Buchrezension: Zurück in die Zukunft

30. Oktober 2009, 15:56
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Avraham Burg, einstiger Sprecher der Knesset, fordert in seinem kontroversiellen Buch, dass sich Israel aus dem Bann des Holocaust lösen solle

Die Shoah existiert nur im Singular. Jenes Wort, das im Hebräischen „großes Unheil" bedeutet, ist zum Signifikanten für ein unvergleichliches Ereignis geworden. In ihm schwingt mit, was wohl für immer unbeschreiblich bleiben wird: der Völkermord an sechs Millionen Juden. Historisch ist es unbestreitbar: Nie zuvor und nie wieder danach sind derart viele Menschen Opfer einer solch industriellen Tötungsmaschinerie geworden. Die Shoah, sie ist in dieser Hinsicht tatsächlich ohne Beispiel. Und doch: Gerade die Monopolisierung des Schreckens und das Beharren auf seiner historischen Einmaligkeit kann diesen Völkermord aus allen Kontexten herausreißen. Es besteht Gefahr, dass die Shoah zu einem Ereignis wird, das lähmend und zeitlos über der Zukunft schwebt.

Dieser Meinung ist zumindest Avraham Burg. Der israelische Ex-Abgeordnete der Arbeitspartei, der von 1999 bis 2003 Sprecher der Knesset und zuvor Vorsitzender der Jewish Agency gewesen ist, hat mit Thesen wie dieser in Israel für Wirbel gesorgt.

Harsche Kritik

Als dort vor zwei Jahren sein Buch Lenazeach et Hitler erschien, da schlug es ein wie eine Bombe. In bis dato nie gekannter Eindeutigkeit stellte hier einer der führenden Köpfe des Establishments Grundlagen des nationalen Selbstverständnisses in Frage. Zudem übte Burg harsche Kritik am Umgang der jüdischen Mehrheit mit der arabischen Minderheit.

Vieles ist man zu diesem Zeitpunkt von Avraham Burg bereits gewohnt gewesen. Als Präsident der Knesset ist er einst hart mit einer angeblich israelischen „Opfer-Paranoia" ins Gericht gegangen, und in zahlreichen Zeitungsartikeln hat sich der einstige Funktionär diverser zionistischer Organisationen als Post-, ja als „Anti-Zionist" geoutet. Mit Lenazeach et Hitler aber schien sich das „Enfant terrible" noch einmal selbst zu übertreffen. Jetzt beklagte Avraham Burg nicht nur einen paranoiden Unterton in vielen gesellschaftlichen Debatten, er unterstellte Israel darüber hinaus eine zunehmende
„Shoaisierungstendenz".

In diesen Tagen ist Burgs umstrittene Publikation auch auf Deutsch erschienen. Unter dem Titel Hitler besiegen dokumentiert sie dabei nicht nur eine streitbare Einlassung zu einer in weiten Teilen rein israelischen Debatte, sie legt auch einen schier undurchtrennbaren Knoten frei.

64 Jahre nach Ende der Nazi-Barbarei nämlich scheinen historische Verbrechen einstige Opfer und Täter noch immer aneinander zu binden. So, wie im Jahr 1961 der Eichmann-Prozess sowohl in Israel als auch in Europa dazu geführt hat, das lähmende Schweigen über den Holocaust zu durchbrechen, so bringt nun das Ende der Zeitzeugen abermals vergleichbare Diskurse hervor. Denn das Buch des 1950 geborenen Burg könnte der Auftakt zu einer schmerzlichen israelischen „Schlussstrichdebatte" sein. Mit großer Leidenschaft wehrt sich hier ein Nachgeborener gegen die langen Schatten von Auschwitz: „Hitler ist nicht mehr. Aber wir leiden immer noch unter seinem bösen Vermächtnis und weigern uns, uns trösten zu lassen. Es war Hitler ein Leichtes, uns unser Leben zu nehmen, und es ist schwierig für uns, Hitler aus unserem Leben zu verbannen." Für Burg ist die Shoah fälschlicherweise zu einer „theologischen Stütze der modernen jüdischen Identität" geworden.

Dabei ist er, wie einst schon Norman Finkelstein, der Meinung, dass diese Popularisierung des Schreckens weniger auf die tatsächlich Überlebenden zurückgehe; es seien vielmehr politische Interessen und irrationale Ängste dafür verantwortlich, dass Erinnerung in ein Sakrileg und Israel in ein „Auschwitz-Land" verwandelt worden sei. Mit unzähligen Gedenktagen und mit ideologischen Umformungen sei die Shoah in Israel längst wie das Ozonloch geworden: nicht zu sehen, aber immer präsent; abstrakt, aber folgenschwer.

Und diese Allgegenwart vergangener Leiden muss Konsequenzen für die Gegenwart haben. Burg jedenfalls macht die Shoah-Fixierung verantwortlich für eine überzogene israelische Sicherheitspolitik, für jüdischen Rassismus und eine geradewegs „primitive Kriegslust". Israel befände sich in einem „Traumawettbewerb". Es habe sich der Illusion verschrieben, dass die ganze Welt voll Nazis sei und man allerorten darauf warte, den Staat der Juden zu vernichten. Über diesem Wahn aber habe man die Wirklichkeit vergessen: Denn nie zuvor in der Geschichte hätten Juden so viele Verbündete in Europa und den USA gehabt, und selbst die katholische Kirche stehe wie nie zuvor eindeutig aufseiten Israels. Statt in der Geschichte steckenzubleiben, gelte es, diese Gegenwart als Chance zu begreifen. Andernfalls bestünde Gefahr, dass sich einstige Opfer zu Tätern wandelten. Aus geschlagenen Kindern würden schließlich schlagende Väter.

Zwei Jahre sind seit Erscheinen der israelischen Originalausgabe von Hitler besiegen verstrichen. Zwei Jahre, in denen die israelische Gesellschaft politisch weiter nach rechts gerutscht ist. Man mag Avraham Burgs Gedankenwelt zuweilen für zänkisch und für übertrieben halten. Vieles ist schmerzlich und vieles auch zu subjektiv. Verantwortlich für die festgefahrene Situation im Nahen Osten aber dürften vermutlich andere Ideen sein. Ideen, die weniger nach Zukunft klingen und in denen scheinbar alles bleiben muss, wie es immer schon war. (Ralf Hanselle, DER STANDARD Printausgabe, 31.10.2009)

Avraham Burg, „Hitler besiegen. Warum sich Israel endlich vom Holocaust lösen muss".
€ 22,90/280 Seiten. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009

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    foto: campus
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