Variationen des Scheiterns

30. Oktober 2009, 16:42
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Der kühn konstruierte Roman "Zwei schwarze Jäger" über versnobte Künstler und verborgene Schicksalslinien

Das steilste Stück in diesem Roman ist der Anfang - hat man den einmal überwunden, geht es sich darin ganz kommod. Obwohl: Die Vorstellung von etwas Hochaufragendem führt hier vielleicht in die Irre. Es ist eher so: Man betritt dieses Textgelände über ein Labyrinth, eine barocke Anlage, die keineswegs zum Verweilen einlädt, sondern den Eindringling auf ein Ziel hin fixiert, dessen Erreichen sie ihm zugleich konsequent verwehrt. Wer in seiner Lektüre scharf ausschreiten, ins Freie und Weite, womöglich gar auf einen Gipfel gelangen will, läuft hier Gefahr, rasch die Lust zu verlieren an Spiel und Arabeske und scheinbar ziellosem Hin und Her. (Nur wer durchhält, wird später, ganz konkret, mit einer eindrucksvollen Verbeugung vor dem Mont Blanc belohnt.)

Aber genug der metaphorischen Andeutungen. Brigitte Kronauer lässt "Zwei schwarze Jäger" mit dem Arbeitsbericht eines Alter Ego beginnen: Die Schriftstellerin Rita Palka ist ins Barockschloss des deutschen Städtchens W. zu einer Lesung geladen. Man kann nicht sagen, dass der Vielgelobten und Preisverwöhnten dort die Herzen zuflögen - gezählte acht Zuhörer lauschen, sichtlich mehr aus Pflicht denn aus Neigung, ihrem Vortrag. Allein der Organisator des Abends, der kleine Herr Schüssel, ist von Rita Palkas Roman Zwei schwarze Jäger ehrlich enthusiasmiert. Seine Frau hingegen scheint ihm und dem Erfolg der Veranstaltung geradezu entgegenzuarbeiten. Im Leseclub, eröffnet sie dem Gast zur Begrüßung, spreche man heute über ihren Lieblingsautor Carlos Heller: "Das ist nun wirklich ein hinreißender Schriftsteller! Und wer muss passen wegen schlechter Terminabsprache? Ich!"

Es folgt genau jene rasante satirische Schilderung eines provinziellen Dichterinnenauftritts, die diese Ouvertüre erwarten lässt. Kompliziert wird der Lesegenuss durch das reichlich Eingestreute: die Beschreibungen der Schlossarchitektur, die Herzensergießungen Herrn Schüssels, die muntere Ansprache des Bürgermeisters sowie die ausführliche Wiedergabe des gelesenen Textes. Als nach der Pause die Zuhörer, gestärkt mit Zwiebelkuchen, deutlich müder wirken ("Eine seelische Korpulenz machte sie zerstreut" ), beschließt die Autorin, die angekündigte Erzählung "Die Grotte" nur zum Schein zu lesen und stattdessen eine Geschichte aus dem Stegreif zu stricken, in die sie einige der Anwesenden gleich hineinwirkt. Der Abend endet mit einem Eklat, weil die Dichterin das zum wiederholten Mal gähnend aufklaffende Maul der sie boykottierenden Frau Schüssel in ihrer Scheinlesung zum Thema macht.

Während der Leser nun glaubt, nach 67 Seiten mit Rita Palka in einer Sackgasse gelandet zu sein, hat die raffinierte Brigitte Kronauer in Wahrheit dem weiteren Romangeschehen mit verdeckten Hinweisen längst Tür und Tor eröffnet. Es verwandeln sich nicht allein die "realen" Lesungsbesucher in Romanfiguren, andere auftretende Personen scheinen immer schon Erfindungen gewesen zu sein: der alte Herr Schöffel, der seinen Hund Otto sucht, der schwule Verlagslektor Heiner Krapp und sein Freund, der Kellner Rolf, dessen Schwester Uschi, ehemals Supermarkt-Kassiererin, die sich nun als Hure beruflich verwirklicht, der Maler und Schüttelreimer Fritz Grosse, dem (respektive einer Baugrube) wiederum Herr Graubube seinen Namen verdankt, Kurfürst August der Starke und Wally Mülleis, das kleinwüchsige ältere Fräulein, das sein Leben lang von einem fernreisenden Onkel träumt und sich am Schluss ertränkt.

Mit dem zweiten Teil beginnt Kronauer in etwas schlichterer Sprache gleichsam sternförmig den einzelnen Lebensläufen nachzugehen, bis spätestens in Teil drei klar wird, dass im Unterholz des Geschicks verborgene Verbindungslinien existieren und manches in dem Städtchen W., nämlich Willmersbronn, zusammenläuft, das gar zum Schauplatz eines Mordes wird.

Nicht einfach "konstruiert" ist dieser Roman, vielmehr erscheint alles Erzählfleisch wie von ständig frisch nachwachsenden Nervenbahnen durchwirkt, ohne dabei je seine Künstlichkeit einzubüßen. Es ist eine rhetorische Literatur, eine, die ihre - beträchtlichen - Mittel und Kniffe ständig ausstellt. Kronauer, eine Enthusiastin des Rufzeichens, hält stets Zwiesprache mit dem Leser.

Rita Palka behauptet, dass "alles, was als Geschichte erzählt wird, eine Beschwichtigung darstellt" : Diese Geschichten jedoch, mag die Virtuosität des Stils ihnen auch manche Spitze nehmen, sind zutiefst beunruhigend. Sie handeln in mancherlei Variationen vom Scheitern, für das letzten Endes auf rätselhafte Weise "das grämliche Würzelchen der Männer da unten" verantwortlich scheint. Mit stoischem Achselzucken und fröhlicher Abgebrühtheit turnt die Erzählerin über radikale Lebenskehrtwendungen und haarsträubende Schicksalsschläge hinweg. Zum Trost hält sie Kleinodien der Formulierungskunst bereit. Leser, die es nach handfesterer Kost verlangt, prallen an solchem Formwillen ab - wie Herr Ochs, der Kulturvereinskassenwart, der Rita Palka gegenüber seinem Namen alle Ehre machen darf: "Nur sagen Sie mal, um Gottes willen, Rita, Mädel, warum nicht weniger künstlich dichten? Warum nicht ein bisschen mehr frisch drauflos erzählt?" (Daniela Strigl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.10/01.11.2009)

Brigitte Kronauer, "Zwei schwarze Jäger". € 22,60/286 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2009

  • Alles, was als Geschichte erzählt wird, stellt eine Beschwichtigung dar: Brigitte Kronauer.
    foto: werner nitsch

    Alles, was als Geschichte erzählt wird, stellt eine Beschwichtigung dar: Brigitte Kronauer.

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