Der Zauber der Umwege

30. Oktober 2009, 16:42
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Übungen in Eleganz und Diskretion: Die Essays von Ernst Strouhal in der"Edition Transfer" zitieren Wunderdinge aus vielen Zeiten und Orten herbei

Der Kneippkurort Buckow ist weit von Wien entfernt, etwa eine Stunde Fahrzeit von Berlin gelegen. Man tut dort, "was man kann: Es gibt ein Eisenbahnmuseum und einen Naturpark, einen Beautypark und Schiffrundfahrten. (...) Der Ort ist schmuck, die Fußwege sind neu gepflastert, die Fassaden der meisten Häuser neu gestrichen." Auch für das Leibliche ist, wie man so sagt, gesorgt: "Im Restaurant am See gibt es Zander und Rollbraten, ich könne, erklärt mir die Kellnerin freundlich, auch zwischen verschiedenen Sättigungsbeilagen wählen."

Der Wiener Kulturwissenschafter Ernst Strouhal, einer der elegantesten und klügsten Essayschreiber des Landes, nimmt in diesem Band weite Umwege, um nach Buckow zu kommen: Erst im letzten Kapitel erschließt sich, in einem vom Ende her gespannten Bogen, der Titel des Buches.

Der Parcours, den der Leser zuvor zurückgelegt hat, führt in die unterschiedlichsten Regionen: Auf die Insel des Robinson Crusoe, ins Bastelzimmer von Arnold Schönberg, ins Rätselkabinett des Amerikaners Sam Loyd, auf Fußballfelder in Libyen, in Zaubervorstellungen von Harry Houdini oder in die Dingwelt in Vladimir Nabokovs Roman Ada oder Das Verlangen. Von Nabokov stammt auch das Zitat auf der hinteren Buchumschlagseite: "Von verschiedenen Orten herbeizitiert, kommen die Dinge, sich hier zu versammeln; dabei haben einige nicht nur die räumliche, sondern auch die zeitliche Entfernung zu überwinden."

Viele der hier versammelten Arbeiten Strouhals sind zuvor in anderen Kontexten und "an verschiedenen Orten" - etwa im Standard-ALBUM - veröffentlicht worden. Dennoch, und ungeachtet der Themenbreite, ist Umweg nach Buckow alles andere als ein publizistisches Zufallspotpourri, sondern ein Buch mit einem klaren inneren Zusammenhalt. Dieser Zusammenhalt wird durch die Persönlichkeit, die weit gespannten Leidenschaften und die Darstellungsqualitäten des Herbeizitierenden gewährleistet.

Strouhals Leidenschaften (in Auswahl): Die Literatur. Die Zauberkunst. Die Bricolage. Das Rätsel. Jede Art von Spiel, vor allem das Schachspiel, das Strouhal als Mitverfasser der besten deutschsprachigen Schachrubrik (blättern Sie auf Seite acht zurück!) besonders eng am Herzen gelegen ist. In "Luftmenschen" , einem zentralen Text, schildert Strouhal die Geschichte der von jüdischen Spielern und Mäzenen getragenen Wiener Schachkultur, die durch die Nazibarbarei unwiederbringlich vernichtet wurde.

Strouhals Qualitäten (ebenfalls in Auswahl): Genauigkeit, Eleganz, Diskretion, eine enorme, aber immer zurückhaltend präsentierte und in den Dienst der jeweiligen Sache gestellte Belesenheit. Selbst den Witz, über den Strouhal selbst reichlich verfügt, überlässt er oft genug taktvoll den anderen: Den Rätselmacher Sam Loyd zitiert er mit dessen Selbstcharakteristik, dass er aus der Familie eines "wohlhabenden, aber anständigen" Immobilienmaklers stamme.

Wie raffiniert Strouhal seine Texte baut, zeigt sich beispielhaft am titelgebenden Umweg nach Buckow. Es ist ein Hybrid aus zwei Reiseberichten (Karibikinsel Grenada, Buckow), einer literarisch-biografischen Auseinandersetzung mit Bert Brecht und seinen Buckower Elegien und persönlichen Überlegungen über das Leben in einer Welt, die all ihre Utopien eingebüßt hat. Die Kindheitserinnerungen an den Vater sind amalgamiert mit einer "Privatgeschichte" des VW-Käfers; die Hommage an seine Mutter, eine Ärztin, welche 1938 vor den Nazis in die Schweiz fliehen musste, ist in eine Sammlung von "fünf Kleinigkeiten" über ein Wien eingebettet, das aus der Geschichte wenig oder nichts gelernt hat: Nach ihrer Rückkehr muss sich die junge Ärztin einem Nostrifikationsverfahren stellen, bei dem ihr der Prüfer so gegenübertritt, als habe sich zwischen 1938 und 1946 rein gar nichts Außergewöhnliches zugetragen: "Wollen S' vielleicht an Kaffee?" In einer zurückhaltend und präzis geschilderten Szene werden die Schrecken der Geschichte präsent.

Dass ein Buch, das sich so wenig an den lärmenden Markt- und Massengeschmack anbiedert, dafür aber der Logik seiner Themen in bestechender Genauigkeit folgt, in der ihm gebührenden Form erscheinen kann, ist der Edition Transfer und ihrem Herausgeber Christian Reder zu danken, welcher sich das Zusammenkommen des scheinbar Disparaten und die Überschreitung von Fachgrenzen zur Aufgabe gemacht hat: "Alles Weitere bleibt offen." (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.10/01.11.2009)

Ernst Strouhal, "Umweg nach Buckow. Bildunterschriften" . € 39,90/450 Seiten. Edition Transfer im Springer Verlag, Wien 2009

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    foto: springer verlag
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