lehrern ist er beliebt, er sei "hart, aber gerecht", heißt es. Seinen Zweitjob hält er trotzdem geheim.

Dreimal in der Woche verlässt der Direktor sein Büro am Abend und fährt nicht nach Hause. Dann geht er zu einem Amtsgebäude in der Umgebung, zieht sich eine Uniform an und arbeitet die Nacht durch. Die Wirtschaftskrise hat auch den Direktor getroffen. Er ist jetzt nebenbei Nachtwächter. Priekulis muss den Eingang im Auge haben, abschließen, alle paar Stunden einen Rundgang machen. "Ich muss drei Kinder erhalten", sagt er. Mit seiner Gehaltskürzung von 60 Prozent wollte er sich nicht abfinden. "Ich kenne das aus der Sowjetzeit: Wenn es schwer wird, nimmst du die Dinge in die eigene Hand und löst deine Probleme."

Der Direktor ist nicht allein. Die Krise hat alle getroffen. Aber kein Land so hart wie Lettland. Die Wirtschaftsleistung bricht heuer um 18 Prozent ein. Die Arbeitslosigkeit ist die zweithöchste in der EU. Um dem Staatsbankrott zu entgehen, nahm Lettland einen Notkredit bei ausländischen Gebern auf. Im Gegenzug muss Riga sparen, die Regierung peitscht ein beispielloses Sparpaket durch. 100 Schulen im Land wurden geschlossen oder werden umstrukturiert, Spitäler werden dichtgemacht. Überall sonst stützen Staaten die Wirtschaft. Die Republik Lettland feuert mehr als 12.000 Bedienstete. Dabei war Lettland schon vor der Krise kein sehr wohlhabendes Land. Den Norden des Landes prägen viele heruntergekommene Dörfer. Aber dieArmut sieht man auch an den verfallenen Plattenbauten in Riga, außerhalb des Speckgürtels.

Wer dieser Tage durch Riga fährt, kann viele Menschen wie Direktor Priekulis treffen. Zweit- und Drittjobs sind gängig. Die Englischlehrerin Julia gibt nun abends Privatunterricht. Eine ihrer Kolleginnen hält Kurse für Arbeitslose.

Drei Dinge fallen in Riga auf: Die Menschen nehmen die Dinge pragmatisch. "Natürlich regen mich die Kürzung auf" , sagt eine Lehrerin. "Aber was soll die Regierung machen, wenn es kein Geld gibt?" Zweites Krisenrezept ist der Humor. Der Renner: Als die Krise losbrach, wurde der damalige lettische Finanzminister in einem Interview gefragt, was im Land los sei. "Nothing special" , "nichts Besonderes" , sagte er. Das Interview ist ein Hit auf Youtube, es gibt eigene T-Shirts und Poster. Am bemerkenswertesten in Riga ist aber die Normalität. Da bricht die Wirtschaft fast um ein Fünftel weg, und das Leben geht einfach so weiter.

"Die Krise ist hier sichtbar, es ist brutal" , sagt Morten Hansen, der Leiter der renommiertesten Wirtschaftshochschule in Riga. "Es gibt weniger Staus, Läden machen dicht. Was hätten Sie sonst erwartet, Leichen auf den Straßen?"

Mit der Wirtschaftskrise endete ein unglaublicher Boom im Baltikum, der größtenteils auf Kredit finanziert war. Lettland verteilte staatliche Mehreinnahmen aus den guten Jahren besonders eifrig und stand daher in der Krise ganz ohne Reserven dar.

"Nun findet hier ein gewaltiges Sozial-experiment statt" , sagt der Ökonom Vyacheslav Dombrovsky. Um aus der Krise herauszukommen, will Lettland seine Exporte ankurbeln. Dafür muss das Land wettbewerbsfähiger werden. Die meisten Staaten werten in dieser Situation ihre Währung ab, dadurch werden die Ausfuhren billiger.

Doch die lettische Währung ist an den Euro gekoppelt. Viele fürchten eine Abwertung. Die EU, weil sie eine Kettenreaktion vermeiden will. Fällt der Lat, fallen alle baltischen Währungen, sagt Dombrovs-ky. Das könnte den Forint treffen, "die Erschütterungen würden bis nach Österreich reichen" .

Die Regierung in Riga will aber auch nicht abwerten, weil viele Letten Fremdwährungskredite halten. Daher passiert das, was Ökonomen eine interne Abwertung nennen: Die Wirtschaft soll schrumpfen, die Löhne sinken. "Dieser Prozess ist langsam und schmerzhaft. Es ist schon jetzt eine verlorene Dekade." Zudem: Lettland ist ein Staat ohne Sozialsysteme nach westeuropäischem Muster. Nach maximal neun Monaten endet das Arbeitslosengeld, dann gibt es noch genau 65 Euro.

Vom fehlenden Auffangnetz kann Arnolds Veinbergs viel erzählen. Er ist Direktor der am Stadtrand gelegenen Uni-Klinik. Das 1910 gegründete Spital besteht aus mehr als einem Dutzend Pavillons, manche frisch renoviert, manche abbruchreif.

Das Spital hat ein Fünftel seines Budgets verloren, am Land sei es schlimmer, sagt Veinbergs. Nun wird gespart. Die radikalste Maßnahme: Wer kein Notpatient ist, wird nicht operiert. "Wer Herzprobleme hat, die nicht lebensbedrohlich sind, wird heimgeschickt" , sagt Veinbergs. Er fürchtet auch weitere Kürzungen. Groß beklagen will er sich nicht. Nur so viel: "Wer nicht medizinisch behandelt wird, wird irgendwann bestimmt zum Notfall. In der Regel wird es erst dann so richtig teuer." (András Szigetvari aus Riga/DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2009)

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    Protest in Riga gegen die Einsparungen bei den Schulen. "Rettet die Bildung" steht auf den schwarzen Ballons. Im November wollen die Lehrer streiken.

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