Ewiges Rumoren untoter Energie

30. Oktober 2009, 17:15
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In "Survival of the Dead" lässt Horrorexperte George A. Romero einmal mehr die Untoten gegen die Lebenden antreten

Diesmal geht es um die Frage, ob sich Zombies nicht vielleicht doch disziplinieren lassen.

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Slavoj Žižek weiß, wie man Funken schlägt, indem man Kino und Psychoanalyse zusammenschweißt. In einem Filmessay von Sophie Fiennes, The Pervert's Guide to Cinema (2006), erzählt der slowenische Theoretiker in seinem scharfkantigen Englisch von Alfred Hitchcock und David Lynch, von Es, Ich und Über-Ich bei den Marx Brothers, von der überlaufenden Toilette in The Conversation und von der unheimlichen, nicht lokalisierbaren Stimme in The Exorcist.

Auch um Partialobjekte, zum Beispiel um Hände, die sich verselbstständigen, oder Schuhe, die sich zum Herrn über ihre Trägerin machen, geht es. Žižek sieht in diesen Partialobjekten eine Energie verkörpert, die in jedem von uns steckt und die uns überleben wird, eine Energie, die nach unserem Tod weitermacht, eine untote Energie, deren Existenz wir erahnen und die uns Angst macht.

Unermüdliche Zombies

Seit George A. Romero 1968 Night of the Living Dead drehte, hat diese untote Energie in der Figur des Zombies eine handfeste Gestalt. Survival of the Dead ist der sechste Teil von Romeros Zombie-Zyklus, und schon der Titel verrät, dass es ums Überleben, ums Weitermachen, ums Niemals-Enden geht. Romero, inzwischen 69 Jahre alt, ist unermüdlich, und seine Zombies sind es auch. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass der neue Filme zahlreiche Möglichkeiten für Sequels schafft, Children of the Dead könnte eines heißen, Horses of the Dead ein anderes, am schönsten wäre Integration of the Dead, denn genau darum geht es.
In Romeros bisherigen Filmen zögerten die überlebenden Menschen selten, wenn es galt, sich einen Untoten per Kopfschuss vom Leibe zu halten. Diesmal zweifeln sie: Was, wenn die Zombies an der Welt der Lebenden teilhaben können?

Liberales Weltverständnis

Da der Schauplatz von Survival of the Dead über weite Strecken eine kleine Insel vor der Küste Delawares ist, drängt sich der integrative Gedanke auf. Hier kennt jeder jeden, und niemand möchte seine Ehefrau, die eigenen Kinder oder die der Nachbarn niederstrecken.

So jedenfalls sieht es der Inselpatriarch Muldoon (Richard Fitzpatrick), der seine untote Gattin an den Herd kettet - "wie es sich gehört", sagt er, was ihn in Romeros liberalem Weltentwurf nicht zum Sympathieträger macht. Die meisten Zombies hält er in Pferdeboxen, andere wiederum wie Hunde an der Leine.
Muldoons Rivale O'Flynn (Julian Richings) hält nichts von all dem, und zwar schon deshalb nicht, weil sich sein Clan und der der Muldoons seit Generationen bekriegen, ohne dass sie noch wüssten, was die Fehde einmal auslöste.

Am Ende stehen sich Muldoon und O'Flynn wie im Western gegenüber, vor der riesigen Scheibe des Vollmonds, die Pistolen im Anschlag. Man ahnt: Dieses Duell wird niemals enden. Es sei denn, einer trifft den anderen zufällig in den Kopf. Womit die grundlegende Frage, ob sich die untote Energie einhegen, kontrollieren lässt, offen bleibt. Solange sie rumort, kann Romero weitermachen. (Cristina Nord, DER STANDARD/Printausgabe, 31.10.2009)

Survival of the Dead: 2. 11., Gartenbau, 24.00 Uhr; Wh: 3. 11., Urania, 13.30 Uhr

  • Duell mit Pferdefuß: Inselpatriarch Muldoon (Richard Fitzpatrick, unten) und Rivale O'Flynn (Julian Richings).
    foto: viennale

    Duell mit Pferdefuß: Inselpatriarch Muldoon (Richard Fitzpatrick, unten) und Rivale O'Flynn (Julian Richings).

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